Begeistert verfolgt Mario Thoss aus Angermünde die Fahrerparade der Formel 1 auf dem Hockenheimring. Der Motorsport- und Autofan sitzt auf der Zuschauertribüne. Was er nicht ahnt: Vor seinen Augen fährt der in seiner Werkstatt aufgebaute Oldtimer über die Piste.
Traditionell sitzen die Formel-1-Rennfahrer im Heck alter Cabriolets und lassen sich so eine Runde über den Hockenheimring fahren. Die Parade wird begeistert von den vielen Fans gefeiert und mit Handys gefilmt. Etliche bestens restaurierte Mercedes rollen 2018 in der Karawane der Straßenveteranen mit. Darunter eine auberginfarbene Pagode (Mercedes Benz W 113). Aus dem offenen Heck winkt Sergey Sirotkin.
Nie im Leben hätte Mario Thoss, Geschäftsführer der Angermünder Nutzfahrzeug- und Oldtimerwerkstatt, daran gedacht, dass dort vor seinen Augen ein guter alter Bekannter über den Hockenheimring zieht. Denn das auf Hochglanz polierte stolze Auto aus den 1960er-Jahren haben seine Monteure in monatelanger Kleinarbeit in der Angermünder Werkhalle zu neuem Leben gebracht. Die nahmen den gesamten Wagen komplett auseinander, überholten ihn und lieferten anschließend mit Expertise einen lupenreinen Oldtimer aus. Das liebevoll restaurierte Fahrzeug steht jetzt bei der Koch Klassik Automobil GmbH in Heilbronn, einem speziellen Händler mit eigener Kundschaft.
Eigentümer Horst Koch ist seit Jahren mit den Veranstaltern auf dem Hockenheim-Ring verbandelt und chauffiert Rennfahrer persönlich in seinen schicken Oldtimern über die Piste. Auch Sirotkin fährt er mit der Angermünder Pagode. „Wir machen das schon lange“, sagt Horst Koch. „Es gibt nur wenige Händler, die alle Typen querbeet anbieten so wie wir.“ Auch seine Tochter fährt die teuren Liebhaberstücke für solche Zwecke. „Das ist schon gar nichts Besonderes mehr, wir sind damit aufgewachsen.“
Erst am Telefon erfahren Mario Thoss und sein Vater Jürgen vom glänzenden Publikumsauftritt ihres Oldies und schauen sich sofort die Handy-Videos im Internet an. Tatsächlich erkennen sie die Pagode wieder. „Wir sind total überrascht, welchen Weg das Auto nimmt“, so Jürgen Thoss. „Damit hätten wir nie gerechnet.“
Die beliebten Mercedes-Cabrios haben ihre Stammkundschaft über alle Zeit behalten. Viele Käufer wollen die aufgearbeiteten Oldtimer wie im Normalverkehr fahren und weder auf Servolenkung noch auf Sicherheit oder Automatikschaltung verzichten. Das alles bietet der Wagen, der in restauriertem Zustand locker über 100 000 Euro kostet.
T&G in Angermünde widmet sich seit drei Jahren dem hierzulande eher unüblichen Mercedes-Fieber. Drei Stück sind bereits aufgebaut worden. An einem SL 190 sind die Monteure dran. Die Karosserie muss komplett überholt werden. „Wir lesen viel, holen uns Hinweise aus dem Internet, suchen nach Ersatzteilen“, berichtet Jürgen Thoss. Die Firma will bei Mercedes bleiben, restauriert und repariert aber im Kundenauftrag auch ostdeutsche oder andere Verkehrsveteranen.
Jetzt sind die Angermünder gespannt, welche Berühmtheiten mit „ihrem“ Cabrio noch chauffiert werden.