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Das Oderbruch als Klein-Europa

Stehen für ein Ziel: Die mehr als 60 Teilnehmer des 3. Landschaftstages Oderbruch aus allen 25 Oderbruch-Gemeinden haben sich am Sonnabend in Kienitz mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, in diesem Jahr das europäische Kulturerbe-Siegel zu beantragen.
Stehen für ein Ziel: Die mehr als 60 Teilnehmer des 3. Landschaftstages Oderbruch aus allen 25 Oderbruch-Gemeinden haben sich am Sonnabend in Kienitz mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, in diesem Jahr das europäische Kulturerbe-Siegel zu beantragen. © Foto: Matthias Lubisch
Ines Weber-Rath / 26.02.2017, 19:35 Uhr
Kienitz (MOZ) Mehr als 60 Vertreter aus erstmals allen 25 Oderbruch-Gemeinden sind am Sonnabend in Kienitz zum 3. Landschaftstag Oderbruch zusammen gekommen. Sie beschlossen, dass in diesem Jahr der Antrag auf Zuerkennung des europäischen Kulturerbe-Siegels gestellt werden soll. Nun ist die Finanzierung zu klären.

Der Beschluss fiel am Ende fast einstimmig: Bis zum November soll der Antrag zur Anerkennung der Kulturlandschaft Oderbruch als europäisches Kulturerbe ans Kultusministerium des Landes übergeben werden. Federführend für den Antrag werden neben den Mitgliedern einer interkommunalen Arbeitsgruppe, der Initiative Kulturerbe Oderbruch,die Mitarbeiter des Museum Altranft sein. Heike Schönherr und Tobias Hartmann vom Museum sind die Koordinatoren des Projektes.

Die Zeit drängt. Denn noch sei das europäische Kulturerbe-Siegel, das erst seit Kurzem verliehen wird, nicht so bekannt. Jedes EU-Mitgliedsland dürfe alle zwei Jahre nur zwei Erbestätten vorschlagen. Nur eine davon bekommt das Siegel, erklärte Hartmann auf dem Landschaftstag.

Den Initiatoren aus dem Oderbruch ist bewusst, dass es ihre Bewerbung in Brüssel schwer haben könnte. Denn das Landschafts- und Wassersystem des Oderbruchs ist kein historisches Bauwerk, wie etwa eine Burganlage oder Kirche. Die Kulturlandschaft unterlag und unterliegt der ständigen Veränderung. Doch genau damit will man werben: Der größte besiedelte Flusspolder Europas versinnbildliche wirtschaftlich und kulturell vieles vom Kontinent, sei eine Art Klein-Europa, heißt es.

Mit Interesse nahmen die Vertreter der Oderbruch-Gemeinden, Mitglieder von Vereinen, Gewerbetreibende und anderen Teilnehmer des Landschaftstages zur Kenntnis: Das Erbe-Siegel zeichnet keinen Status Quo aus. Es gehe um den Nachweis von Aktivitäten, wie das europäische Kulturgut erhalten, gepflegt und der Öffentlichkeit bekannt und erlebbar gemacht wird, betonte Tobias Hartmann.

Dazu eröffnet das Museum Altranft im April eine neue Dauerausstellung und beginnt, ein Netzwerk von Kulturerbestätten im Oderbruch auszuweisen. Als erste derartige Erbestätte soll am Internationalen Museumstag, dem 21. Mai, das Korbmachermuseum in Buschdorf mehrsprachig ausgeschildert und um einen Ausstellungsbaustein zum Kulturerbe ergänzt werden, wurde am Sonnabend bekannt gegeben.

Doch das alles kostet Geld. Rund 20 000 Euro Kosten haben die Koordinatoren allein für die Antragstellung veranschlagt. Sie wären noch höher, wenn nicht Bund, Land und Landkreis die Kräfte zur Förderung der Neuaufstellung des Altranfter Museums bis 2020 gebündelt hätten, in dem das Kulturerbe-Projekt angesiedelt ist.

Man könne auf die Unterstützung des Tourismusverbandes Seenland Oder-Spree und der Bad Freienwalder Tourismus GmbH bei der Ausweisung und Vermarktung der "Kulturroute Oderbruch" und auf die Hilfe des Landesdenkmalamtes für Erhaltungsmaßnahmen an wichtigen Kulturerbestätten zählen, berichteten die Projekt-Koordinatoren.

Was die Finanzierung betrifft, so beginnt man nicht bei Null. Denn seit 2015 haben die Städte Wriezen und Bad Freienwalde sowie die Gemeinden Letschin, Golzow, Neutrebbin, Neulewin, Oderaue und Bliesdorf in den Kulturerbe-Fonds eingezahlt, der von der Stiftung Oderbruch verwaltet wird. Dazu legte Stiftungsrätin Gudrun Wendt in Kienitz Rechenschaft ab.

Doch das Geld reicht längst nicht. Deshalb ging vom Landschaftstag der Aufruf an alle Oderbruch-Gemeinden zwischen Lebus und Bad Freienwalde aus, sich mit einem Pro-Kopf-Beitrag an der Finanzierung des Projektes zu beteiligen. Vorgeschlagen sind bis 2019 jährlich 20 Cent je Einwohner. Denn erst im März 2019 würde die EU-Jury über die Zuerkennung des Siegels entscheiden, so Heike Schönherr. Stirnrunzeln riefen bei Teilnehmern des Landschaftstages vor allem die veranschlagten Folgekosten in Höhe von jährlich rund 60 000 Euro ab 2020 hervor.

Doch nicht nur kommunales, auch privates Engagement ist fürs Stemmen des Erbe-Antrags gefragt, wie Gudrun Wendt betonte. Gerhard Ihrig aus Letschin will dem Spenden-Aufruf folgen. "Wir verteidigen mit solcher Unterstützung letztlich unser Oderbruch, unsere Heimat", erklärte der Architekt.

Viele Detailfragen zum Kulturerbe-Antrag wurden am Sonnabend im Saal des Gasthauses "Zum Hafen" noch erörtert. Auf die Frage, ob man nicht ausdrücklich die Sicherung von Deich und Entwässerung fordern müsse, erklärte Kenneth Anders: Man sollte jeden Eindruck verhindern, dass es sich um ein "verkapptes Naturschutzprojekt" handele. Und die Sicherung der Entwässerung sei schließlich die Voraussetzung für den Erhalt der Kulturlandschaft Oderbruch.

Kontakt: kulturerbe@museum-altranft.de; Tel. 03344 155 39 01; wendt@stiftung-oderbruch.de; Tel. 0173 92 36 500

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Uwe Bräuning 27.02.2017 - 10:54:02

Der Naturschutz darf bei den Konzepten nicht vergessen werden

Ich begrüße ausdrücklich diese für unsere Region wichtige, längst überfällige Initiative, die viele Chancen beinhaltet. Schon allein deshalb, weil endlich versucht wird im Oderbruch gemeinsam etwas zu erreichen. Allerdings gibt es aus meiner Sicht noch eine Dinge, die nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Allen voran der Naturschutz. Der Status als " Kulturlandschaft" und Naturschutz schließen einander keineswegs aus. Im Gegenteil: Sie bedingen einander. Leider drängt sich mir zuweilen der Eindruck auf, dass Naturschutz von einigen als "etwas störendes, von oben herab bestimmtes, den Menschen aufgezwungenes Werk einiger weltfremder Spinner" empfunden wird. Das zeigt sich immer wieder, wenn von angeblichen " Renaturierungswünschen" oder von der " konsequenten Wiederausrottung der Biber" die Rede ist. Hand aufs Herz: Welcher normal denkende, dem Oderbruch und seinen Menschen verbundene Zeitgenosse wünscht sich denn ernsthaft eine Rückkehr des Oderbruchs in den Zustand von vor 1740? Oder ein "Absaufen" beim nächsten Hochwasser? Genau das wird jedoch speziell denen die für den Naturschutz eintreten, pauschal immer wieder vorgehalten. Was aber ledigich ein Zeichen dafür ist, dass zuwenig miteinander, dafür jedoch zuviel über einander geredet wird. Hier sehe ich noch großes Potential für kommende Landschaftstage. Sachliches Miteinander statt Polemik oder gar " Fake-News". Warum der Naturschutz nicht außer acht gelassen werden darf, zeigt sich am besten bei einer ehrlichen und sachlichen Betrachtung des aktuellen Zustandes des Oderbruchs: Touristen, vor allem Fahrradfahrer kommen gerne ins Oderbruch. Allerdings zum größten Teil in die Bereiche direkt an der Oder. Um am Deich zu radeln und die dort noch vorhandene einzigartige Natur zu genießen. Seeadler, Eisvogel und ja auch den Biber. Wie sieht es aber im Rest des Oderbruchs aus: riesige Felder, zumeist Monokulturen, Massentierhaltungen und leere Weiten. Vor gar nicht allzu langer Zeit gab es hier noch Rebhühner. Diese sind wie andere Tierarten, zum Beispiel Feldhasen und Amseln, längst verschwunden oder nur noch in kleinen Resten vorhanden. Wir müssen uns der Tatsache bewusst sein, dass das Oderbruch auf dem besten Wege ist, zu einer Agrarwüste zu verkommen! Wie will man denn da Touristen ins Oderbruch locken, wenn ihnen nichts geboten werden kann? Der Städter möchte sich in der Natur erholen und nicht durch endlose Maisfelder oder über ausgelaugten Boden latschen. Ein Städter möchte sich auch an dem Anblick von frei lebenden Wildtieren oder den Gesang von Vögeln erfreuen. Gerade das ist im Oderbruch immer weniger der Fall. Noch ist Zeit, gegen diese Entwicklung gegenzusteuern, entsprechende Konzepte zu entwickeln. Zum Beispiel Renaturierungen, was ja bei einigen offenbar Horrorvisionen auslöst. Ich kann es nur noch mal wiederholen : Niemand möchte ernsthaft Menschen aus ihrer Heimat vertreiben, oder das Werk von Generationen zerstören. Aber es gibt doch in unserem weiten Oderbruch einige Flächen, die nicht besiedelt sind und auch nicht unbedingt landwirtschaftlich genutzt werden müssen. Warum sträubt man sich so sehr gegen den Gedanken, der Natur einige Flächen zurück zu geben? Alles in allem vielleicht 10 oder 15 Prozent. An dieser Stelle sollte man sich auch vor Augen halten, dass es sich bei der viel bejubelten Trockenlegung des Oderbruchs um ein " Zweischneidiges Schwert" handelt. Einserseits wurde in harter Arbeit der Natur Lebensraum für viele Menschen abgerungen. Andererseits wurde aber auch ein einzigartiges Öko-System brutal zerstört. Für uns wäre es besser gewesen, wenn unsere Vorfahren damals nicht derart "blindwütig" vorgegangen werden. Ich erinnere nur an das Zuschütten von Seen und Gewässerläufen, wobei ich mir lieber nicht vorstellen möchte, was dabei mt den tierischen Bewohnern geschehen ist. Dagegen möchte ich mir vorstellen, was das für den Tourismus im Oderbruch bedeutet hätte, wenn diese Gewässer noch vorhanden wären: Wir hätten uns hier vor Touristen nicht retten können. Tja, nun ist es zu spät. Nun müssen unsere Besucher mit Maisfeldern vorlieb nehmen. Aber noch ist nicht alles zu spät. Der Landschaftstag ist ein erster Schritt in die richtige Richtung und wenn dann noch Vertreter des Naturschutzes künftig daran teilnehmen, dann wäre das ein weiterer Schritt für die Bewahrung unserer gemeinsamen Heimat-Dem Oderbruch!

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