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Polizist liest in alten Akten nach

Roland Becker / 06.01.2014, 22:12 Uhr
Hennigsdorf/Neuruppin (MZV) Im Prozess um den von der Staatsanwaltschaft vorgeworfenen Mord an Maike Thiel wurde am Montag im Neuruppiner Landgericht ein ehemaliger Kommissar vernommen. Er sollte sich an die vor mehr als 16 Jahren erfolgte Vernehmung der Angeklagten Christine Sch. erinnern.

Volker F. ist längst in Rente. Doch jetzt holte den heute 60-Jährigen ein Fall ein, in dem er im Sommer 1997 ermittelt hatte. Zu einem Zeitpunkt, als die Polizei noch nicht gänzlich davon überzeugt war, dass die damals 17-jährige Maike Thiel umgebracht worden war, hatte er Christine Sch. vernommen. Damals, so versichert der Ex-Kommissar, galt diese als Zeugin, nicht als Verdächtige. Jetzt sitzt sie auf der Anklagebank.

Christine Sch., so wirft es ihr die Staatsanwaltschaft vor, soll 1997 den Plan geschmiedet haben, die schwangere Maike Thiel von ihrem Sohn Michael Sch. erdrosseln zu lassen. Damit sollte verhindert werden, dass dieser Unterhalt für das Kind zahlen muss.

Über Monate hatten die Verteidiger alle juristischen Waffen aufgefahren, um die Vernehmung des Polizisten zu verhindern. Doch Richter Gert Wegner ließ sich darauf nicht ein. Stattdessen hofft er nun, dass der pensionierte Beamte zur Wahrheitsfindung beitragen kann. Doch viel ist es nicht, was der Ex-Polizist zu berichten hat. Und das, was er erzählt, hat er sich bei einem Besuch in seiner alten Arbeitsstätte aus den Akten angelesen.

In ihrer Vernehmung habe Christine Sch. damals ausgesagt, dass "eine Schwangerschaft mit 16 Jahren ein bisschen unsinnig sei", so Volker F. Sie habe berichtet, dass sie sich mit Maikes Eltern einig gewesen sei, dass deren Tochter das Baby abtreiben lassen soll. Der Kontakt zur Familie Thiel sei abgebrochen, als sich Maike entschlossen habe, das Kind zur Welt zu bringen.

Den Prozess voranbringende Erkenntnisse offenbart das, was sich Volker F. aus den Akten angelesen hat, nicht. Dennoch nutzen die Verteidiger sowohl von Christine Sch. als auch die ihres Sohnes Michael Sch. das letzte Mittel, Volker F. juristisch mundtot zu machen: Sie widersprechen der Verwendung seiner Aussage. Dabei argumentieren sie, dass Christine Sch. im Juli 1997 im Fall Thiel offiziell als Zeugin vernommen wurde, obwohl die Polizei bereits vermutet habe, dass sie am Verschwinden des Mädchens beteiligt gewesen sei. Da Christine Sch. damals der wahre Grund der Vernehmung verschwiegen wurde, könne deren Inhalt im jetzigen Prozess nicht genutzt werden.

Dass die Verteidiger der für die Urteilsfindung eher unbedeutend erscheinenden Aussage des Ex-Polizisten so große Bedeutung zumessen, dürfte mit dem Prozessende zu tun haben. Sollten Michael Sch. und dessen Mutter verurteilt werden, könnte die ihrer Ansicht nach unrechtmäßige Zeugenvernehmung des Polizisten einen juristischen Anlass dafür liefern, gegen das Urteil Revision einzulegen.

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