Es ist kalt in der Nacht zum 25. April 1945. Rund 300 Menschen, überwiegend Frauen, Kinder und Alte, haben in der Angermünder Marienkirche Zuflucht gesucht. Viele andere Einwohner sind schon vorher in umliegende Wälder oder Dörfer geflüchtet. Draußen tobt der Krieg mit seinem letzten Aufgebot. Noch will der deutsche Oberatleutnant Angermünde zur Festung machen, keinen Schritt weichen. Die Rote Armee steht schon in Schwedt und wird in wenigen Stunden Angermünde erreichen. Angst, Ungewissheit und Stille beherrschen den großen Kirchenraum.
Bis sich am frühen Morgen zwei Männer, der Bäckermeister Otto Miers und der Juwelier Kurt Nölte, aus der Marienkirche auf den Weg machen, um der Roten Armee direkt entgegen zu laufen, schutzlos, nur mit einem weißen Tuch und dem Flehen, die Stadt nicht zu zerstören und die Menschen leben zu lassen. Sie hatten erfahren, dass sich die Wehrmacht kurz zuvor heimlich aus dem Staub gemacht hatte. Sie sahen eine letzte Chance, Angermünde zu retten.

Jeder Angermünder kennt die legendäre Befreiungstat

So erinnerte sich der damalige Probst Bormann, der seine Kirche zum Schutz der Einwohner öffnete, und einige andere Zeitzeugen an diesen Schicksalstag für Angermünde. Und so erinnern sich 75 Jahre später Angermünder, von denen viele den Krieg nicht mehr selbst erleben mussten. Doch diese legendäre Geschichte der Rettung am 26. April 1945 kennt bis heute in Angermünde fast jeder.
Die evangelische Kirchengemeinde St. Marien will die Erinnerung mit einem Gedenkgottesdienst wachhalten. Der sollte eigentlich am Jubiläumstag, dem 26. April, stattfinden, musste jedoch wegen der Corona-Epidemie verschoben werden und fand nun vier Monate später statt. Die bewegende Geschichte, das Gedenken an das Kriegsende, an Zusammenbruch und Befreiung in Angermünde und die damit verbundene Mahnung kennen kein Verfallsdatum.

Gedenken mit Texten, Liedern und Erinnerungen

In der Friedensandacht wurde in der Marienkirche diese Nacht der Entscheidung wieder lebendig. Mit Erinnerungen von Zeitzeugen und Liedern, die diese Zeit zwischen Bangen, Hoffen und Lebenswille verkörperten, zum Beispiel von Marlene Dietrich, gestalteten Holger Müller-Brandes, Uwe Schwanebeck und Dagmar Budnick einen würdigen und sehr emotionalen Abend.

Treffender Vers des Propheten

Stephan Krämer nahm in der Predigt Bezug auf die damalige christliche Tageslosung vom 26. April 1945, ein Vers des Propheten Jeremia. Die Tageslosung der Kirche wird zufällig ausgewählt und traf an diesem Tag doch schicksalhaft genau die Ungewissheit der Menschen in Angermünde zwischen Leben und Tod. „Siehe, ich lege vor euch den Weg zum Leben und den zum Tode.“
Die beiden mutigen Angermünder Handwerker haben sich für den Weg zum Leben entschieden. Und damit das Hunderter in ihrer Stadt gerettet. Kurt Nölte nahm sich jedoch wenige Tage danach das Leben. Seine Frau und seine Schwägerin hatten die Angst in dieser Nacht nicht ausgehalten. Er folgte ihnen. Die Friedensandacht hält das Andenken und die Mahnung wach, dem Krieg nie wieder einen Nährboden zu geben, so Holger Müller-Brandis.