Die Kranichbrut in Brandenburg ist in Gefahr. Klimawandel, wachsender Tourismus in sensiblen Gebieten und falsch verstandene Tierliebe bedrohen den Nachwuchs der stolzen Vögel des Glücks. „Von den insgesamt 26 Kranichbrutpaaren in unserem Monitoringgebiet im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin hat in diesem Jahr kein einziges Nachwuchs. „Viele Paare haben zwar gebrütet, aber ihr Gelege oder ihre Brut verloren“, sorgt sich Beate Blahy. Die engagierte Naturschützerin ist Kranichexpertin und beobachtet und überwacht in der Region rund um ihr Heimatdorf Steinhöfel bei Angermünde seit Jahren die Entwicklung der Kranichpopulation.

Kranichbrut in Brandenburg in Gefahr

Dafür werden auch Vögel beringt und Bruten dokumentiert. Monitoring nennt man diese Überwachung in einem ausgewählten Gebiet in der Fachsprache des Naturschutzes.
Zu Beate Blahys Revier, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Eberhard Henne betreut, gehört die Region um Steinhöfel, Wilmersdorf, Peetzig und Neuhaus, eigentlich ein Kranichparadies. Doch sie machen sich Sorgen um die Kranichzukunft in Brandenburg. Der Klimawandel und die langen Dürreperioden haben bereits zahlreiche Sölle und Erlenbrüche ausgetrocknet, die die Vögel als sicheres Rückzugs- und Brutgebiet benötigen. „Wir hatten hinter unserem Haus ein großes Feldsoll, der jahrzehntelang Kranichplatz war. Er ist ausgetrocknet. Das letzte größere Schlaf- und Rastquartier in unserer Gegend ist die Blumberger Mühle“, berichtet Beate Blahy. Der Slogan des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin, „Kranichland mit weitem Horizont“ müsse wohl bald korrigiert werden.

Touristenströme im Coronasommer

Darüber hinaus beobachtet sie eine andere zunehmende Gefahr für die schönen Vögel mit der großen Symbolik: Zunehmende Störungen durch Touristen und falsch verstandene Tierliebe. „Gerade der diesjährige Sommer hat durch Corona zu einem Massenansturm von Touristen geführt. Es waren viel mehr Menschen in der Natur unterwegs, was durch Unwissenheit oder auch Rücksichtslosigkeit zu empfindlichen Störungen der Tierwelt führte, gerade in der Brut- und Mauserzeit bei Wasser- und Großvögeln. Wildes Campen, Querfeldeinwandern, Stand-up-Paddeln nahe an Schilfgürteln, das alles stört die Balance in der Natur. Sie ist das Wohnzimmer für das Wild und wir sollten nur rücksichtsvolle Gäste sein“, sagt Beate Blahy.
Eine Folge dieser Störungen stakst tolpatschig über ihren Hof in Steinhöfel: Willi. Der junge Kranich kam Ende August als fast flugunfähiger Jungvogel zu ihr. Spaziergänger hatten es gefunden und aus Mitleid mitgenommen. In einer Kranichstation in Mecklenburg-Vorpommern wurde es aufgenommen und dann zu Beate Blahy vermittelt, die langjährige Erfahrungen in der Aufzucht von Kranichjungen hat. Neun Jungkraniche hat sie bereits aufgepäppelt.

Wildtiere gehören nicht in Menschenhand

So wie Willi kamen in diesem Sommer auch Jorinde und Joringel auf den Hühner- und Entenhof von Beate Blahy und Eberhard Henne, die die Jungvögel nun liebevoll betreuen und doch gern darauf verzichten würden. „Wilde Tiere gehören nicht in Menschenhand“, sagt Beate Blahy energisch. Doch das Schicksal ihrer „Findelkinder“ liegt ihr sehr am Herzen. Ohne Hilfe würden sie nun nicht mehr überleben. Die drei Jungkraniche wurden als Küken von ihren Eltern getrennt, vermutlich durch Störungen von Wanderern. „Die Altvögel gehen mit ihren Jungen spazieren und wenn Gefahr droht, verstecken sie sich. Die älteren Küken flüchten mit, die ganz Kleinen schaffen es oft nicht und bleiben kläglich schreiend zurück. Doch die Eltern lassen sie nicht aus den Augen, sondern warten in ihrem Versteck, bis die Gefahr vorüber ist, um sie dann wieder aufzunehmen“, erklärt Beate Blahy.

Menschliches Mitleid richtet Schaden an

Finden Menschen solche kleinen hilflos schreienden Kranichküken und nehmen sie aus Mitleid mit, entreißen sie sie damit unwissentlich ihrer natürlichen Familie und Umgebung. So wurden auch Willi, Jorinde und Joringel aus falsch verstandener Tierliebe in menschliche Obhut genommen und landeten schließlich in Steinhöfel. „Richtig handelt man, wenn man das Küken in Ruhe lässt und sich schnell entfernt. Oder es aus einer Gefahrenzone, zum Beispiel vom Straßenrand, zurück in den Wald trägt. Jungvögel darf man anfassen, die Eltern riechen das nicht. Doch Küken zu entnehmen, ist verboten.“ Auch Beate Blahy meldet alle Fundtiere an die Vogelschutzwarte.

Kraniche sind keine Haustiere

Die Kranichexpertin möchte aus ihren Zöglingen keine Haustiere machen, sondern sie soweit es geht in ihrer natürlichen Lebensweise aufziehen und wieder auswildern. Nicht immer gelingt das. „Bei Vögeln zählen die ersten 48 Lebensstunden. Wer sich da um sie kümmert, wird als Eltern angesehen“, erklärt Beate Blahy. Als Mensch kann sie nur begrenzt die echte Kranichmutter ersetzen. Doch sie hat sich im Laufe der Jahre sehr viel Wissen und Erfahrungen angeeignet.

Frühstück auf der Wiese

Um die Jungvögel nicht zu sehr auf Menschen zu prägen und an ihren natürlichen Lebensraum zu gewöhnen, spaziert sie jeden Morgen vor dem Menschenfrühstück mit ihren Kranichkindern auf die angrenzende Wiese, sucht mit ihnen Futter, zum Beispiel Maisreste oder Tauwürmer und sammelt Schneckenhäuser als wichtigen Mineralstoff für die Knochen. Dazu gibt es, wenn sie klein sind, Mehlwürmer, Käferlarven, Heimchen aus dem Zoohandel und jetzt manchmal Hühnerherzen als Leckerli. „Joringel hatte vermutlich durch Fehlernährung als Küken einen krummen Schnabel und eine Fehlstellung der Flügel, als er zu uns kam, und wurde richtig krank. Die Tierärztin diagnostizierte starken Parasitenbefall, nicht ungewöhnlich bei Vögeln. In freier Natur wäre das Kranichjunge vermutlich eingegangen. Aber so ist der Kreislauf. Auch der Seeadler braucht Nahrung.“

Begegnung mit wilden Artgenossen

Wilde Kranichgruppen ganz in der Nähe wecken zunehmend das Interesse ihrer Zöglinge. Beate Blahy versucht, Schnupperkontakte zu ermöglichen. Als Jorinde und Joringel beginnen, flügge zu werden, rennt Beate Blahy flügelschlagend mit ihnen übers Feld, flattert und tanzt. „Ich habe mir wirklich alle Mühe gegeben als Fluglehrerin, nur abheben kann ich nicht“, lacht sie.
Die Jungvögel brauchen eine pausenlose Betreuung. „Wenn sie klein sind, sind sie lieb und anhänglich, wenn sie älter werden, sind es Rüpel, die schon mal eifersüchtig hacken und streiten.“ Auch die Stimme wandelt sich im nächsten Jahr vom niedlichen Piepsen zum lauten Trompeten.

Flugschule mit Beate

Ins Haus wollen die Kranichkinder nicht. Nur der kleine Willi folgt seiner Ziehmutter auf Schritt und Tritt, auch bis in die Küche. „Er war noch zu jung und ist leider total auf Menschen geprägt.“ Jorinde und Joringel dagegen interessieren sich zunehmend für ihre Artgenossen in freier Natur, wagen kleine Ausflüge, kehren aber abends immer wieder nach Hause zurück. Im Stall sind sie vor Füchsen und anderen Räubern geschützt. Doch je älter sie werden, je näher der Herbst und mit ihm die Kranichzüge rücken, um so stärker scheint die Sehnsucht nach ihren Artgenossen und der Ferne zu wachsen.

Willi glaubt, er sei ein Mensch

Vor wenigen Tagen ist Jorinde mit dem Kranichzug auf und davon. „Sie hat zu ihrer Art zurückgefunden und wir sind sehr glücklich darüber“, freut sich Ziehmutter Beate. Der Ring an ihrem Fuß erzählt ihre Geschichte. Joringel zögert noch. „Zwar schließt er sich jeden Tag dem wilden Paar an, das gegenüber sein Revier hat. Aber spätestens abends verlässt ihn der Mut und er steht wieder auf unserem Hof“, erzählt Beate Blahy. „Nur bei Willi ist Hopfen und Malz verloren. Er ist der festen Meinung, ein Mensch zu sein!“