Heute vor 175 Jahren setzte sich der erste Zug von Angermünde nach Stettin auf der gerade fertiggestellten neuen Eisenbahnstrecke in Bewegung. An Bord war der König. Damit begann die Geschichte der Eisenbahn in der Uckermark. Die neue Technik veränderte das Leben.
Der Start war eigentlich eine Panne. Denn der Stettiner Oberpräsident wollte mit einer ganzen Delegation den extra zur Premiere eingeladenen König samt Prinzen und Gefolge auf dem Angermünder Bahnhof begrüßen. Dazu reiste die pommersche Delegation mit einem festlich geschmückten Wagenzug an. Allerdings verzögerte sich die Ankunft des Eröffnungszuges aus Berlin, sodass Seine Majestät die Fahrt ohne auszusteigen weiter fortsetzte, um pünktlich in Stettin zu sein. Dennoch wurde die Einweihung der neuen Verkehrsverbindung überall an der Strecke gefeiert. Menschen jubelten, Kapellen spielten. Der Abschnitt zwischen Berlin und Angermünde war schon ein Jahr früher in Betrieb gegangen. König Friedrich Wilhelm IV. beglückwünschte die Hafenstadt Stettin zur neuen Verbindung mit dem Binnenland.
Wer heute nach Stettin will, fährt nicht mehr auf der einst gegründeten Hauptstrecke. Stattdessen verkehrt der RE 3 vornehmlich zwischen Berlin und Stralsund, während der Abschnitt Angermünde-Stettin seit Kriegsende eigentlich nur noch eine Nebenbahn darstellt. Ab Passow ist die Strecke nicht einmal mehr elektrifiziert. Das einstige zweite Gleis fehlt durch Separationsleistungen an die Sowjetunion. Teilweise müssen die Züge das Tempo drosseln, weil der Untergrund des Gleisbetts immer wieder im Moor versackt.
Der Bau der Eisenbahn hat die gesamte Wirtschaft und das Leben der Uckermark seit 1842/43 grundlegend verändert. Journalisten damaliger Zeit höhnten über das Ende der vielen Chausseehäuser, an denen noch Abgaben kassiert wurden. Denn Menschen und Güter konnten nun in kürzester Zeit auf dem Schienenweg bequem weite Strecken zurücklegen. Der Handel profitierte. Um den schnell wachsenden Angermünder scharten sich Lagerhäuser für Getreide, Kohle und Waren aller Art. Auch die Landwirtschaft im Umland entdeckte neue Absatzmärkte in den Großstädten, konnten doch nun Milch, Rüben, Mehl, Getreide und Gemüse – ohne auf langer Fahrt zu verderben – transportiert werden. Die Post verlor zunächst ihr Monopol des Güterverkehrs, baute dann aber schnell eine eigene Bahnpost auf. Für die 135 Kilometer lange Strecke benötigte man nun nicht mehr zwei Tage und eine Nacht, sondern nur noch vier Stunden und zehn Minuten.
Das Verkehrsaufkommen wuchs rasant. Schon 1863 entstand das zweite Gleis. Der Angermünder Bahnhof platzte aus allen Nähten, sodass ein größeres Empfangsgebäude her musste. Im gleichen Jahr wurde die Strecke Angermünde-Stralsund eröffnet. Im November 1873 rollte der erste Zug auf der neuen Verbindung nach Schwedt. 1877 folgte die Strecke nach Bad Freienwalde. Damit war Angermünde der zentrale Verkehrsknotenpunkt geworden.
In Schönermark zweigte die Prenzlauer Kreisbahn in Richtung Gramzow ab. Angermünde bekam ein eigenes Bahnwerk. Mit dem Anschluss des Erdölwerkes an das Schienennetz gewann die Bahn noch einmal an Bedeutung.
Der Einzug elektronischer Technik hat die Zahl des Personals in heutiger Zeit drastisch reduziert. Reisende finden auf den Bahnhöfen kaum noch Ansprechpartner. Das Güterverkehrsaufkommen ist gesunken. Das Auto ramponierte den Glanz der Eisenbahn. Doch der Personenverkehr steigt wieder aufgrund der Berufspendler und durch die wachsende Mobilität der Menschen. Nach jahrelangem Hickhack um die Zukunft der Stettiner Bahnlinie wird nun mit Hochdruck die Erneuerung der Strecke ab Passow geplant. Ziel ist eine schnelle Verbindung zwischen Berlin und Stettin. Das verschafft der Uckermark kürzere Verbindungen, mehr Züge für Pendler, kürzere Taktzeiten und auch spätere Abendverbindungen.

Zahlen und Fakten

Horst Regling, Dieter Grusenick und Erich Morlok haben die Geschichte der Strecke in ihrem 1996 erschienenen Buch „Die Berlin-Stettin Eisenbahn“ veröffentlicht:

■ Zwischen Angermünde und Stettin hielt der Zug in der Anfangszeit nur in Passow und Tantow. Später kamen durch höheres Verkehrsaufkommen weitere Haltepunkte hinzu: Herzsprung (1895), Welsow-Bruchhagen (1909), Schönermark (1881), Schönow (1934), Casekow (1857), Petershagen (1908), Rosow (1894), Colbitzow (1874) und Scheune (Mitte des 19. Jahrhunderts).

■ Dreieinhalb Taler kostete ein Billet für die Gesamtverbindung zwischen Berlin und Stettin in der ersten Klasse. Wer dritter Klasse fuhr, zahlte nur anderthalb Taler. In jede Richtung verkehrten jeweils drei Personenzüge am Tag.

■ Die gesamte Ursprungsstrecke wurde von der Berlin-Stettiner Eisenbahngesellschaft gebaut. 1879 ging sie ins Eigentum der Preußischen Staatsbahn über. Die Direktion befand sich bis 1945 in Stettin.

■ Bis Passow wurde die Strecke in den 1980er-Jahren elektrifiziert.