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Zwischen Realität und Statistik

Optimistisch: Schulamtsleiter Gerhard Kranz hofft, zum neuen Schuljahr alle freien Lehrerstellen zu besetzen.
Optimistisch: Schulamtsleiter Gerhard Kranz hofft, zum neuen Schuljahr alle freien Lehrerstellen zu besetzen. © Foto: moz/thomas gutke
Thomas Gutke / 20.06.2014, 19:59 Uhr
Frankfurt (MOZ) Vielen Schulen gelingt es nicht, lange Krankheitsausfälle von Lehrern adäquat zu kompensieren. Die Folge ist Unterrichtsausfall. Für einzelne Fächer würden teilweise schon gar keine Noten mehr erteilt, klagt der Kreiselternrat. Über Lösungen für das Problem diskutierten Eltern und Lehrer am Donnerstag mit Politikern.

"Sieben Stunden sollte mein Sohn laut Stundenplan gestern haben. Tatsächlich hatte er dann eine Stunde Englisch und zwei Stunden Sport. Das kann es doch nicht sein", machte sich der Vater eines Siebtklässlers Luft. Noch deutlicher wurde ein anderer: "Manchmal habe ich den Eindruck, meine Kinder sind öfter zu Hause, als in der Schule."

Mehr als 80 Eltern, Lehrer und Schüler kamen am Donnerstag zu einer Podiumsdiskussion in das Karl-Liebknecht-Gymnasium zum Thema Unterrichtsausfall. Organisiert hatte die Veranstaltung der Kreiselternrat und dazu die bildungspolitischen Sprecher aller Landtagsfraktionen eingeladen. Von denen kam zwar niemand, aber immerhin "deren Vertretungsreserve", wie Bärbel Melcher, seit vielen Jahren im Elternrat aktiv, ironisch anmerkte. Von den Politikern wollten sie und ihre Mitstreiter "nicht hören, warum etwas nicht geht, sondern Lösungsvorschläge".

Die frühere Justizministerin Brandenburgs und Landtagsabgeordnete Beate Blechinger verwies auf die (vergeblichen) Bemühungen der CDU-Fraktion, mehr Geld für Lehrkräfte bereitzustellen und die Vertretungsreserve von drei auf sechs bis sieben Prozent aufzustocken. Auch plädierte sie für ein Umdenken in der Lehrerausbildung. Bislang betrage der pädagogische Anteil des Studiums in Brandenburg 30 Prozent - in Finnland, so Blechinger, seien es 100 Prozent. "Ich bin auch für Aufnahmeprüfungen, denn nicht jeder ist für den Lehrerjob geeignet." Und unter fehlender Qualität leide auch die Quantität, es fielen Stunden aus, weil Lehrer überfordert seien.

Die Grünen-Landtagskandidatin Sarah Damus hält die Ausstattung mit Lehrpersonal ebenso für "chronisch unterfinanziert". Das Land müsse Prioritäten setzen, und zwar in dem "der Mangel nicht verwaltet, sondern mehr Geld für Bildung ausgegeben wird". Sie mahnte zudem die ungleiche Bezahlung der Pädagogen an. "Berufe wie Grundschullehrer oder Erzieher müssen finanziell aufgewertet werten."

Geld für mehr Bildung sei ja da, urteilte der FDP-Landtagskandidat Robert Krause, es müsse nur besser verteilt werden. Er plädierte zudem für ein gezieltes Gesundheitsmanagement, "um zu verhindern, dass so viele Lehrer krankheitsbedingt ausfallen".

Linken-Politiker Torsten Krause - einziger Vertreter der Regierungskoalition und Mitglied im Bildungsausschuss des Landtages - sprach während der Podiumsdiskussion über die schon unternommenen Anstrengungen von Linken und SPD, die Schulen personell besser auszustatten. "Es ist bereits einiges passiert." Und die Situation, so Krause, werde sich dank 4 400 neuer Lehrkräfte bald noch weiter verbessern.

Optimistisch gab sich Gerhard Kranz, Leiter des staatlichen Schulamtes. Von 140 Lehrerstellen, die zum 1. August nachbesetzt werden müssten, seien 113 bereits vergeben, davon 14 in Frankfurt. 27 Lehrer fehlten also noch. Insgesamt, so Kranz, sehe die Rahmenplanung 2 755 Vollzeitlehrerstellen in der Schulamtsregion vor, 510 sind es in Frankfurt. Was fehle, seien Lehrer für bestimmte Fächer, wie etwa weiter ein Musiklehrer für die Hutten-Oberschule, wo es seit bald zwei Jahren keinen Musikunterricht gibt. "Aber da sind wir dran."

Im laufenden Schuljahr hatte man alle Stellen bis Ende September 2013 besetzen können, sagt Kranz. Wie sich dann vor allem zu Stoßzeiten die Unterrichtsausfälle entwickelten, sei oft nur schwer vorhersehbar. Das vor kurzem eingeführte Vertretungsbudget habe zumindest punktuell Abhilfe schaffen können. Es ermöglicht den Schulen, kurzfristig Vertretungslehrer zu finanzieren. 35 Prozent der Mittel seien im staatlichen Schulamt bereits abgerufen worden.

Allerdings zeigte die Diskussion auch, dass Zahlen zuweilen trügen. Zwischen der Realität an den Schulen auf der einen und der Statistik, die bei Fachpolitikern und im Ministerium landet, auf der anderen Seite, klafft offenbar eine Lücke. Auch gibt es etwa unterschiedliche Ansichten darüber, was als Unterrichtsausfall gilt. Selbstständige Schülerarbeit zählt nicht dazu. Kritisch sieht der Kreiselternrat auch das Vertretungsbudget. Lehrer in Altersteilzeit dürfen aus beamtenrechtlichen Gründen nicht mehr als drei Stunden pro Woche aushelfen, pensionierte Lehrer wollen oft nicht mehr arbeiten.

Viele Eltern erwarten da gerade vom Ministerium mehr Flexibilität und praktische Lösungen. Ein Vater brachte es mit seinen an Regina Schäfer vom Bildungsministerium gerichteten Fragen auf den Punkt: "Warum können Lehrern Überstunden nicht bezahlt werden? Warum können Lehrer in Altersteilzeit nicht mehr arbeiten, wenn sie wollen? Warum kann man nicht einfach einen Pool bilden mit Lehrern, die bei Ausfallstunden einfach mit einem Dienstwagen zwischen Frankfurt und Eisenhüttenstadt pendeln?"

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Lehrerversteher 25.06.2014 - 22:26:16

Kommissarischer Leiter des Schulamtes Kranz

@Horst, Sie können davon ausgehen, dass Herr Kranz alle diese Zusammenhänge bestens kennt. Er ist aber sonst arm dran, da er diese Sachverhalte ja kleinreden und verschleiern muss. Momentan muss er auch noch eine gute Figur machen, da er ja noch nicht weiß, wo er und seine kommissarische Stellvertreterin und die anderen Helfer nach einem ev. Neuzuschnitt der Schulbezirke bleiben werden. Was aber nicht bedeutet, dass er seine Lieblingsintriegen nicht weiterspinnt. Kranz und seine Konnektion bedeuten in dieser Situation einfach nur Stillstand für FF und Umgebung. In anderen Gegenden ist es auch Schlimm mit der Lehrerausstattung aber Kranz kann nur Druck erzeugen und sonst selber nur duckmäusern. Arme Seele.

Ex-Abonnent 22.06.2014 - 14:38:43

weiterhin

eine weitere Form der Verschleierung des Unterrichtsausfalls ist die Erteilung fachfremden Unterrichts. Für den kränkelnden Mathelehrer kann dann der Zeichen- oder Musiklehrer einspringen.

Horst 22.06.2014 - 13:33:42

Augenwischerei

Warum wohl haben die vom Stundenausfall Betroffenen (Eltern, Lehrer und Schüler) einen ganz anderen Eindruck als die Vertreter des Bildungsministeriums? Weil einfach mit verschiedenen statistischen Tricks der Stundenausfall schöngerechnet wird. Das beliebteste Mittel wurde im Artikel auch genannt, die sogenannte selbständige Schülerarbeit, die letztlich nur bedeutet, dass zu dieser Zeit keine Lehrkraft zur Verfügung steht und die Schüler sich selbst überlassen sind. Wenn man das als erteilten Unterricht durchgehen lässt, könnte man auch jede erteilte Hausaufgabe anteilmäßig als erteilten Unterricht anrechnen. Wenn man schon eine Vertretungsreserve einrichten möchte, dann gehört diese auch in die Verwaltungshoheit der einzelnen Schule und sie muss auch praktikabel sein. Eine "Vertretungsfeuerwehr", die im Dienstwagen zwischen Fürstenwalde und Eisenhüttenstadt hin und her pendelt wird diesem Anspruch nie gerecht werden können. Die Schüler sollen ja nicht nur betreut, sondern möglichst qualitativ hochwertig unterrichtet werden. Also einfach mehr Stunden den Schulen zur Verfügung stellen, die man im Nichtvertretungsfall in Förder- bzw. Gruppenunterricht stecken könnte. Tatsache ist jedoch, dass das Bildungswesen in Brandenburg chronisch unterfinanziert ist und die notwendige Anzahl von Stunden zur Vertretungsreserve überhaupt nicht bereit gestellt werden könnten. Und wenn, dann auch wieder nur zu Lasten anderer Bereiche, so wie im letzten Jahr, als der Planungsschlüssel im Sekundarstufenbereich II von 1,8 planbaren Stunden pro Schüler auf 1,7 abgesenkt wurde, mit der Folge, dass gerade bei kleinen Schulen bestimmte Kurse gar nicht mehr eingerichtet werden können und andere aus allen Nähten platzen. Aber so kann man natürlich auch wieder dafür sorgen, so wie Herr Kranz behaupten zu können, dass doch eigentlich genügend Lehrer da seien.

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