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Pionier im Skatepark

David Lebuser in Aktion: Seit einem schweren Unfall 2008 kann der Frankfurter nicht mehr laufen. Dafür rockt er wie nur wenige andere mit seinem Rollstuhl die Skateparks der Republik.F
David Lebuser in Aktion: Seit einem schweren Unfall 2008 kann der Frankfurter nicht mehr laufen. Dafür rockt er wie nur wenige andere mit seinem Rollstuhl die Skateparks der Republik.F © Foto: Uli Gasper
Thomas Gutke / 18.02.2014, 06:34 Uhr - Aktualisiert 18.02.2014, 10:13
Frankfurt (MOZ) Was andere mit dem Skateboard können, macht David Lebuser mit seinem Rollstuhl. Der Frankfurter - seit einem Unfall im Sommer 2008 querschnittsgelähmt - gehört zu den besten Chairskatern der Welt.

"Wenn das Leben Dir einen Rollstuhl gibt, lass dich davon nicht bremsen - such Dir lieber einen Skatepark".

Der Satz stammt - frei aus dem Englischen übersetzt - von Aaron Fotheringham, dem besten Chairskater der Welt. In den Videos auf Youtube fliegt der US-Amerikaner mit seinem Rollstuhl nur so über Rampen, Geländer und Kanten. Lässig und leichthändig wirkt das, oft sehen die Tricks in den Halfpipes auch ganz schön waghalsig aus. Der Backflip etwa. Fotheringham ist der einzige Mensch, der diesen Rückwärtssalto mit dem Rollstuhl fertig bringt.

"Krass" - das war so ungefähr das erste, was David Lebuser dachte, als ihm ein Kumpel die Videos von Aaron Fotheringham zeigte. Gut fünfeinhalb Jahre ist das jetzt her. Lebuser war damals in der Reha. Durch einen metertiefen Sturz hatte sich der Frankfurter in der Nacht vom 27. zum 28. August 2008 einen Lendenwirbel zertrümmert. In einem Haus in der Georg-Richter-Straße, wo er mit Bandkollegen gefeiert hatte, war er vom Treppengeländer abgerutscht. Seitdem ist der heute 27-Jährige querschnittsgelähmt - unterhalb der Knie spürt er nichts.

Familie und Freunde hätten ihm in dieser Zeit dabei geholfen, den Unfall zu verarbeiten, sagt er. Genauso aber auch die Paralympics, die im Spätsommer 2008 über den Fernsehschirm flimmerten. "Da habe ich zum ersten Mal gesehen, dass mit dem Rollstuhl auch sportliche Höchstleistungen möglich sind."

Der Rollstuhl erschien ihm nicht als Bürde. Er war eine Chance. Um so selbstständig wie möglich weiterzuleben. Natürlich habe er auch vieles versucht, um die Nerven in seinen Beinen wieder zu aktivieren. "Aber parallel dazu habe ich immer auch schon viel mit dem Rollstuhl trainiert." Noch im Krankenhaus lernte er, damit die Treppen hinaufzufahren und Bordsteinkanten zu nehmen. Nach und nach testete er die Grenzen seines Gefährtes aus. Dass diese Grenzen nach oben hin offen sind, sah er bei Aaron Fotheringham. Bald schon wagte sich Lebuser selbst in einen Skatepark.

Heute gibt es auch von David Lebuser jede Menge Videos auf Youtube zu sehen. Denn der Leistungssportler, der mittlerweile in Dortmund lebt und dort in einem Sanitätshaus arbeitet, zählt mit seinem speziellen Aktivrollstuhl jetzt selbst zur Chairskater-Elite. Bei der WM in Venice Beach, Kalifornien, im vergangenen Jahr wurde er überraschend Dritter.

Lebuser ist der einzige professionelle Chairskater in Deutschland. Viele Medien berichteten bereits über ihn - von der ARD bis zum Spiegel. Das Interesse ist groß. Auch an seinen Workshops. Mit dem Rollstuhlsportverband bot er 2013 erstmals Anfängerkurse im Skatepark an. Für dieses Jahr sind schon zehn neue in Planung, allerdings (noch) keine in Frankfurt. Lebuser geht es in den Workshops um kleine Erfolgserlebnisse. Rollstuhlfahrern soll ein wenig die Angst vor Barrieren genommen werden.

Zugleich wirbt er für einen weniger verkrampften Umgang mit dem Thema Inklusion. Lebuser: "Die Debatte konzentriert sich noch zu sehr auf Schule und Arbeit. Dabei heißt Inklusion doch auch einfach, zusammen Spaß zu haben. Und Skateparks sind ein guter Ort dafür".

Von einer Gesellschaft, in der sich jeder barrierefrei bewegen kann, sei unsere aber noch weit entfernt, glaubt Lebuser. "Es gibt so Momente, da geht es auch für mich nicht weiter. Mit einer vollen Einkauftasche kann ich zum Beispiel schlecht noch die Treppe hochkraxeln". Wenn er seine Heimatstadt besuche, stoße er ebenso manchmal an Grenzen. "Bei Regen war am Bahnhof in Frankfurt schon öfter mal der Fahrstuhl kaputt. Dann musste mich wieder jemand tragen." Überhaupt gebe es so viele Hindernisse, die einem im Alltag begegneten, "und die sind nicht nur für mich ärgerlich, sondern auch für ältere Leute, oder Familien mit Kindern. Da muss so oder so ein Umdenken passieren."

Einen extra Skatepark für Rollstuhlfahrer brauche es dafür nicht. "Der wäre auch Quatsch", so Lebuser. Schließlich lebe eine Anlage für Skater von Barrieren. Dennoch gebe es Dinge, die Planer beim Bau eines Skateparks bedenken könnten, um Rollstuhlfahrern die Chance zu geben, die Anlage problemlos zu nutzen. Und die müssten noch nicht mal viel Geld kosten.

Was mit einem Rollstuhl im Skatepark alles möglich ist, das wollte Lebuser eigentlich vor ein paar Wochen vor einem Millionenpublikum im Privatfernsehen zeigen. Als einer von 49 Kandidaten hatte er es in die Casting-Show "Millionärswahl" geschafft. Zu gewinnen gab es eine Million Euro, dafür musste die Gunst der Zuschauer gewonnen werden. Das Preisgeld hätte er in seine Workshops und andere Projekte gesteckt. Doch für Lebuser war die Show vorbei, bevor sie überhaupt anfing. Bei einem Sturz in den Proben brach er sich den rechten Unterarm. "Ich war so voller Adrenalin, dass ich wohl etwas übertrieben habe. Es ist schade um die viele Zeit, die ich dafür geopfert habe." In der Sendung war dann nur noch ein Einspielfilm von Lebuser zu sehen, was ihm aber noch Platz drei einbrachte. Die Show selbst floppte völlig. Aufgrund schwacher Einschaltquoten bei Pro 7 und Sat 1 war das Finale nur noch im Internet zu sehen.

Seitdem konzentriert sich Lebuser voll auf die WM im Sommer in Kalifornien. Dort will er es wieder aufs Treppchen schaffen, und er ist optimistisch. "Der Skatepark von Venice Beach liegt mir", sagt er. Im ersten von zwei Läufen gehe es darum, das gesamte Gelände so geschmeidig wie möglich zu befahren. Im zweiten zeige dann jeder seine Tricks, auch wenn er dafür mehrere Anläufe braucht.

Der Frankfurter hat sich für dieses Jahr einen Handplant vorgenommen, geschafft hat er ihn noch nicht. "Du fährst die Rampe mit viel Schwung rauf, und oben machst du für den Bruchteil einer Sekunde einen Handstand. Wer den macht, ist ganz vorne mit dabei." Ab dem Frühjahr wird er wieder ins Training einsteigen.

Das Geld für die Reise hat er bereits zusammen. "Im letzten Jahr war ich erst einmal pleite, als ich aus den USA wiederkam, da habe ich alles selbst bezahlt", so Lebuser. Diesmal sammelte er über so genanntes Crowdfounding im Internet Geld von Verwandten, Freunden und Leuten aus der Rollstuhl-Community ein. Bis zum Stichtag, 22. Januar, kamen 6422 Euro zusammen. 6000 Euro hatte er mindestens gebraucht. Mitfliegen wird ein Kameramann, der mit David Lebuser einen professionellen Dokumentarfilm dreht. Er soll später auf Kurzfilmfestivals, Messen oder als Promotion-Video im Netz gezeigt werden.

Denn noch immer gehört Lebuser zu den ganz wenigen im Land, die sich überhaupt mit einem Rollstuhl in den Skatepark trauen. Aber es werden immer mehr. Dank David Lebuser. Sein Wunsch: "Ich möchte, dass das alles ein bisschen normaler wird. Dass die Leute sagen, das hier ist ein Skatepark, und da kommt eben ab und zu auch mal ein Rollstuhlfahrer vorbei."

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