Seit über 100 Jahren lernen Kinder in der Kirchgasse lesen, schreiben und rechnen. Generationen von Schülern drückten hier schon die Schulbank. Das heute denkmalgeschützte Gebäude, das im 19. Jahrhundert als Knaben-Volksschule gebaut wurde, nach 1945 als Einheitsschule weitergeführt, ab 1960 Polytechnische Oberschule war und nach der Wende nur noch im Gebäudeteil Kirchgasse 2 Domizil der Puschkingrundschule wurde, wird seit 15 Jahren von der Freien Schule Angermünde, eine staatlich anerkannte Ersatzschule der Reformpädagogik genutzt. Das Haus atmet Geschichte.
Die Kinder der Freien Schule wollen dieser Geschichte auf den Grund gehen, die ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Wandels ist. "Unsere Schüler sind neugierig. Sie möchten mehr erfahren über die Lebensgeschichten der Menschen, die in diesem alten Gemäuer zum Teil ein halbes Jahrhundert vor ihnen lernten oder lehrten", erklärt Franziska Tenner. Die Kunstlehrerin und Dokumentarfilmerin leitet das Zeitzeugenprojekt, das anlässlich des Schuljubiläums der Freien Schule gestartet wurde. Die Schüler suchen Menschen, die hier zur Schule gegangen sind oder als Lehrer gearbeitet haben. "Sie sollen miteinander ins Gespräch kommen und über persönliche Erlebnisse und Geschichten auch einen Blick in die Zeitgeschichte und in verschiedene Gesellschaftsformen und Bildungssysteme erhalten", erklärt Franziska Tenner das Anliegen des Projektes, das alle Jahrgänge der Grund- und der Oberschule einbezieht. Die Schüler wollen Materialien und Dokumente zur Geschichte des Gebäudes sammeln und Interviews mit Zeitzeugen führen. Auch in der eigenen Familiengeschichte kann geforscht werden. So entstehen Kurzfilme, Steckbriefe, kurze Biografien, Fotodokumentationen und Porträts, die schließlich in einer Ausstellung münden, die voraussichtlich Mitte September zum Schuljubiläum eröffnet werden soll. Das Zeitzeugenprojekt macht Geschichte lebendig undermöglicht fächerübergreifendes anschauliches Lernen, von Deutsch, über Geschichte, Politische Bildung bis Kunst. "Nach dem Motto raus aus der Schule, rein ins Leben sollen die Kinder auch Berührungsängste abbauen und selbstständig forschen.
Vor 15 Jahren zog die Freie Schule Angermünde in den neueren Gebäudeteil Kirchgasse 2, ein, der 1912 als Erweiterungsbau errichtet wurde. Der alte Schulteil Kirchgasse 3 steht seit vielen Jahren leer. 2010 kaufte der Trägerverein der Freien Schule das Gebäude und plant ab Ende 2016 dessen Sanierung und perspektivische Nutzung als Schulgebäude. Somit wird ein bedeutendes innerstädtisches Schulensemble im historischen Stadtkern wieder mit Leben erfüllt. Die bewegte Geschichte bis in die Gegenwart wollen die Schüler nun selbst erforschen und hoffen auf Unterstützung vieler Menschen, die ihre Erfahrungen, ihr Wissen sowie alte Dokumente und Utensilien zur Verfügung stellen möchten. Erste Gelegenheit dazu ist ein Klassentreffen von ehemaligen Puschkinschülern nach 50 Jahren, das am Donnerstag in der Schule stattfindet.
Kontakt: Anke Kayser, Schulbüro, Tel. 03331 298055; anke.kayser@freie-schule-angermuende.de