Das alte Handwerk stirbt aus. Wissen sie noch, wo von Hand geschmiedet, gewebt, geschnitzt wird? Axel Reinicke und seine Mitstreiter vom Uckermärkischen Studienzentrum Leuchtfeuer versuchen als Wikinger, die Erinnerung wachzuhalten und Wissen zu vermitteln.
Auf einer selbstgebauten Schnitzbank sitzt Axel Reinicke am Wochenende mitten in einem Wikingerlager auf der Angermünder Klosterwiese. Gebaut ist der Mann wie ein Wikinger und auch so gekleidet. Wikinger waren die sagenhaften Krieger und Seefahrer, die im Frühmittelalter ganze Weltreiche eroberten und mit aufbauten. Bis nach Amerika sollen einige mit ihren mit dem Drachenkopf geschmückten Schiffen noch vor Kolumbus gekommen sein.
Auf Reisen gehen die uckermärkischen Wikinger auch: Sie ziehen durch Schulen, Kitas und über die Marktplätze, um Wissen über altes Handwerk zu vermitteln oder es zumindest wachzuhalten. „Wir vom Verein Studienzentrum Leuchtfeuer verstehen uns als Lehreinrichtung, zeigen altes Handwerk und vermitteln die damalige Lebensweise“, betont der Familienvater Reinicke. Mittelaltervereine sind wegen des Zeitaufwands meist Familiensache. So auch an diesem Wochenende mit der Familienakademie „Altes Handwerk – neue Wege“ in Angermünde. Reinicke fügt noch hinzu: „Das hier kostet nix, auf anderen Mittelaltermärkten muss teuer Geld bezahlt werden.“
Reinicke hängen eine dicke Bernsteinkette und Erinnerungsmarken an Mittelaltermärkte und Wettkämpfe um den Hals. Er schnitzt an einer Schale und schwitzt ein wenig in der Sonne. Die Holzbank verfügt über eine einfache, aber raffinierte Haltevorrichtung für das Werkstück.
Er ist nicht der einzige Mittelalter-Handwerker auf dem Platz. Diesmal sind auch viele Freunde aus Polen dabei. Bel Hird aus Bialogard bei Stettin und Iwona Wardel backen unter freiem Himmel kleine Brote oder Brötchen. Krzysztof Stobiecki malt mit Jungen Wappen auf hölzerne Schwarzwolf-Schilder. Malyonate Just sitzt an einem kleinen, einfachen Webstuhl und webt aus gesponnenen Leinen Stoffe und kleine Bänder.
Unterm Zelt von Christian Kracke kann die Familie Helmecke nicht die Augen von dessen Fingern lassen. Geschickt schiebt der bei den Rittern im Mittelalter „Panzermacher“ genannte Handwerker Ring um Ring zu einem Kettenhemd zusammen. Er reicht ein fertiges Ringpanzerhemd zum Anfassen herüber. „15 bis 20 Kilo wiegt es und besteht aus ungefähr 12 000 von Hand gefertigten Ringen“, erklärt er der Familie. Ein bis zwei Monate kann die Herstellung schon dauern. Deshalb gehört zu den höchsten Tugenden eines „Panzermachers“ Geduld.
Auch das lodernde Schmiedefeuer von Helge Gerhard lockte erwachsene Männer und kleine Jungen. Schmied Gerhard ist Landmaschinenschlosser, erzählt er Henry Matern aus Greiffenberg. Sein Vater war gelernter Schmied. Heute kommen Nachbarn zu ihm, wenn ein Schmied gebraucht wird. „Wo gibt es denn sonst noch welche?“, fragte er. Überall dürfen Kinder fragen, schauen, mitmachen. Wer sich traut, der bekommt eine Urkunde „Altes Handwerk“ fürs Weben, Knüpfen, Bogenschießen, Schmieden, Waffenkunde und mehr von den Schwarzwölfen. Christian Schernath, Rey Nowotarski, Jakob Am Ende, Stefan Zocher und Axel Reinicke greifen dann irgendwann zu Langaxt, Ger (Speer). Schild und Schwert und zeigen stilecht gewandet während eines Schaukampfes, wofür die Wikinger neben ihrer Handwerkskunst noch berühmt waren – als Krieger, die ihre Waffen gekonnt zu führen verstanden und keinen Feind fürchteten. „Nur ein Prozent der Wikinger sind umhergezogen und hat geplündert. Die anderen waren friedliche und sesshafte Händler“, sagte Reineke.
Axel Reineke ist Sippenältester der Darstellertruppe „Schwarzwölfe“. Deren Mitglieder kommen aus der ganzen Region. Sie haben Truhen, Tische und Scherenstühle des Wikingerlagers nach Originalen nachgebaut. „Ich bin auch ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger. Deshalb geht es mir darum, Geschichte für Kinder und Erwachsene erlebbar zu machen“, erklärt er sein Engagement.