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Passionsmusiken in der Sankt-Annen-Kirche Zepernick

Virtuoses Weinen und Klagen

Große Eindringlichkeit: Das Gesangsensemble Auditivvokal Dresden überzeugte. Foto: Renate Parschau
Große Eindringlichkeit: Das Gesangsensemble Auditivvokal Dresden überzeugte. Foto: Renate Parschau © Foto: Renate Parschau
Renate Parschau / 09.04.2012, 17:05 Uhr - Aktualisiert 09.04.2012, 19:05
Zepernick (RP) "Man pflegte damals alle Jahre während der Fastenzeit in der Hauptkirche zu Cadiz ein Oratorium aufzuführen, zu dessen Wirkung folgende Anstalten nicht wenig beitragen mussten. Die Wände, Fenster und Pfeiler der Kirche waren nämlich mit schwarzem Tuch überzogen, und nur eine in der Mitte hängende Lampe erleuchtete das heilige Dunkel... Nach einem zweckmäßigen Vorspiel bestieg der Bischof die Kanzel, sprach eines der sieben Worte aus und stellte eine Betrachtung darüber an. Sowie sie geendigt war, stieg er von der Kanzel herab und fiel kniend vor dem Altar nieder. Die Pause wurde von der Musik ausgefüllt...". So beschrieb Joseph Haydn seine "Aufgabe, sieben Adagios, wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, ohne den Hörer zu ermüden."

Ursprünglich hatte er 1785 Orchester-Adagios verfasst, diese jedoch 1787 zu einem Streichquartett und 1795 sogar zu einem Oratorium umgearbeitet. Am Karfreitag gab es in der Sankt-Annen-Kirche Zepernick das Streichquartett in einer besonderen Darbietungsform: Haydns lieblichen, ja schlichten Sätze, die so gar nicht die hochdramatischen Details der Kreuzigung bebildern, sondern in eher schlichter Frömmigkeit den Ausdruck der Klage immer wieder mild abfedern, wurden mit Helmut Zapfs eben so benannter Komposition "Die sieben Worte des Erlösers am Kreuz" konfrontiert. Das Sonarquartett (Susanne zapf, Wojciech Garbowski, Violine, Nikolaus Schlierf, Viola, Cosima Gerhardt, Cello) brachte Haydns Adagios Satz für Satz virtuos und klangschön zur Geltung und betonten besonders die kraftvoll auftrumpfenden Passagen, mitunter sehr kraftvoll und eher auf Kosten des eher schlichten, fast liedhaften Duktus.

Wie Kontrapunkte hatte Zapf seine 2002 entstandenen Sätze für Soloklarinette und Chor dazwischen angelegt. Besonders ohrenfällig: Helge Harding, der seiner Klarinette alle, aber auch alle Spielvarianten abverlangen musste, um den vielfältigen Varianten des Weinens, Wimmerns, Schreiens, Klagens, Jammerns Ausdruck zu geben. Vom lyrischen, gefühlvollen Instrumentalklang über den schrillen, überlauten Ton, Spaltklänge, reine Klappengeräusche oder einfach nur den leisen Luftstrom aus den Klappen lassend - so artikulierte sich hier Trauer und Schmerz.

Das Gesangsensemble Auditivvokal Dresden brachte unter der Leitung von Olaf Katzer Helmut Zapfs zwar homophon, aber mit atemberaubend moderner Harmonik angelegte klangintensive Vokalsätze mit großer Ernsthaftigkeit und Eindringlichkeit zur Wirkung. Dem Domkapitel von Cadiz hätte dies möglicherweise nicht gefallen, den Besuchern in Zepernick schon. Eine Ergriffenheitspause nach einer geballten Ladung an Grausamkeit und Tod, zu der sich am Ende noch ein kraftvoll bebildertes Erdbeben mischt - und dann herzlicher verdienter Beifall für die Akteure.

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