In Angermünde wurden erstmals Stolpersteine zum Andenken an eine von den Nazis ermordete jüdische, sechsköpfige Familie verlegt. Die öffentliche Aktion im Beisein des Künstlers und Initiators Gunter Demnig wurde zu einer bewegenden Feierstunde. Europaweit erinnern inzwischen 38 000 Stolpersteine an Namen ermordeter Juden.
Jägerstraße 2. Hier wohnten sie: Hugo und Rosa Gerson mit ihren vier Kindern Gerhard, Karl-Heinz, Günter und Wolfgang. Ruhige, einfache, hilfsbereite Nachbarn, wie sich Zeitzeugen erinnern. Die Eltern gingen ihrer Arbeit als Altwarenhändler nach, die Kinder zur Schule.
"Ich erinnere mich, dass der Vater jeden Morgen mit den Kindern zum Güterbahnhof zog, um Holz zu sägen. Die tägliche Karawane gehörte zum Straßenbild", erinnert sich Eberhard Schneider, der in derselben Straße aufwuchs. "Damals kannte hier jeder jeden. Wir Jungs waren auf jedem Hinterhof zu Hause." Auch an den auffälligen gelben Stern, der auf dem langen schwarzen Mantel der Mutter leuchtete, kann sich der damals achtjährige Eberhard gut erinnern. "Und plötzlich waren sie weg. Von einem Tag auf den anderen war die morgendliche Handwagenkolonne verschwunden." Das war der 13. April 1942. Kurz nach zwölf Uhr wurde die gesamte Familie von Polizisten aus ihrem Haus geholt und mit der Eisenbahn zum Sammellager nach Berlin verschleppt. Es waren die letzten Angermünder Juden. Alle anderen waren längst deportiert. "Die Spur der Familie verliert sich im Warschauer Ghetto. Keiner hat überlebt", erzählt Stadtarchivarin Margret Sperling mit stockender Stimme, die ihre Recherchen bis nach Israel führten. Seit Jahren erforscht sie die Schicksale Angermünder Juden, seit Jahren ist es ihr Wunsch, die Aktion Stolpersteine in die Stadt zu holen. Nun ist es dank insgesamt 33 Spender gelungen. Sechs Pflastersteine aus Messing, in die die Namen der Familienmitglieder eingraviert sind, wurden unter großer Anteilnahme vieler Angermünder an der Stelle verlegt, an der das Wohnhaus der Familie Gerson stand. Das Haus wurde in den 1970er Jahren abgerissen.
Der Künstler Gunter Demnig, der die Aktion 1993 ins Leben gerufen und mittlerweile rund 38 000 Stolpersteine europaweit angefertigt und persönlich verlegt hat, war besonders von dem großen Interesse junger Leute in Angermünde beeindruckt.
"Für mich wird das nie Routine, jede Stadt und jedes Schicksal sind anders." Der Angermünder Religionslehrer Wolfgang Rall hatte sich intensiv mit Schülern der Freien Schule und des Einstein-Gymnasiums mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigt. "Stolpersteine sind Steine des Anstoßes", sagt er. "Sie provozieren zu unbequemen Fragen: Ist das Gedenken heute noch wichtig? Geht es um Schuld oder eher um Verantwortung? Wie war es möglich, dass in nur zwölf Jahren Naziherrschaft Millionen Juden systematisch ausgegrenzt, entmündigt, ermordet wurden? Warum gibt es noch heute Antisemitismus? Um darauf gestoßen zu werden, müssen wir nicht ins Museum gehen. Die Erinnerung wird nun im Alltag wach gehalten, mitten in der Stadt an Originalschauplätzen. Lebendiger kann Geschichte nicht vermittelt werden."