Geschichte vor der eigenen Haustür erleben – dazu zählt auch die dunkle Zeit des Nationalsozialismus. Diese hat viele Spuren hinterlassen, auch in der Uckermark, auch wenn sie in einigen Ecken in Vergessenheit geraten ist.
So auch in Zichow, einer kleinen Gemeinde mit um die 500 Einwohnern und Ortsteil von Angermünde. Eine Gruppe Jugendlicher scheint nun ein wenig Licht in das Dunkel.
Zusammen mit Jonathan Schmidt, der verantwortlich ist für die Junge Gemeinde Angermünde, und Sarah Grandke, mitverantwortlich für das Projekt Hannoverscher Bahnhof in Hamburg, erkundeten die Jugendlichen die Vergangenheit ihres Dorfes. „Ich bin ja eigentlich aus Hohengüstow,“ erzählt Grandke, „und habe mich schon immer für Geschichte interessiert.“ So sei sie auf die Vergangenheit von Zichow aufmerksam geworden. Dort befand sich zur Zeit des Nationalsozialismus ein Außenlager des Konzentrationslager Ravensbrück.

Bereits vor Kriegsbeginn wurden Zwangsarbeiter eingesetzt

Im Schloss und Burg Zichow befand sich um 1939 das Gut von Grafen Adolf Julius Albrecht Bernd von Arnim. Aufgrund seines weitläufigen Besitzes benötigte er Arbeiter, die die Felder landwirtschaftlich bestellen. Schon früh griff er auf Zwangsarbeiter zurück, ab 1940 auch auf Kriegsgefangene und politisch verfolgte Frauen, die im KZ Ravensbrück gefangen gehalten wurden. Heute gebe es keine Hinweise auf die Vergangenheit des Ortes, so Grandke, deshalb wolle man wenigstens im kleinen Rahmen an die Opfer erinnern.
„Eigentlich haben wir uns mit einem Bäckerlehrling aus Greiffenberg beschäftigt, im Rahmen des Projekts Zeitensprünge“, so Jonathan Schmidt. Dieser wurde zur Zeit des Nationalsozialismus wegen Homosexualität verurteilt. Dabei sei jetzt nicht mehr bekannt, ob dies überhaupt gestimmt habe. „Wir sind dabei aber nicht nüchtern mit Fakten vorgegangen“, erklärt Schmidt, „sondern haben die Jugendlichen emotional und sozial angesprochen.“

Jugendliche von Angebot sofort begeistert

Mit Fragen zu den Gedanken des Opfers, dessen Familie und die Nachbarn im Dorf wurden die Jugendlichen auf einer Ebene abgeholt, die sie verstehen und verstehen wollen – denn das Projekt Zeitensprünge war nur ein Angebot für sie. „Und das Angebot wurde sofort angenommen“, erinnert sich Schmidt. Zusammen habe man in Berlin das Holocaust-Mahnmal sowie einen Gedenkstein besucht. „Da war es ganz interessant, die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Jugendlichen zu sehen“, erzählt Schmidt seine Eindrücke. Dass es wichtig sei, dass Jugendliche sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, steht für ihn nicht in Frage: „Auch wenn es wie eine Plattitüde klingt, die Jugend ist unsere Zukunft. Und der beste Lehrmeister für die Zukunft ist nun einmal die reflektierte Geschichte.“

Andacht in der Dorfkirche Zichow geplant

Das Projekt Zeitensprünge wurde vom Landesjugendring Brandenburg gefördert und begann im Frühjahr 2022 mit einer Auftaktveranstaltung in Schwedt. Die Förderung galt für ein halbes Jahr, die offizielle Abschlussveranstaltung findet in Potsdam statt. Trotzdem wollen die Jugendlichen eine eigene Veranstaltung am 10. November ausrichten: in der Dorfkirche von Zichow findet ein Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus statt, insbesondere einem polnischen Zwangsarbeiter, der auf dem Friedhof bei der Kirche beerdigt ist. „Das Grab ist nicht in irgendeiner Art und Weise markiert, dass es das Grab eines Zwangsarbeiters ist“, so Grandke. „Das wollen wir für einige Zeit ändern.“
Auch in Zichow selbst findet die Veranstaltung Anklang. Matthias Bürger, Ortsvorsteher von Zichow, lebt derzeit auf dem Gelände der ehemaligen KZ-Außenstelle. „Das wurde ja erst vor drei oder vier Jahren bekannt, dass so etwas auf dem Gelände passiert ist“, sagt er. Zu der Gedenkfeier schaffe er es persönlich nicht, jedoch gebe es Interesse in Zichow, daran teilzunehmen. „Beim Fußball habe ich gehört, dass ein paar Frauen schon gerne hingehen würden. Es ist gut, dass Leute sich dafür einsetzen, dass solche Dinge nicht in Vergessenheit geraten.“ Bei der Andacht werde an den polnischen Zwangsarbeiter, der in Zichow begraben worden ist, erinnert, gebetet und die Jugendlichen können sich mit wichtigen Fragen zur Identität, Erinnerung und der Geschichte auseinandersetzen.