Das 120-Seelendorf Wolletz hat schon viele denkwürdige historische Momente erlebt. Der 25. September 2020 gehört auf jeden Fall dazu. Dort, wo einst die Adligen und Staatsoberen jagten, wo der frühere Stasichef Erich Mielke abgeschottet unter seinesgleichen auf Hirschpirsch ging, wo die Dorfkirche dem sozialistischen Atheismus und Verfall weichen musste, dort entsteht 30 Jahre nach der Wende ein offenes Begegnungszentrum für Menschen jeglicher Herkunft und Konfession.

Eine neue Dorfmitte entsteht

Die Stadt Angermünde baut im Ortsteil Wolletz ein multifunktionales Gebäude, das mehr als ein gewöhnliches Dorfgemeinschaftshaus werden soll: eine neue Dorfmitte, ein Treffpunkt und ein interkonfessioneller Andachtsraum für Menschen aller Religionen, ob Christen, Moslems, Juden und auch für Atheisten, die sich hier begegnen können und in einem als begehbares Kunstwerk konzipierten Raum am Ufer des Wolletzsees Stille spüren, meditieren oder beten können. Ein Raum der Raum gibt, Intimität und Verbindung zu fühlen. Das gibt es so bisher noch nirgends, ist sich Bürgermeister Frederik Bewer sicher. Am Freitag war Grundsteinlegung, die mit vielen Projektpartnern, offiziellen Gästen und Einwohnern im strömenden Regen gefeiert wurde.

Unternehmerpaar Fiege ist Initiator

Die Idee dafür hatte die ortsansässige Unternehmerfamilie Fiege schon seit vielen Jahren. Seit Lisa und Hugo Fiege 1997 aus Nordrhein-Westfalen in das kleine Uckermarkdorf Wolletz mitten im Wald am See zogen, bemühen sie sich, Vorbehalte abzubauen, Vertrauen aufzubauen und das Dorf mit vielen Initiativen und Investitionen zu entwickeln. „Wolletz ist ein ganz besonderer Ort durch die Landschaft, die Geschichte und die Menschen, die hier leben. Neben den alten Wolletzern sind inzwischen viele Flüchtlinge hergezogen. Auch durch die Fachklinik und den wachsenden Tourismus kommen immer mehr Menschen ins Dorf und beleben es. Wir wollen sie zusammenbringen, Begegnungen ermöglichen“, sagt Hugo Fiege sichtlich bewegt, dass die Grundsteinlegung nun den Baustart signalisiert.

Ortsbeirat und Stadt als Partner

Das Begegnungszentrum mit Andachtsraum ist ein langgehegter Traum, nachdem die Idee für einen Kirchenneubau als zu kühn scheiterte. Fieges stellten nicht nur die Grundstücke zur Verfügung, sondern auch ihre Ideen zur Gestaltung und trieben das ehrgeizige Projekt nun gemeinsam mit dem Ortsbeirat Wolletz und der Stadt Angermünde voran. 359 000 Euro werden in Wolletz investiert, davon sind 269 000 Euro EU-Fördermittel zur Entwicklung ländlicher Regionen.

Fertigstellung im April 2021

Den ersten Stein für das Fundament des Begegnungszentrums setzte Frederik Bewer gemeinsam mit den Initiatoren und Planern. Es entsteht in der Dorfmitte neben dem Kaffee Konsum. Der interkonfessionelle Andachtsraum wird nur wenige Schritte entfernt am Uferwanderweg des Wolletzsees gebaut. Läuft alles planmäßig, kann im April 2021 Einweihung gefeiert werden.
Den Entwurf für das außergewöhnliche Ensemble gestaltete der Berliner Architekt Professor Jan Kleihues. Das Begegnungszentrum entsteht in ortstypischer Klinker-bauweise. Der Andachtsraum ist ein dreigeteiltes, nach oben offenes Klinkergemäuer, durch das man wie in einem Labyrinth schreitet, bis sich am Ende ein Raum öffnet mit Bank und freiem Blick auf den See, erklärt Kleihues. Er soll ein Ort der Stille, der Meditation und inneren Einkehr oder des Gebetes sein, den jeder nutzen kann.

Das Haus lebt nur von den Dorfbewohnern

Mit der Planung ist die Architektin Elke Hähnel aus Gramzow beauftragt, mit der Bauausführung die Angermünder Baufirma Ralf Hahne. Die Hausverwaltung übernimmt die Kommunale Gebäudemanagement-gesellschaft Angermünde.
Die wichtigste Botschaft richtet Hugo Fiege jedoch direkt an die Wolletzer: „Das schönste Haus nützt nichts, wenn es nicht mit Leben erfüllt wird. Das funktioniert nur gemeinsam mit dem ganzen Dorf. Bitte gestalten sie mit.“ Einwohnerin Vera Tollkamp stimmt zu. „Ich hoffe, dass wir hier wieder mehr zusammenrücken. Auch für Familienfeiern wäre dort Platz“, sagt die 82-Jährige. Und Karla Dethloff, gebürtige Wolletzerin, betont stolz: „Es ist schön, dass wir gemeinsam in und für Wolletz etwas bewegen können.“