Eigentlich ist der Dschungel der komplizierten Sozialgesetze nicht die Spielwiese, auf der sich Stefan Zierke gewöhnlich tummelt. Der ehemalige Chef des Uckermärkischen Tourismusverbandes arbeitet im Bundestag in den Ausschüssen für Tourismus und Infrastruktur. Dennoch zog ihn ausgerechnet eine Geschäftsidee nach Angermünde, die nur im Entferntesten mit Tourismus zu tun hat, dafür aber im Sozialbereich neue Wege geht. Als Sprecher aller SPD-Abgeordneten im Bundestag sieht er es als seine Aufgabe, besondere Initiativen auch auf anderen Gebieten populär zu machen und Probleme und Anregungen, die er vor Ort erfährt, in die Diskussion zu bringen. So besuchte Stefan Zierke am Donnerstag die Gesellschaft für Pflege und Gesundheit und das Familientherapiezentrum in Angermünde. Dahinter steht ein komplexes Netzwerk von Beratungs-, Betreuungs- und Therapieangeboten für Kinder und Familien, für behinderte Menschen und Senioren, die vom niedrigschwelligen ehrenamtlichen Angebot bis zu spezialisierten, professionellen Fachangeboten reicht.
Diese Idee reifte Geschäftsgründerin Anja Pfeifer und ihrem Team nach und nach, auch durch eigene Erfahrungen in der Familie. Sie ist mit ihrem Konzept noch lange nicht am Ende. Sowohl in ihrem Büro für gesetzliche Betreuung als auch als Mutter eines behinderten Kindes musste sie immer wieder die Erfahrung machen, dass es vielen Menschen in Problemsituationen schwerfällt, sich im Dschungel der Gesetze und Zuständigkeiten zwischen Sozialamt, Pflege-, Krankenkasse, Jugendamt, Betreuungsbehörde zurechtzufinden. Viele wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen, geschweige denn, welche Hilfen und Unterstützungen ihnen zustehen. Darüber hinaus fehlen für bestimmte Klientelgruppen maßgeschneiderte Betreuungsangebote. Da ist der durch Verletzungen schwer behinderte 25-Jährige, der zu Hause nicht gepflegt werden kann, aber in einem Pflegeheim fehlplatziert wäre. Da ist die intelligenzgeminderte junge Mutter, die mit ihrem Kleinkind nicht länger im Mutter-Kind-Heim bleiben kann, aber allein in einer eigenen Wohnung nicht zurechtkommt. Da ist der 16-jährige Autist, der nach eineinhalb Jahren Klinikaufenthalt entlassen werden soll, aber keiner weiß richtig, wohin. Anja Pfeifer hatte aus diesen Erfahrungen heraus die Gesellschaft für Pflege und Gesundheit GfG gegründet, die auch Kinder- und Jugendpflege anbietet, und vor knapp einem Jahr eine ambulant betreute Wohngruppe in der Schleusenstraße eröffnet, in der solche Menschen mit Handicaps und unterschiedlichen Alters zusammenleben. Der Jüngste ist 16, die Älteste 70 Jahre alt. "Das funktioniert wunderbar, weil jeder anders bedürftig ist und dadurch die anderen auch stützen kann", sagt Anja Pfeifer. Ein Gästezimmer im Haus könnte bei Bedarf für Kurzurlaub von behinderten Menschen genutzt werden.
Nebenan sind Praxen für Ergotherapie, Logopädie, Psycho- und Physiotherapie eingezogen. Auch der Kinderschutzbund hat hier sein Büro und alles zusammen bildet das Familientherapiezentrum. Jetzt will auch das Netzwerk Gesunde Kinder sich unter diesem Dach mit Angeboten wieder in Angermünde niederlassen. So können durch die räumliche Nähe und die fachliche Vernetzung Probleme schon in den ersten Anfängen erkannt und Hilfs- und Beratungsangebote vermittelt werden, ohne Betroffene von Pontius zu Pilatus zu schicken. "Wir machen die Hilfen für den Betroffenen passend, statt ihn den Hilfestrukturen anzupassen", sagt Anja Pfeifer.
Für Stefan Zierke ist das Angermünder Geschäftsmodell Lobbyismus im positivsten Sinne. "Gesetze sind nur ein Rahmen, kein Korsett. Wir stecken Milliarden ins Sozialsystem, aber es muss am Ende bei den Betroffenen ankommen. Hier steht wirklich der Mensch mit seinen individuellen Bedürfnissen im Mittelpunkt, für den die beste Lösung maßgeschneidert wird", meinte er.