Reformation und Pubertät haben viel gemeinsam. Mit dieser Erkenntnis verblüfft Tanja Kassischke ihr junges Publikum. Die Journalistin vom Pressenetzwerk für Jugendthemen hat mit zwei anderen Kolleginnen junge Menschen, evangelische Christen, aus verschiedensten Ländern der Welt zu ihrem Verhältnis zu Religion und Luther befragt und aus den Protokollen und Interviews eine Ausstellung zum Reformationsjubiläum gestaltet, die durch die Bundesrepublik wandert. Derzeit macht sie in Angermünde in der Marienkirche Station. "Die Pubertät ist eine Phase, in der sich viel verändert. Nicht nur euer Körper. Auch das Wertesystem, das bisher vor allem von den Eltern vorgegeben wurde. Ähnlich war es mit der Reformation für die Gesellschaft. Sie hat alte Werte in Frage gestellt und den Weg für ein neues Denken, ein neues Selbstbewusstsein der Menschen geöffnet", erklärt Tanja Kassischke den Siebentklässlern der Freien Oberschule Angermünde, die zur Eröffnung der Ausstellung "Hier steh ich - und wo stehst du?" in die Marienkirche gekommen sind.
Der Titel bezieht sich auf das legendäre Luther-Wort: "Hier stehe ich und kann nicht anders!", mit dem er 1521 auf dem Reichstag in Worms der Forderung des Kaisers und der Kirche trotzte, seine Thesen zu widerrufen. "Wie spricht man mit Jugendlichen heute über ein Ereignis, das 500 Jahre zurück und jenseits ihrer Alltags- und Vorstellungswelt liegt?", fragte sich Tanja Kassischke und bietet mit der Ausstellung von Ansichten junger Leute Anregung, darüber miteinander ins Gespräch zu kommen. "Religion darf nicht zwischen den Menschen stehen", sagt Barbara Dundes aus Suriname. "Ein Pfarrer muss sich in der Weltpolitik auskennen", findet Andrea Alexander aus Norwegen. "Zum Beten gehört für mich Espresso", erzählt Christine Shander aus Milwaukee.
"Ich finde es sehr spannend, das Thema Reformation, das uns alle betrifft, gerade auch für Jugendliche aufzubereiten", betont Angermündes Bürgermeister Frederik Bewer. Als er von dieser Ausstellung erfuhr, wollte er sie nach Angermünde holen. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen des Kulturbereiches, dem Stadtarchivar Steve Schmidt, der Kirchengemeinde St. Marien und dem Handballverein HCA, der den Transport der Materialien übernahm, wurde das Vorhaben gestemmt und die Ausstellungseröffnung in einem würdigen Rahmen gestaltet.
"Was Luther vor 500 Jahren tat, ist bis heute aktuell. Er hat Dinge kritisch hinterfragt, die gottgegeben schienen. Bei den Themen, die uns heute bewegen, geht es genauso darum, sich eine eigene Meinung zu bilden und Dinge zu hinterfragen, statt einfach alles hinzunehmen und zu glauben. Das kann anstrengend sein, ist aber gerade bei der heutigen Informationsflut immer wichtiger", ermutigte Frederik Bewer die Schüler.
Pfarrer Uwe Eisentraut machte die Aktualität von Luthers Überzeugungen an Beispielen der jüngeren Geschichte plastisch. Er erzählte von jungen Männern im ersten Weltkrieg, die vorbehaltlos der Propaganda folgten und freiwillig in den Krieg ziehen wollten. "Stellt Euch vor, einer von denen steht auf und sagt: Ich mach da nicht mit." Er erzählte von der DDR, in der es üblich und gewollt war, dass alle Jugendlichen in die Jugendorganisation FDJ eintraten. "Stellt Euch vor, ein einziger in der Klasse steht auf und sagt, ich mach da nicht mit." Er beschreibt ein Beispiel, wo ein Schüler wegen seiner Körperfülle von den Mitschülern als "Schwabbelchen" gemobbt und ausgelacht wird: "Wer von Euch würde aufstehen und sagen: Ich mach da nicht mit!"
Etwas anderes habe Luther vor 500 Jahren auch nicht getan. Er ist seinem Gewissen gefolgt, gegen den Strom. Reformation, das sei das Erwachen des Gewissens, so Uwe Eisentraut.
Die zwölf jungen Menschen, die in der Ausstellung zu Wort kommen, haben ihre ganz eigenen Gedanken zu Luther und zu christlichen Werten der Gegenwart. "An Luther mag ich, dass er sich nicht eingeschleimt hat", sagt Lyauvika Nashuuta aus Namibia. Das zu lesen, ist nicht nur für ihre Angermünder Altersgefährten interessant. Auch Ältere werden staunen.
Die Ausstellung ist bis zum 15. Juni täglich von 11 bis 17 Uhr in der Marienkirche zu sehen.