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Ernte mit Hungerblech und Staubsauger

Die Wildblumen-Frau: Nina Keller zieht die meisten der von ihr vermehrten Wildblumen auf ihrem Gärtnerei-Hof in Reitwein vor. In der Palette, die sie hält, warten Heidenelke-Pflänzchen aufs Aussetzen ins Feld.
Die Wildblumen-Frau: Nina Keller zieht die meisten der von ihr vermehrten Wildblumen auf ihrem Gärtnerei-Hof in Reitwein vor. In der Palette, die sie hält, warten Heidenelke-Pflänzchen aufs Aussetzen ins Feld. © Foto: Detlef Schieberle
Ines Weber-Rath / 21.04.2017, 07:11 Uhr
Reitwein (MOZ) Bunte Blumenwiesen statt englischem Rasen, das ist im Trend. Die Botanikerin Nina Keller baut auf einem Feld nahe der Oder Wildblumen aus der Region an, um ihre Samen zu ernten. Die werden schon bald noch begehrter sein - wenn das Bundes-Naturschutzgesetz geändert wird.

Die ersten Blumen recken auf dem kleinen Acker am Dorfrand schon ihre Blüten gen Himmel - die Grasnelken. Einige Reihen weiter hat Nina Keller eben erst Sichelmöhre, Kuckucks-Lichtnelke, Ochsenzunge, Witwenblume und Siegmarwurz ausgesät. In Hunderten kleinen Anzuchttöpfen warten zu Hause, auf dem Hof an der Reitweiner Hauptstraße, zudem vorgezogene Pflänzchen, wie die Heidenelke, aufs Aussetzen ins etwa einen halben Hektar große Feld.

Selbiges hat die junge Botanikerin von Reitweins Bürgermeister Karl-Friedrich Tietz gepachtet. Es sei schwer gewesen, Land zu bekommen, sagt Nina Keller. Sie hofft, bald weitere Flächen in Reitwein und Umgebung nutzen zu können. Denn der Bedarf an Wildblumensamen steigt.

Spätestens, wenn das Bundesnaturschutzgesetz ab etwa 2020 den Einsatz von Wildpflanzen-Saatgut regionaler Herkunft für Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen in der freien Landschaft vorschreibt, werde die Nachfrage deutlich steigen, wissen Nina Keller und ihre Partner von der Firma Rieger-Hofmann. Das schwäbische Unternehmen hat sich auf die Vermehrung regionaler Wildpflanzen spezialisiert und arbeitet dafür mit Anbauern in ganz Deutschland zusammen.

Nina Keller, die aus Baden-Württemberg stammt und in Berlin Botanik studiert hat, ist durch ein Praktikum auf der "Wildsamen-Insel" von Uta Kietsch in der Uckermark auf die Job-Idee gekommen. Das JobCenter Märkisch-Oderland hat die Gründerin in der Startphase unterstützt.

Dass Reitwein das richtige Refugium für sie sei, hatte Nina Keller schon während des Studiums festgestellt. "Da haben mich Freunde aus Frankfurt mit hierher genommen. Ich war schnell begeistert von der Landschaft und vor allem von den Leuten", sagt die 37-Jährige, die an der Schweizer Grenze aufgewachsen ist. Sie lobt die "robuste, ehrliche, nicht oberflächlich freundliche Art" der Reitweiner, die gute Mischung von Alt und Jung, von Alteingesessenen und Zuzüglern.

2013 haben Freunde von ihr den seit langem leer stehenden alten Bauernhof an der Hauptstraße erworben, auf dem Nina Keller Mieterin ist. Im Sommer 2014 hat sie die erste Wildblumensaat in Reitwein ausgebracht. Die Samen bzw. Pflanzen hat sie in "ihrem" Produktionsraum, dem Nordostdeutschen Tiefland, gesammelt. Tipps, wo sie die jeweiligen Pflanzen findet, gibts bis heute vor allem von Kollegen aus dem Botanischen Institut der FU Berlin.

Vorgaben, welche Wildblumen-Arten sie anbauen soll, gibt es nicht. Nina Keller richtet sich nach Standort- und Witterungsbedingungen. Im trockenen Oderbruch gedeihen zum Beispiel Sandglöckchen, die Sandstrohblume und Mauerpfeffer gut, sagt die Botanikerin. Wenn sie mit ihrem Traktor RS-09, Baujahr 1967, und der fast ebenso alten Pflanzmaschine auf ihrem Blumenfeld arbeite, kämen oft ältere Leute aus dem Dorf, die zuschauen und sich freuten - "das ist ja wie früher"-, sagt Nina Keller.

Im Juni beginnt bei ihr die Ernte. Sie erfolgt entweder per Hand, mit Traktor, Mähbalken und dem sogenannten Hungerblech, auf das die Samen fallen, oder mit dem Staubsauger!

Im vorigen Jahr hat Nina Keller rund 100 Kilo artenreine Blumensamen zur Vermarktung an Rieger-Hofmann geliefert. - Auch dank der Hilfe der vielen fleißigen Bienen der Reitweiner Imker. Für die Insekten sind die Wildblumen-Blüten eine beliebte Nahrungsquelle. Der Anbau soll systematisch erweitert werden.

Da die Reitweinerin auch selbst vermarkten darf, will sie in diesem Jahr einen Web-Shop auf ihrer Internetseite einrichten. Im Juni sei in ihrer Gärtnerei ein Wildpflanzentag als Weiterbildungsangebot für Experten geplant, kündigt die Blumen-Fee an. Sie will einige Reitweiner Neubürgerinnen zudem beim Anlegen der ersten Wildblumen-Wiesen im Dorf unterstützen.

Die Wildblume. Gärtnerei mit Wildpflanzen, Hauptstraße 21 in Reitwein; www.die-wildblume.de; Tel. 033601 468260

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