Erstmals beschwerte sich ein großer Landwirtschaftsbetrieb im Norden der Uckermark öffentlich auf der jüngsten Sitzung des Planungsausschusses in Angermünde in dieser Woche. Bei Vorsondierungen zur Ausweisung von neuen Eignungsgebieten werde Eigentumsrecht mit Füßen getreten, hieß es während der Einwohnerfragestunde. Ein betroffener Landwirt berichtete, dass angebliche Gutachter ohne Ausweis und Anmeldung fremde Felder und Wiesen betraten und sich anschließend sogar mit den aufmerksam gewordenen Eigentümern Wortgefechte lieferten.
"Uns ist bekannt, dass hier einige Firmen im Auftrag der Windunternehmen durch die Lande ziehen", so Claudia Henze, Chefin der Planungsstelle Uckermark-Barnim. "Es handelt sich dabei aber um private Aufträge. Als Planer können wir das nicht beeinflussen."
Auch der Bundesverband Windenergie reagiert überrascht auf die Kritik. "Bisher haben wir noch nicht von solchen Dingen gehört", sagt Jan Teut vom Landesverband Brandenburg. "Planer oder Gutachter sind gut beraten, den Eigentümer oder Bewirtschafter von Feldern zumindest vorher zu informieren." Das sei ohnehin nur mit deren Zustimmung möglich.
Hintergrund solcher Auseinandersetzungen vor Ort ist der Kampf um Windeignungsgebiete in der Uckermark und jetzt vor allem in den neu geplanten Bereichen im Landkreis Barnim. Es geht dabei um jeden Hektar Land, der möglicherweise für die Energiegewinnung in Frage kommt und mit Strommühlen bebaut werden kann. Wer rechtzeitig am Zuge ist, sichert sich schnell den Zugriff, und zwar noch in der Planungsphase. Daher sind Gutachter, Fachfirmen, Vermesser und Planungsbüros überall unterwegs, um ihre Bereiche abzustecken, obwohl ihnen der Acker noch gar nicht gehört. Hinzu kommen Drittfirmen, die für die Strommühlenbetreiber eigene Naturschutzgutachten erarbeiten und seltene Vögel besuchen und zählen. Dazu müssen sie fremdes Eigentum betreten.
Häufig geht es dabei gar nicht um den eigentlichen Vogelschutz, sondern um andere Interessen. Doch kein Argument kann ein Windgebiet schneller verhindern als das Auftreten einer höchst seltenen schützenswerten Tierart. Und so kommt es immer wieder zu langen Auseinandersetzungen, weil niemand genau weiß, wo sich gerade welcher Wachtelkönig, Schwarzstorch oder Kranich aufhält. "Häufig werden Daten gemeldet, die nicht mehr aktuell sind", berichtet Jan Teut. "Um dagegen angehen zu können, beauftragen wir zum Selbstkostenpreis eigene Gutachter, die eine Bewertung vornehmen." So käme es häufig vor, dass die gemeldeten Vögel gar nicht da sind. Inzwischen sorgt ausgerechnet die Windkraft dafür, dass massenhaft Daten über seltene Arten in umkämpften Windgebieten vorliegen.
Doch auch die Planungsgemeinschaft steht vor einem Problem. Seit mehreren Jahren kommt kein neuer Windplan für Uckermark-Barnim zustande. Immer wieder ändern sich vorgesehene Windfelder wegen der "Einarbeitung aktualisierter avifaunistischer Bewertungen", wie sich das im Planerdeutsch nennt. So wollte die jüngste Sitzung des Planungsausschusses eigentlich alle neuen Felder für den Windplan in dieser Woche abschließend behandeln. Doch stattdessen fehlen wieder Gutachten und Daten für die sogenannten Suchräume in Briest, Groß Pinnow, Hohenselchow-Hohenreinkendorf, Passow-Mark Landin und Woltersdorf.
Bei zwölf Gebieten hat es allein seit August teils erhebliche Flächenveränderungen wegen neuer Erkenntnisse über Fledermäuse, Großvögel oder schützenswerte Biotope gegeben. Das führt dazu, dass zum Beispiel die Windfelder Neukünkendorf auf 256 Hektar oder Tantow auf 297 Hektar wachsen sollen. Ludwigsburg, Prenden und Wandlitz werden dagegen nach aktuellem Stand kleiner als geplant.