Keine Fahnen, keine Plakate, keine Musik. Von einem Festakt fehlt jede Spur. Züge fahren wie immer, Passanten eilen zu ihren Anschlüssen. Der Lokführer schiebt sein Seitenfenster hoch und startet das Triebfahrzeug. So gut wie nichts erinnert an ein denkwürdiges Jubiläum.
Dabei fuhr genau vor 150 Jahren - am 16. März 1863 - der erste offizielle Zug auf der neu gebauten Eisenbahnstrecke von Angermünde nach Anklam. Die geplante Gesamtverbindung bis Stralsund war nicht rechtzeitig fertig geworden, weil Brücken fehlten und die Lage des Stralsunder Bahnhofs noch unklar blieb. Erst im Oktober 1863 konnte König Wilhelm I. ungehindert von Angermünde bis zur Küste rollen.
Mit der Eisenbahn folgte die Industrialisierung eines ganzen Landstrichs. Angermünde wurde mit der bereits bestehenden Stettiner Bahnlinie nun zum wichtigen Verkehrskreuz zwischen Berlin und den Osteestädten. Handel, Gewerbe, Verkehr, Landwirtschaft veränderten sich rasant. Die Orte Greiffenberg, Wilmersdorf, Warnitz, Seehausen, Prenzlau bis Pasewalk und Anklam fanden erstmals Anschluss an das große Schienennetz.
Das ist bis heute so geblieben. Während die Bahnstrecke Berlin-Stettin seit Ende des Zweiten Weltkriegs erheblich an Bedeutung eingebüßt hat, rollt der Personen- und Güterverkehr nach Stralsund unverändert. Doch an die Gründerzeit erinnert so gut wie nichts. Die Pioniertage der Eisenbahn scheinen entlang der Gleise vergessen. Bahnhofsfest? Nein, nur Kopfschütteln im Angermünder Rathaus. Gleiche Reaktion im Ehm Welk- und Heimatmuseum. "Ich glaube, man kann uns das nachsehen", sagt Chefin Julia Wallentin.
"Eigentlich müsste die Bahn ja was dazu machen", meint Eckhard Walther vom Angermünder Heimatverein. In der dortigen Pressestelle hat man offenbar schon etwas vom Jubiläum gehört. Der Sprecher will nun bei bahnfreundlichen Vereinen nachfragen. Doch im März passiert erstmal nichts.
Der Triebwagen des Regionalexpress aus Richtung Berlin trifft an diesem runden Geburtstag später ein. Auf dem Hauptbahnhof soll es einen Selbstmordversuch gegeben haben. Doch viele Fahrgäste sitzen in dieser Vormittagszeit sowieso nicht in den Doppelstockwagen Richtung Stralsund. Die freundliche Zugbegleiterin verteilt bebilderte Kinderfahrkarten und stempelt sie zur Erinnerung. Vom Bahnjubiläum weiß auch sie nichts, staunt aber interessiert.
Am Fenster erscheint das Empfangsgebäude des schon vor Jahren geschlossenen Greiffenberger Bahnhofs. Vernagelte Fenster. Ruinenromantik ausgerechnet zum Geburtstag. In Wilmersdorf herrscht noch Leben hinter den alten Mauern. Das Haus ist gerade bei einer Auktion versteigert worden.
Dagegen zeigen sich die Bahnanlagen in Warnitz und Seehausen modern. Doch auch hier erinnert nichts an den denkwürdigen Geburtstag. Dabei haben Eisenbahnhistoriker wie der verstorbene Angermünder Erich Morlok der Stralsunder Strecke längst in einem Buch ein Denkmal gesetzt. Auch die uckermärkische Landschaftsarchitektin Christine Hinz schreibt sich die Finger wund, um auf eine Besonderheit aufmerksam zu machen. Denn zwischen Angermünde und Prenzlau entstand mit dem Bau der Eisenbahn eine extra gestaltete einzigartige Kulturlandschaft.
In der Kreisstadt hat man aber momentan keine Zeit für Bahnhofsfeste. Die Landesgartenschau steht bevor. "Wir haben allerdings am neuen Bahnhofstunnel die Geschichte auf Tafeln angebracht", informiert Stephan Diller, Chef des Dominikanerklosters. Und tatsächlich, mit schwarz-weißen Illustrationen erinnert Prenzlau in der Unterführung an die Meilensteine der Bahngeschichte. Auch an den 16. März 1863. Wenigstens etwas.
Auch weiter nördlich singt niemand ein Geburtstagsständchen. Keiner verteilt Kuchen. In Nechlin, wo es einst den Verein "Lustige Lokomotive" gab, ist Andreas Krieser vom Verein "Nechliner Signale" verstimmt. Man habe gerade die Gemeinnützigkeit verloren, eben weil Bahnhofsfeste nicht gemeinnützig seien. Dafür wird etwas später in Pasewalk gefeiert. Der dortige Verein "Lockschuppen" lässt am 4. und 5. Mai ein großes Fest steigen. Aber nicht für die Strecke Angermünde-Stralsund, sonder für die gleichaltrige Bahnlinie Stettin-Pasewalk. Irgendwie ignorieren alle die große Geburtstags-Trasse zwischen Berlin und der Ostsee.
Aber dann finden sich schließlich doch noch die treuen Eisenbahn-Enthusiasten. Das Internet gibt Auskunft. Zum 150. Geburtstag der Gesamtstrecke Angermünde-Stralsund setzt der Lausitzer Dampflok-Club am 12. Oktober 2013 einen Sonderzug ab Cottbus ein, gezogen von einer Lok mit der Bezeichnung 03 1010. Schnellzugflair der 70er Jahre. Einziger Wermutstropfen: Die Jubiläumsbahn hält zwar in Eberswalde und Pasewalk, aber nicht in Angermünde und Prenzlau.
Einer von vielen kleinen Bahnhöfen entlang der Stralsunder Strecke ist Wilmersdorf: Das Empfangsgebäude wurde gerade versteigert. Der Bahnhof Greiffenberg, eine Station zuvor, ist längst geschlossen. Die Strecke selbst ist modern und schnell. Im Herbst 1863 wurde die Bahnlinie eingeweiht.Foto: MOZ/Oliver Voigt
Ein fast vergessenes Jubiläum - am 16. März bestand die Eisenbahnlinie Angermünde-Anklam 150 Jahre