Eine junge Frau auf der Suche, nach dem Sinn des Daseins unter dem Schein der Dinge, ein kleines Bäuerlein, dessen Kuh erst zum verfolgten Staatsfeind und dann zum gefeierten Nationalheld wird, weil sie arglos am Bild des Präsidenten knabberte. Gegensätzlicher hätten die Preisträgergeschichten nicht sein können. Beide haben die fünfköpfige Jury auf ihre eigene Weise berührt und überzeugt, so dass sie sich entschied, den mit 2000 Euro datierten Ehm Welk-Literaturpreis in diesem Jahr zu teilen. Seit 1992 wird er alle zwei Jahre vom Landrat beziehungsweise der Landrätin der Uckermark verliehen. Und nun, zur 15. Preisverleihung 2020, ergänzen Sandra Gugic und Munir Hamid Najir die lange Liste der Preisträger.

Auszeichnung im Refektorium des Dominikanerklosters

Zum ersten Mal findet die Auszeichnung jedoch nicht in Angermünde beziehungsweise Biesenbrow, dem Geburtsort von Ehm Welk statt, sondern ausnahmsweise in Prenzlau. „Wir mussten ganz kurzfristig einen Alternativstandort finden, weil das neue Museum in Angermünde, wo die Verleihung stattfinden sollte, noch nicht öffentlich nutzbar ist“, erklärte Landrätin Karina Dörk und freute sich, das Dominikanerkloster Prenzlau als würdigen Ausweich nutzen zu dürfen. Hier im Refektorium, dem „schönsten Raum der Uckermark“, wie Prenzlaus Bürgermeister Hendryk Sommer seinen Stolz nicht verhehlte, einmal Gastgeber des Ehm Welk-Literaturpreises sein zu dürfen, fand in sehr kleiner Runde die Würdigung der Preisträger 2020 statt.

Ausschreibung mit Rekordbeteiligung

Wegen der Corona-Beschränkungen durften nur geladene Gäste anwesend sein. Zu ihnen gehörte Frank Bretsch, der als Vorsitzender des Ehm Welk-Vermächtnisvereins die Tradition auch in Prenzlau hoch hielt. „Das Refektorium ist ein würdiger Ort in der Hauptstadt der Uckermark und der weltoffene Ehm Welk hätte sicher auch hier seine Freude“, meinte Frank Bretsch. Ehm Welk, dessen Heimat Angermünde und der Literaturpreis hätten es verdient, über weite Grenzen hinaus bekannt gemacht zu werden.
Das ist mit der landesweiten Ausschreibung auf Berlin und Brandenburg auch gelungen. Mit 67 Einsendungen wurde in diesem Jahr eine Rekordbeteiligung erreicht. Zwei Drittel der Einsendungen tragen die Handschrift Berliner Autoren, ein Drittel kommen aus Brandenburg, darunter 18 aus der Uckermark. Die jüngste Autorin ist 15, der Älteste über 80. So bunt das Teilnehmerfeld, so vielfältig waren auch die Beiträge. Lyrik und Prosa, historische Themen, Gegenwartsgeschichten, Biografisches, Naturbeschreibungen und auch aktuelle Probleme wie Corona, Nachdenkliches, Heiteres, Poetisches, Skurriles suchten literarischen Ausdruck.

Herausforderung für die Jury

Für die Jury unter der Leitung von Stephan Diller, dem Vorsitzenden der Uckermärkischen Literaturgesellschaft, war es in diesem Jahr eine ganz besondere Herausforderung, aus dieser Vielfalt und Menge der Texte die Favoriten und daraus schließlich einen Preisträger herauszufiltern. Immer wieder wurde diskutiert und abgestimmt, bis nach vielen Runden der, beziehungsweise die Preisträger feststanden.
Für Sandra Gugic und Munir Hamid Naji ist es nicht die erste literarische Auszeichnung. Die aus Österreich stammende Sandra Gugic ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihre Erzählung „Wachen“ über eine junge Mutter, die mit ihrer kleinen Familie Urlaub am Meer in einer luxuriösen aber sterilen Ferienhaussiedlung macht und nachdenklich dieses eigentlich gute Leben betrachtet, ist ein bisher unveröffentlichter Text. „Sie besticht durch ihren ruhigen, unaufgeregten Text, in dem man das Vibrieren unter der Oberfläche spürt. Als bräche gleich etwas auf oder aus. Die Uniformierung im Design-Land, einem sicheren Staat voller Wohlstand“, beschreibt Kena Hüsers, was den Beitrag auszeichnet. Kena Hüsers ist Ehm Welk-Preisträgerin 2018 und hält somit traditionell die Laudationen der aktuellen Preisträger.

Satire über die Absurdität ideologischer Doktrine

Ein wahrer Kontrast ist die Erzählung von Munir Hamid Naji „Die Kuh, die das Bild des Präsidenten fraß“. Naji stammt aus dem Irak und bekam 2000 politisches Asyl in Deutschland. Seit 2012 hat der Politik- und Sozialwissenschaftler die deutsche Staatsbürgerschaft. Er erzählt mit feiner Satire und leichter Sprache von einem einfachen Bauern und seiner Kuh, die in einem von Diktatur und Willkür gezeichneten Land unabsichtlich zum politischen Spielball der Mächtigen werden. Naji führt wie unbeabsichtigt mit hintergründiger Satire die Absurdität politisch-ideologischer Doktrinen und starrer behördlicher Denkweisen vor. Weil die Kuh des Bauern unbekümmert neben Blumenrabatten auch das Bild des Präsidenten anknabbert und somit das Symbol der Nation beschädigt, wird ihr Staatsverrat vorgeworfen und sie samt ihres Besitzers verhaftet. Als nach einem Putsch die Präsidenten wechseln, wird sie zur Patriotin und samt ihres Besitzers als Helden gefeiert.

Lesungen auf der Literaturbühne

„In der Satire habe ich Ehm Welks eigenen Humor finden können, der sich sicherlich auch köstlich amüsiert hätte und trotzdem den ernsten Hintergrund erkennen würde“, würdigt Kena Hüsers den Autor.
Die beiden Preisträger werden von der Uckermärkischen Literaturgesellschaft gemeinsam mit einigen weiteren Wettbewerbsteilnehmern demnächst auch zur Lesebühne eingeladen, die durch die Uckermark touren soll.