Herzinfarkt, Atemnot, schwerer Unfall… wann immer die rote Libelle über Angermünde hinweg fliegt, geht es um Minuten und oft um Leben und Tod. Der Helikopter Christoph 64 gehört schon zum gewohnten Anblick am uckermärkischen Himmel und das laute Brummen ist vertraut. Niemanden stört es mehr, niemand ist verunsichert, wenn der Hubschrauber über die Dächer fliegt. Christoph 64 sorgt bei den meisten Angermündern inzwischen eher für ein Gefühl von Sicherheit. Allenfalls die bange Frage folgt ihm, was wohl jetzt wieder passiert sein mag.

Unverzichtbar bei weiten Wege auf dem Lande

Der Luftrettungsstützpunkt Angermünde, der von der DRF Stiftung Luftrettung betrieben wird, hat sich in den fünf Jahren seines Bestehens zu einem unverzichtbaren Bestandteil in der Kette der medizinischen Notfallversorgung im Nordosten Brandenburgs etabliert und sichert gerade in ländlichen Regionen mit oft weiten Wegen die Rettungszeiten und damit nicht selten Menschenleben. Die zentrale Lage der Stadt Angermünde, die drei Bundesstraßen kreuzen, die Nähe zur Autobahn und die unmittelbare Nachbarschaft des Stützpunktes zur Angermünder Feuerwehr und zur Bundespolizeiinspektion machen den Standort im Angermünder Gewerbegebiet ideal.

Sechs bis sieben Einsätze pro Tag

Durchschnittlich sechs bis sieben Einsätze fliegt die Mannschaft pro Tag. Im Sommer oft mehr, wenn Ausflugs- und Urlaubssaison ist und mehr Freizeitsportler, Rad- und Motorradfahrer unterwegs sind. Im vergangenen Jahr hob Christoph 64 insgesamt 1622 Mal zu Einsätzen ab.
Wann die Luftrettung angefordert wird, entscheiden erfahrene Mitarbeiter in der Leitstelle beziehungsweise der Notarzt vor Ort. „Oft sind es internistische Gründe, wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Asthma-Anfall, die eine rasche Hilfe aus der Luft erfordern. Aber auch bei Unfällen mit Schwerverletzten oder dringenden Verlegungen von Patienten in andere Kliniken kommt der Hubschrauber zum Einsatz. Manchmal bringt er auch den Notarzt, wenn gleichzeitig ein anderer Einsatz ist“, erklärt Björn Langner. Er ist der Stationsleiter und Pilot.

Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang einsatzbereit

Der Angermünder Luftrettungsstützpunkt ist eine Tagesstation, das heißt: Geflogen wird von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang an 365 Tagen im Jahr. Nachtflüge sind noch nicht möglich.
Zur festen Belegschaft gehören drei Piloten, drei speziell für den Rettungsflug ausgebildete Notfallsanitäter, sogenannte Hems-TC (Helicopter Emergency Medical Services Technical Crew Member), die als Allrounder sowohl rechte Hand des Notarztes als auch des Piloten sind, sowie drei Mitarbeiter als Luftraumbeobachter am Boden. Alle arbeiten im Schichtbetrieb, so dass immer jeweils ein Pilot, ein Hems-TC und ein Bodenkontrolleur in der Station anwesend ist.

16 Notärzte aus umliegenden Kliniken fliegen mit

Die Notärzte kommen aus umliegenden Kliniken, zum Beispiel aus dem Asklepios Klinikum Uckermark oder dem GLG Forßmann Klinikum Eberswalde. Insgesamt 16 Notärzte fliegen mit. Die Station ist ständig mit einem dieser Notärzte besetzt. Die Angermünder Luftrettungsstation ist die einzige im Nordosten Brandenburgs und versorgt die Landkreise Uckermark, Barnim und Oderhavel, manchmal auch darüber hinaus Märkisch-Oderland, den südlichen Speckgürtel von Berlin oder Regionen in Mecklenburg-Vorpommern.

Rettungswagen bräuchte bis zu einer Stunde Fahrzeit

Geht ein Notruf ein, ist die Crew sofort einsatzbereit und kann binnen weniger Minuten am Einsatzort sein. „Die Zeit ist entscheidend. Erleidet beispielsweise jemand im Norden der Uckermark einen Herzinfarkt, bräuchte der Rettungswagen auf der Straße fast eine Stunde, um den Patienten in eine Klinik mit Herzkatheterlabor zu transportieren. Wir sind mit dem Heli in wenigen Minuten am Ziel“, erklärt Björn Langner. 220 bis 240 Kilometer pro Stunde kann Christoph 64 zurücklegen - ohne Stau, ohne Umleitungen bis ins entlegenste Dorf. Einzige Hindernisse sind starker Wind, Nebel und Dunkelheit.

Vom Tischler zum Luftraumbeobachter

Start und Landung sind die heiklen Momente eines Einsatzes. Für deren Sicherheit sorgen Hans-Jörg Gnorski, Fedor Strickert und Peter Kruse als Bodenpersonal und Luftraumbeobachter. Hans-Jörg Gnorski ist eigentlich Tischler von Beruf und langjähriger freiwilliger Feuerwehrmann. Der Job in der Luftrettungsstation ist nun eine ganz neue Erfahrung und ein Glücksfall für ihn. „Es macht unglaublich Spaß mit der Crew und ist ein sehr interessanter und verantwortungsvoller Job. Wir halten den Stationsbetrieb mit am Laufen, erledigen auch Hausmeisterarbeiten und sorgen dafür, dass sich die Crew nach einem anstrengenden Einsatz entspannen und Kraft tanken kann “, erzählt der Angermünder.

Notfallsanitäter mit Flugausbildung

Für den Helikopter sind die Piloten Bernd Langner, Roman Pfeiffer und Matthias Pauker verantwortlich. Die Spezialisten kommen von weit her aus Trier, Hannover, Frankfurt am Main. Sie haben vier Tage am Stück Dienst und dann einige Tage frei. Nach jedem Flug wird der Helikopter aufgetankt. 20 000 Liter fasst die unterirdische Tankstelle auf dem Stützpunktgelände. Auch die medizinische Ausstattung wird jedes Mal kontrolliert und aufgefüllt.

Fliegende Intensivstation

„Unser Christoph 64 ist eine fliegende Intensivstation“, erklärt der leitende Hems-TC Iven Wetzel, der wie seine beiden Kollegen Franziska Groth und Eik Meißner sowohl dem Notarzt bei der medizinischen Versorgung zur Seite steht, als auch den Piloten bei der Flugüberwachung und Kommunikation mit der Leitstelle und dem Bodenpersonal unterstützt.
Bei ihren Einsätzen erleben die Luftretter oft dramatische und belastende Situationen. Aber sie sind Profis und versuchen, das Erlebte in gemeinsamen Gesprächen zu verarbeiten. Die familiäre Atmosphäre und komfortable Ausstattung der Station erleichtert das „Runterkommen“.

Für die meisten Patienten bleiben die Retter anonym

Was aus ihren Patienten geworden ist, erfahren die Erstretter selten. „Wir haben ja nur sehr kurz mit den Patienten zu tun und in einem Notfall nehmen sie uns oft gar nicht bewusst wahr“, erzählt Björn Langner. Um so schöner sind Momente, wie jener, als ein schwerverletzter Patient Monate später in die Station kam, um Danke zu sagen. „Das berührte uns sehr“, erzählt Yven Wetzel. Und auch das große Interesse von Kitas und Schulklassen, Feuerwehrleuten und normalen Bürgern, die gern die Station besuchen, ist für die Flugretter immer wieder ein schönes Zeichen, dass sie wahrgenommen und angenommen werden.

Tag der offenen Tür zum 5. Geburtstag fällt aus

Zum fünften Geburtstag der Station konnte wegen Corona zwar nicht zum geplanten Tag der offenen Tür eingeladen werden und auch Besuche von Kitas und Schulen sind derzeit nicht möglich. Dafür kann man den Rettern aus der Luft in ihrer roten Libelle beim nächsten Einsatzflug einen dankbaren Gruß in den Himmel schicken. „Trotz aller Dramatik genießen wir auch immer wieder die Aussicht aus der Vogelperspektive auf die wunderschöne Uckermark. Auch das macht unseren Job so besonders“, sagt Björn Langner.