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20. Landespokal im Kegeln für blinde und sehbehinderte Menschen in Seelow / 22 Teilnehmer aus Bad Freienwalde und Oberhavel

Alle Neune ohne Augenmaß

Mit Wucht und Präzision: So schickt der mehrfache Deutsche Meister Enrico Elsholz (l.) aus Bad Freienwalde die Kugel über die Bahn.
Mit Wucht und Präzision: So schickt der mehrfache Deutsche Meister Enrico Elsholz (l.) aus Bad Freienwalde die Kugel über die Bahn. © Foto: MOZ
Marco Marschall / 12.01.2015, 05:22 Uhr
Seelow (MOZ) Obwohl sie nichts sehen, schrillt das Signal für einen Volltreffer. Zum zweiten Mal seit den 90er Jahren war die Kegelhalle in Seelow am Sonnabend Austragungsort für den Landespokal der Blinden- und Sehbehinderten - dabei ging es nicht allein ums Holz.

Enrico Elsholz nimmt die schwarze Maske von den Augen. Der Bad Freienwalder ärgert sich. Zwar wird er am Ende des Wettbewerbs in der Seelower Kegelhalle den ersten Platz belegt haben, doch mit seinen 432 Holz ist er alles andere als zufrieden. "Wenn man den Anspruch hat, international zu spielen, ist das zu wenig", sagt der mehrfache Deutsche Meister. Doch der ehrgeizige Mann, der seit 18 Jahren kegelt, zieht am Ende des Tages auch Positives aus dem 20. Landespokal des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Brandenburg. Schließlich gehe es auch immer darum, Sportler-Kollegen wiederzutreffen.

Doch wie bringt der Blinde eine Kugel eigentlich gerade über die Bahn und trifft manchmal sogar alle Neune? "Blinde und hochgradig Sehbehinderte haben einen Zusteller, der ihnen auch beschreibt, wie die Kugel läuft", erklärt Landeskegelwart Holger Dreher. Sie reichen ihnen auch die Kugeln und geben Bescheid, sobald die Bahn frei ist. "Es ist schon hohe Konzentration gefragt", sagt Andreas Beinert vom Vorstand des Landesverbandes der Blinden und Sehbehinderten. "Ich stelle mich da noch zu dusselig an", meint Beinert, der selbst blind ist.

Hochkonzentriert ist auch Enrico Elsholz. Mit geradem Oberkörper steht er an der Bahn und hält wie bei einer Meditationsübung beide Hände vor den Bauch. Anke Naumburger legt die Kugel in seine Hände. Elsholz geht in die Hocke drückt die Kugel auf den Boden, dann reist er beide Arme in die Luft. Die Kugel saust über die Bahn und erfasst die Mitte der Kegel.

Die schwarze Augenmaske bräuchte der Mann aus Bad Freienwalde eigentlich nicht. Er ist vollblind, kann auch keine Veränderungen des Lichts mehr wahrnehmen. Er trägt sie, damit niemand am Grad seiner Behinderung zweifelt. Dass er schon vor seiner Erblindung gekegelt hat, sei ein Vorteil. "Man kann besser korrigieren, wenn man eine Vorstellung von der Bahn hat", sagt er.

Sein Rivale Klaus Cordes aus Oranienburg hat erst nach seiner Erblindung mit dem Kegeln angefangen. Beim Wettkampf wirkt er weniger verbissen. Seit 2001 ist er "nahezu blind", wie er selbst sagt, und ist ebenfalls in der Klasse B1 eingestuft. Insgesamt drei gibt es je nach Grad der prozentualen Sehbehinderung. Petra Dohrmann, die für Klaus Cordes die Aufgabe der Zustellerin übernimmt, kegelt selbst in der Klasse B3 (sehbehindert). "Ich kann mich noch sehend orientieren", sagt sie.

Auch wenn einige sehr versierte Kegler am Sonnabend die Reise nach Seelow antraten, ist der Landespokal kein ausgewiesener Wettbewerb für Profis. Teilnehmen konnte im Grunde jeder, der Mitglied in einer der jeweiligen Bezirksgruppen des Sehbehindertenverbandes ist - demnach auch Menschen, die vorher noch keine Kugel geschoben haben.

Vertreten waren am Sonnabend nur Mitglieder der Gruppen Bad Freienwalde sowie vier Mannschaften aus Oberhavel. Insgesamt nahmen 22 Kegler teil. Die Erstplatzierten qualifizieren sich für den Bundespokal des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes.

Obwohl sich Landeswart Holger Dreher vielleicht noch ein paar mehr Teilnehmer gewünscht hätte, ist er am Ende zufrieden. Die Organisation habe gestimmt. "Solche Veranstaltungen sind wichtig für die Menschen, weil sie merken, dass es auch nach der Behinderung im Leben weitergeht" sagt er.

Für Enrico Elsholz geht es schon in dieser Wochen weiter. Um sich auf internationaler Ebene zu messen, reist er ins mehr als 900 Kilometer entfernte Kosice in der Slowakei. 20 Stunden sei er dafür mit dem Zug unterwegs, sagt er. Doch schon für die Begegnung mit den Sportlern aus anderen Ländern, die einander mittlerweile gut kennen, lohne sich die Strapaze.

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