Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Ein Zeitzeuge erzählt

© Foto: MOZ/Sabine Steinbeiß
Sabine Steinbeiß / 03.10.2010, 08:31 Uhr
Wriezen (In House) Fritz Pawelzik war vor 65 Jahren schon einmal in Wriezen. Er verbindet jedoch mit der Stadt schreckliche Erinnerungen. Damals kämpfte er im Oderbruch gegen die anrückende Rote Armee. Der frühere Jungsoldat erzählte davon am Freitag in der Salvador-Allende-Schule in Wriezen.

Gespannt lauschen die Zehntklässler: Denn Fritz Pawelzik spricht von seinem Leben. „Geboren wurde ich 1927. Das ist für euch schon Steinzeit“, betont der Senior, der aus dem Ruhrpott stammt. Mit 14 Jahren habe er mit dem Segelflugzeug fliegen gelernt, heute sitze er im Rollstuhl. „Was für eine tolle Karriere“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Er war sechs Jahre alt, als Adolf Hitler an die Macht kam. Und er wollte mitmarschieren, Lieder singen, aber er durfte nicht. Sein Vater war „ein Roter“. Der gebürtige Ostpreuße wurde eines Tages von der SA abgeholt und saß im Konzentra­tionslager Dachau ein. Als er wiederkam, hatte er keine Zähne mehr und überall Narben am Körper.

„Eigentlich hätte mir das zu denken geben müssen“, sagt Fritz Pawelzik. Aber über die Musik sei das Nazi-Denken in den jungen Köpfen verankert worden. „Wir waren hochmotiviert und wollten in den Krieg“, erinnert er sich zurück. Mit 16 Jahren wurde er Soldat. Fritz Pawelzik hatte sich für den Endkampf gemeldet. Es ging zur Ostfront, die sich an der Oder befand. Mit dem Flugzeug ging es bis Berlin-Tempelhof, dann mit der S-Bahn bis Bernau, die restlichen Kilometer wurden zu Fuß bis ins Oderbruch zurückgelegt. „Ich kam auch hier in Wriezen vorbei“, erklärt der 
83-Jährige.

Ein Fallschirmjäger nahm sich des Jungsoldaten an und zeigte ihm, wie man mit Gewehr und Messer tötet. „Ich ekelte mich davor“, erinnert sich Fritz Pawelzik. Und dann wurde es ernst. Der Jungsoldat lag in einem selbstgegrabenen Loch bis zum Bauchnabel im Wasser. Die Rotarmisten schossen mit ihrer Artillerie auf die Deutschen. „Ich bekam Panik und schrie nach meiner Mutter – mit 17 Jahren“, so Fritz Pawelzik. Und er sei nicht der einzige gewesen.

Dann kamen die Panzer, die im sumpfigen Oderbruch versackten. „Da habe ich noch gelacht.“ Anschließend marschierten Abertausende Rotarmisten Richtung Berlin. „Ich habe erst geschossen, als mein Oberleutnant mich erschießen wollte“, so der 83-Jährige. Erst mit geschlossen Augen, später habe er wie ein Automat reagiert. Wie seine Kameraden habe er von früh um 6 Uhr bis abends um 8 Uhr auf die gegnerischen Soldaten geschossen. „Menschen verletzt und sogar getötet“, sagt Fritz Pawelzik, der das bis heute nicht verstehen kann.

Sein Leben verdankt er einem Rotarmisten, dem er in Berlin direkt in die Arme lief. Der hatte ihm schon die Maschinenpistole auf seine Brust gesetzt, aber er drückte nicht ab. „Geh Mama“, sagte er. Trotzdem kämpfte der Jungsoldat weiter, bis er gefasst wurde. Übergangsweise kam er in ein Lager nach Wriezen. „In eurer Grundschule haben wir zu Tausenden ausgeharrt. Ich musste sogar auf dem Schulhof schlafen“, erinnert sich Fritz Pawelzik. Bis ein paar Rotarmisten in die Massen der Gefangenen schossen. „Es gab viele Tote.“

Erst in einem Straflager bei Leningrad wird dem Heranwachsenden deutlich, „was wir Deutsche der Welt angetan haben“. Das Kriegserlebnis verändert ihn. Er gewinnt ein anderes Bild auf die Welt. Nach seiner Flucht und der glücklichen Heimkehr zu seinen Eltern arbeitete Fritz Pawelzik mehr als 30 Jahre in Afrika. „Vielleicht ist das so eine Art Wiedergutmachung“, vermutet er. Zum Abschluss legt Fritz Pawelzik den Schülern die Botschaft seines 
Vaters ans Herz: Die drei schönsten Dinge im Leben sind Freiheit, Demokratie und Liebe.

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG