Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Immer öfter finden Mediziner keinen Nachfolger / Dr. Schulz aus Ostend hat zwei Jahre gesucht - vergeblich

Ladenhüter Hausarztpraxis

© Foto: dpa/Patrick Pleul
Viola Petersson / 07.08.2014, 08:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Biete Landarzt-Praxis, suche Nachfolger. Immer seltener wollen Mediziner in die Provinz, aufs Dorf. Und immer öfter endet die Suche deshalb erfolglos. Inzwischen hat das Phänomen auch die Stadt erreicht. Eberswalde etwa. Hausarzt Dr. Dietholf Schulz berichtet von seinen Erfahrungen.

Nein, ganz habe er die Hoffnung noch nicht aufgegeben, versichert Dr. Schulz, der seit Anfang der 1990er-Jahre in Ost-end eine Praxis für Allgemeinmedizin, Schmerztherapie und Sportmedizin betreibt. Er suche weiter und sei nach wie vor mit potentiellen Interessenten im Gespräch. "Ich will in jedem Fall den Standort hier erhalten", sagt der 59-Jährige.

Gleichwohl habe er jüngst die Entscheidung getroffen, die kassenärztliche Versorgung im Bereich der Allgemeinmedizin zu beenden. Per 1. Juli habe er einen Schlussstrich gezogen. "Ich habe zwei Jahre lang einen Nachfolger gesucht für die Hausarzt-Praxis", berichtet der Eberswalder. Vergeblich. "Ich hätte nicht gedacht, dass es selbst in der Kreisstadt so schwierig ist", gesteht er und verweist auf recht intensive Bemühungen. Etwa per Anzeige in Fachzeitungen oder über das Portal der Kassenärztlichen Vereinigung. Dabei gebe es keine "Residenzpflicht" für Hausärzte mehr. Ein Berliner Mediziner könnte also eine Praxis in Eberswalde oder Joachimsthal übernehmen und täglich pendeln, macht Schulz deutlich.

Zur Ruhe setzen wolle und werde er sich keineswegs. Der Arzt spricht von einer Neuorientierung. "Ich will mich künftig einfach auf mein Spezialgebiet, die Schmerztherapie, konzentrieren." Aufgrund der Entwicklung in Eberswalde habe ihn die hausärztliche Versorgung in den vergangenen Jahren immer mehr in Anspruch genommen. So dass die Zeit für Schmerztherapien immer knapper wurde. Gerade die Behandlung chronischer Schmerzpatienten sei aber - auch wegen des interdisziplinären Ansatzes - recht zeitintensiv.

Schulz hat eigenen Angaben zufolge einen "Kundenstamm" von mehr als 9000 Patienten. Pro Quartal suchen etwa 750 bis 800 seinen ärztlichen Rat bzw. Hilfe. Der Brandenburger Durchschnitt, so weiß der Allgemeinmediziner, liege bei 950 Patienten pro Quartal. "Und die Kollegen auf dem Lande kommen schon mal auf über 1000." Brandenburgweit gebe es etwa 60 offene Hausarztstellen, so Schulz. In Niedersachsen seien es sogar 390 und bundesweit - je nach Quelle - bis zu 2600. Der Hausarztmangel sei also keineswegs eine Besonderheit des Ostens. Und der angeblich drohende Engpass bei Ärzten, er sei schon da. "Die Notsituation ist real."

Etwa jeder zweite Hausarzt in der Mark finde inzwischen keinen Nachfolger mehr. "In Eberswalde kenne ich allein drei, die in den vergangenen fünf Jahren vergeblich gesucht haben", so Schulz. So verwundere ihn wiederum auch nicht, dass längst noch nicht alle seiner Patienten einen neuen Hausarzt gefunden haben. Weshalb er jene Unversorgten zunächst weiterbehandelt. "Ich kann sie doch nicht im Stich lassen."

Die Gründe für den Mangel seien vielfältig. Vor allem aber seien es die Rahmenbedingungen. Dr. Schulz nennt nur kurz einige Stichworte: Reglementierung der Arbeit, Budgetierung, wachsende Bürokratie, drohende Regressforderungen ... Hinzu komme das unternehmerische Risiko. "Die Einzelpraxis ist nicht tot", sagt Schulz. Aber für junge Ärzte erscheine die Arbeit in einem Angestelltenverhältnis, etwa in einem Medizinischen Versorgungszentrum, einem MVZ, deutlich attraktiver. "Diese Struktur ist sichtlich auf dem Vormarsch, was ja offenkundig auch politisch gewollt ist", stellt der 59-Jährige fest.

Es gibt aber auch einen kleinen Hoffnungsschimmer. Dem Apotheker Thomas Reygers ist es jüngst gelungen, im Zuge des Neubaus seines Ärztehauses an der Karl-Liebknecht-Straße eine Allgemeinmedizinerin für Eberswalde zu gewinnen. Eine echte Neuansiedlung. Am 1. Oktober soll das Ärztehaus in Betrieb gehen. "Termine werden aber erst ab Mitte September vergeben", so sein Hinweis.

Laut Kassenärztlicher Vereinigung Brandenburg sind in Eberswalde aktuell 27 Hausärzte tätig, darunter drei in einem MVZ. Einige der Mediziner gehören bereits der Altersklasse Ü 60 an.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG