Seit 20 Jahren lebt Hannelore Schütze im AWO-Seniorenheim am Tierpark. Sie fühlt sich wohl, auch weil sie sich von den Mitarbeitern und der Heimleitung liebevoll umsorgt weiß. Doch seit einiger Zeit herrscht Unruhe unter den Bewohnern. Die Heimleitung wurde ausgewechselt. Die langjährige Heimleiterin Ruth Koch musste aus Krankheitsgründen ausscheiden. Die Pflegedienstleiterin Regina Bressem wurde ins AWO-Seniorenzentrum am Stadtwall versetzt. Sie hat inzwischen selbst gekündigt und eine neue Arbeit gefunden.
Auch im AWO-Heim am Stadtwall wechselte die Heimleitung nach der überraschenden Entlassung von Siegrid Korepkat. Ehemaligen Mitarbeitern wurde von der AWO-Geschäftsführung Frankfurt (Oder) sogar Hausverbot erteilt, bestätigte eine ehemalige Beschäftigte.
Für Hannelore Schütze bricht eine Welt zusammen. „Wir sind so traurig, dass wir uns nicht einmal von den Frauen, die uns über Jahre so liebevoll und aufopferungsvoll umsorgt haben, verabschieden können, weil sie uns nicht besuchen dürfen“, klagt die betagte Bewohnerin.
Mit den Personalquerelen in den Angermünder AWO-Heimen beschäftigen sich derzeit auch das Arbeitsgericht in Eberswalde und der Bezirksverband der ver.di-Gewerkschaft. „Nach unserer Einschätzung ist das ein außergewöhnlicher Fall. Hier wurden offensichtlich seitens der Geschäftsführung gut funktionierende Strukturen und ein gutes Betriebsklima zerstört“, schildert der zuständige Gewerkschaftssekretär Grischa Hochsieder seine Sicht der Situation. Die Hintergründe liegen nach seiner Ansicht im Versuch leitender Mitarbeiter der Angermünder Heime, sich gegen Positionen der Geschäftsführung zu stellen. „Wer was sagt, muss gehen“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. Viele wollen aus Angst anonym bleiben. Konkret im Haus am Tierpark hatte man sich nach Informationen der Gewerkschaft für eine Mitarbeiterin eingesetzt, die inzwischen selbst gegen den Arbeitgeber klagt. Die junge Frau hatte einen befristeten Arbeitsvertrag als Altenpflegerin. „Bei Gesprächen um eine Verlängerung ihres Vertrages habe sie gewagt zu fragen, warum sie nicht auch Schicht-Zuschläge wie ihre Kolleginnen für die gleiche Arbeit erhalte. Unterstützt wurde sie dabei von der Heimleitung, die die junge Kollegin gern im Team behalten hätte“, berichtet Grischa Hochsieder. Daraufhin habe nach Einschätzung der Gewerkschaft die AWO-Geschäftsführung massiven Druck aufgebaut, um Heimleitung und Mitarbeiter gefügig zu machen, die sich zu wehren versuchten. „Die Pflegedienstleiterin wurde zwangsversetzt und nur noch als Altenpflegerin weiterbeschäftigt, was für uns völlig unverständlich und rechtlich nicht haltbar ist. Wir haben in einem arbeitsgerichtlichen Verfahren versucht, die Versetzung rückgängig zu machen. Inzwischen hat die Kollegin jedoch selbst gekündigt, weil das Vertrauensverhältnis zerstört sei“, berichtet Grischa Hochsieder.
Heimleiterin Ruth Koch schied nach eigener Aussage aus gesundheitlichen Gründen aus. Zu weiteren Personalien wolle sie sich nicht äußern. Es habe jedoch keinerlei Unregelmäßigkeiten gegeben, wirkt sie Gerüchten entgegen. „Ich habe meine Arbeit sehr gern getan und danke allen Bewohnern, Angehörigen und Partnern für die langjährige gute Zusammenarbeit“, sagte sie gegenüber der MOZ.
Ver.di habe sich nach eigenen Aussagen um außergerichtliche Klärung mit der AWO-Geschäftsführung in Frankfurt bemüht, jedoch keine Reaktion auf ihr Angebot erhalten. „Für uns ist es völlig unverständlich, wie hier gut funktionierende Strukturen kaputt gemacht werden. Die Geschäftsführung müsste eigentlich froh sein, wenn es gut läuft, das Betriebsklima stimmt, man selbstständig und kollegial Krankheitsausfälle auffängt. Die Fluktuation im AWO-Heim am Tierpark war sehr gering. Die Bewohner und Angehörigen waren zufrieden. Das AWO-Heim am Tierpark hatte einen guten Ruf. Jeder Träger wäre dankbar für so eine Einrichtung. Da gibt es gerade in der Pflegebranche ganz andere Beispiele“, wundert sich Gewerkschafter Grischa Hochsieder.
AWO-Geschäftsführer Norbert Knak äußerte sich gegenüber der Märkischen Oderzeitung nicht zu den Vorwürfen. Personalfragen seien Betriebsinterna, die dem Datenschutz unterliegen und die man nicht in die Öffentlichkeit tragen werde, so Knak auf Anfragen der MOZ.
„Die Bewohner der Heime haben eine Antwort verdient!“, fordert dagegen Ute Betker aus Angermünde. Sie hat sich nun mit den Fragen der Bewohner und Angehörigen an die Beratungsstelle „Pflege in Not Brandenburg“ gewandt.
Grischa Hochsieder bedauert, dass es im Haus am Tierpark keinen Betriebsrat gibt. Die Möglichkeiten der Gewerkschaft, Arbeitnehmerrechte durchzusetzen, wären dann größer. Den neu zu gründen oder einen gemeinsamen Betriebsrat mit dem Heim am Stadtwall zu bilden, wolle ver.di unterstützen.