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Betriebsversammlung trägt Eberswalder Traditionsunternehmen zu Grabe / Politik kritisiert Missmanagement

Trauerfeier am Walzwerktor

Auf der Betriebsversammlung informiert Jörg Mende (Mitte), Vorsitzender des Betriebsrates, über die Verhandlungen zum Sozialplan. konnten nicht gefunden werden.
Auf der Betriebsversammlung informiert Jörg Mende (Mitte), Vorsitzender des Betriebsrates, über die Verhandlungen zum Sozialplan. konnten nicht gefunden werden. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Sven Klamann / 31.03.2012, 07:09 Uhr - Aktualisiert 31.03.2012, 09:33
Eberswalde (MOZ) Mit einer letzten Betriebsversammlung vor dem Haupttor wurde am Freitag das Walzwerk Finow zu Grabe getragen. Das älteste Industrieunternehmen von Eberswalde ist Geschichte, die Produktion eingestellt. An der Abschiedsfeier nahmen mehr als 150 Trauergäste teil.

Vor dem Werktor steht ein Sarg, auf dem an allen Seiten Metallschilder mit der Aufschrift Walzwerk Finow befestigt sind. Auf dem Totenbehältnis liegt ein ausgestopfter Blaumann, hingestreckt von der Arbeitslosigkeit, die den meisten der zuletzt noch 145 Beschäftigten droht. Über dem Stillleben flattert ein Transparent "2006 bis 2012. Patrick von Hertzberg. Danke für sechs Jahre Misswirtschaft ..."

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Auf einem improvisierten Podest geben sich die Redner das Mikro in die Hand. Unter anderem melden sich Jörg Mende, erst seit Anfang März Vorsitzender des Walzwerk-Betriebsrates, Peter Ernsdorf, der Bevollmächtigte der IG Metall für Ostbrandenburg, Eberswaldes Bürgermeister Friedhelm Boginski, die linke Landtagsabgeordnete Margitta Mächtig sowie der ehrenamtliche Ver.di-Funktionär, Stadtverordnete und Ortsvorsteher des Brandenburgischen Viertels, Carsten Zinn, zu Wort. Alle bekunden ihr Mitgefühl mit den zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren von der Insolvenz betroffenen Walzwerkern. Und erklären übereinstimmend, dass sie es für angemessen und fair gehalten hätten, wenn sich Patrick von Hertzberg, der geschäftsführende Gesellschafter, auf der Versammlung von der Belegschaft verabschiedet und sich bei ihr bedankt hätte.

Doch der Inhaber des Walzwerkes fehlt am letzten Tag vor der Betriebsstillegung ebenso wie der Insolvenzverwalter Falk Eppert. Beide sind auch für die Märkische Oderzeitung für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Vermutlich hätten beide unter Polizeischutz gestellt werden müssen, wären sie am Werktor erschienen.

"Ich bin unendlich traurig. Aber noch viel wütender", sagt Detlef Paape, Walzwerker mit Leib und Seele. Am liebsten wäre ihm, so formuliert er, wenn es "Patrick von Hertzberg und seinen Vasallen" fortan untersagt würde, die Stadtgrenze von Eberswalde zu überschreiten.

Finows Ortsvorsteher Arnold Kuchenbecker spricht vom zweiten schwarzen Tag für den Stadtteil. Die Betriebsstilllegung sei eine Katastrophe. "Den ersten schwarzen Tag hat Finow erlebt, als nach Mai 1945 das Messingwerk demontiert wurde", urteilt er.

Auch Arnold Kuchenbecker war Walzwerker - immerhin 27 Jahre lang. Er fiel der ersten Entlassungswelle 1991 zum Opfer. Zur Wende hatte das Walzwerk mehr als 2500 Mitarbeiter beschäftigt, zu Beginn des ersten Insolvenzverfahrens vor zwei Jahren waren es noch 250.

Das Publikum klatscht Beifall, als der Bürgermeister auf dem Rednerpult mit der Mär von der Wirtschafts- und Finanzkrise aufräumt, die nach Lesart des geschäftsführenden Gesellschafters den Niedergang des Walzwerkes maßgeblich mitbewirkt hätte. "Es gibt auch im Land Brandenburg ausreichend Beispiele dafür, dass es durchaus möglich ist, Firmen der Metallbranche erfolgreich zu führen", sagt Friedhelm Boginski.

Erst in dieser Woche haben die letzten im Betrieb verbliebenen Walzwerker ihre Kündigungen erhalten - mit Fristen, die bis Ende Juni reichen. Am Donnerstag ist der Sozialplan unterschrieben worden, der das Insolvenzrecht ausreizt und Abfindungen bis zu maximal zweieinhalb Monatsgehältern beinhaltet.

Was aus den Werkhallen und dem Grundstück der Walzwerk Finow GmbH wird, ist unklar.

Die Stadt macht von ihrem Planungsrecht Gebrauch und unterstützt allein die Ansiedlung produzierenden Gewerbes.

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34 Jahre WWF 09.05.2012 - 21:45:59

Das Ende +

Der Todesstoß, am 19 Juni 2012 werden alle Maschinen und Anlagen, an denen die Kollegen fast ihr ganzes Berufsleben gearbeitet haben Verramscht ( Versteigert ). RUHE IN FRIEDEN Walzwerk

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