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Vortrag über IM-Tätigkeit im Oderland

Im Oderland spionierten 310 Stasi-Spitzel

Dorothee Torebko / 30.03.2012, 08:00 Uhr
Wriezen (MOZ) Wie hat die Stasi in Brandenburg gewirkt? Zu dieser Frage gab der Leiter der Frankfurter Außenstelle des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, Rüdiger Sielaff, im Rathaus Wriezen Auskunft. Viele Bürger kamen auch, um einen Antrag auf Einsicht in ihre Unterlagen zu stellen.

Vielleicht war es der Nachbar, der Arbeitskollege, der Zahnarzt. Vielleicht der Mathematiklehrer, der den Sohn anspornt, oder die Bäckerin, die immer so nett mit einem plauscht. Die Rede ist von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Informanten rissen Briefe auf, beschatteten ihre Mitbürger und gaben diese Fakten an den DDR-Apparat weiter. In der Region gab es zur Hochzeit 1986 rund 310 IM. "Heute tut man schon viel für die Auseinandersetzung mit der Diktatur. Gerade in Brandenburg", sagt Rüdiger Sielaff. Er ist Leiter der Frankfurter Außenstelle des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen. Das Interesse der Bürger, die zur Informationsveranstaltung ins Wriezener Rathaus kamen, zeigt: Klärungs- und Aufholbedarf herrscht aber noch vor.

In seinem Vortrag legte Sielaff einen Fokus darauf, wie die beiden Prämissen des Stasi-Ministers Erich Mielke: "Wir müssen alles wissen. Wir sind überall." in Bad Freienwalde und Wriezen umgesetzt wurden. Dabei machte er deutlich, dass nicht jeder DDR-Bürger eine Akte hatte. "Dennoch reicht es, wenn die Leute glauben, dass sie beschattet werden", sagt Sielaff.

Im anschließenden Gespräch mit den Wriezener Bürgern wurde die Frage aufgeworfen, ob dies wieder passieren kann. Die Antwort liegt in der Aufklärungsarbeit begraben. "Die Jugend muss man für die Demokratie begeistern. Wir müssen der nächsten Generation erklären, was in der DDR passiert ist", fordert Sielaff. Deshalb müsse das Thema Stasi auch zunehmend in die Lehrpläne einfließen. Auch eine Geschichtslehrerin des Johanniter Gymnasiums war zum Vortrag gekommen. Annette Godefroid berichtete von dem Zuspruch ihrer Schüler beim Thema DDR. "Für die Schüler der 10. Klasse ist die DDR so weit weg wie der Zweite Weltkrieg. Doch ich habe an den Diskussionen gemerkt, dass die Jugendlichen verstehen, was da gelaufen ist", sagt die Lehrerin.

Die Möglichkeit, Anträge auf Akteneinsicht zu stellen, könne Sielaffs Meinung nach dazu beitragen, dass die Demokratie in ihren Grundmauern gefestigt werde. Rachefeldzüge von Bürgern, die ihre Denunziatoren an den Pranger stellen wollten und wie sie noch in den 1990er Jahren befürchtet wurden, hätte es nicht gegeben. "Der Rechtsstaat hat damit bewiesen, wie stark er ist", meint Sielaff. Zu der Stasi-Affäre um den Wriezener Bürgermeister Uwe Siebert äußerte er sich nicht. Der Außenstellenleiter betonte jedoch, dass der Drang zu wissen, wer Verrat begangen hat, wer der Nächste gewesen ist, der die Rolle des Judas eingenommen hat, bleibt.

So auch bei Gerhard Lohmeier: Der Strausberger sucht seit 16 Jahren die Spitzel, die seinen Vater verraten haben. Er berichtet davon, wie seinem Vater im Betrieb vorgeworfen wurde, einen Streik angezettelt zu haben. Weil er seine Arbeiter nicht bei acht Grad in einer Fabrikhalle hatte schuften lassen. Bereits 1996 hatte er einen Antrag auf Einsicht der Stasi-Akten gestellt. Herausgekommen waren drei A 4-Seiten, zu großen Teilen geschwärzt. "Ich möchte einfach wissen, wer meinem Vater am meisten geschadet hat", sagt er. Den letzten Antrag hatte er 2002 eingereicht. Sielaff rät ihm, es noch einmal zu versuchen. Denn: Seit Januar 2012 wurden die Bestimmungen für Angehörige von den durch die Stasi beschatteten Personen geändert. Lohmeier will es versuchen. Ein weiteres und, so hofft er, letztes Mal.

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Opa Hotte 30.03.2012 - 13:59:07

Na und?

Nach 22 Jahren sollte es doch nur wirklich kein Thema mehr sein. Es gibt wohl viel wichtigeres in der heutigen Zeit.

Frank 30.03.2012 - 13:25:12

alle Jahre wieder ...

wenn diese Unterlagenbehörde heute noch ihre Existenzberechtigung haben soll, müsste bei den zahlreichen offiziellen und inoffiziellen Langohren im öffentlichen Dienst Brandenburgs etwas unternommen werden. Ansonsten sollte dieser Verein wegen Nutzlosigkeit und Ineffizienz abgewickelt werden.

lupo 30.03.2012 - 13:13:30

Anschwärzer und Schwärzer

Zitat: "Rachefeldzüge von Bürgern, die ihre Denunziatoren an den Pranger stellen wollten und wie sie noch in den 1990er Jahren befürchtet wurden, hätte es nicht gegeben." Darum geht es auch garnicht, sondern darum, dass man wissen möchte wem man in seinem privaten Umfeld und in der staatlichen Öffentlichkeit noch trauen kann und wem nicht. Das Schwärzen von Klarnamen wird da wohl kaum weiterhelfen.

MaxMütze 30.03.2012 - 12:41:37

Und...

...gesetzt den Fall, er erhält die Auskünfte, die er meint , so dringend zu brauchen, der Herr Lohmeier...was ist dann ? Und: was sagt sein Vater dazu ?

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