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Integration
Afghane erlebt Grautöne zwischen Bollhagen-Keramik

Marco Winkler / 10.08.2018, 13:39 Uhr - Aktualisiert 19.09.2018, 11:58
Marwitz (MOZ) Als Hashmat Hashmatullah im Oktober 2016 ein Praktikum – mit Aussicht auf eine Festanstellung – in den Hedwig-Bollhagen-Werkstätten in Marwitz absolvierte, klang jeder Satz optimistisch. Nach Aufbruch. Nach Neuanfang. Nach einem besseren Leben. Die „Hoffnung in Blau und Weiß“, so die damalige, auf Bollhagens Keramik bezugnehmende Überschrift dieser Zeitung, erfüllte sich nur zum Teil.

Hashmat sitzt am Donnerstag in seinem kleinen, schon um 10 Uhr aufgeheizten Arbeitsraum vor einer ovalen Apfelsinenschale. Vier weitere stehen als Rohlinge neben ihm. Laut Bollhagen-Homepage soll die Keramik dem Esszimmer ein exotisches Flair verleihen. Hashmat ritzt dünne Linien in die mit blauer Farbe aufgetragenen Streifen. „Die Farbe wird nach dem Brennen nachtdunkel sein“, sagt der 32-jährige Afghane. „Nicht richtig schwarz, aber auch nicht mehr dunkelblau.“

Er muss sich konzentrieren. Mehrere Stunden am Tag setzt er einen Pinselstrich nach dem anderen, ritzt Striche in die Farbe. „Ich male schon immer gerne, das wird nicht langweilig“, sagt er. Nach kurzer Pause: „Das ist meine Arbeit. Ich muss arbeiten, brauche Geld. Wie jeder.“ Er wischt sich Schweiß aus dem Gesicht. Die Hitze nimmt zu. Sommer in Deutschland 2018. Es ist heiß.

Hashmat habe sein Handwerk schnell gelernt. In seinem Praktikum hat er mit einem Muster angefangen. Mittlerweile kennt er alle – und kann fast alle malen. „Ich habe Talent“, sagt er, und lacht das erste Mal. Hashmat ist zurückhaltend, redet leise, durchdacht. Er tastet sich an den Gesprächspartner heran, wägt ab, was er erzählen kann – und was nicht.

Vor drei Jahren kam er nach Deutschland, lebte in der Flüchtlingsunterkunft in Stolpe-Süd. Nach seinem Bollhagen-Praktikum bekam er eine Festanstellung – und fand eine Wohnung in Hennigsdorf.

 Warum er aus Afghanistan geflohen ist? In dem Artikel „Hoffnung in Blau und Weiß“ schilderte der Diplom-Ingenieur, der an einer Hochschule in Kabul arbeitete, die Gründe. Ganz offen und frei. Er möchte die Geschichte nicht mehr im Detail in der Zeitung lesen. „Mein Anwalt meinte, es könnte mir bei der Ausländerbehörde geschadet haben“, sagt er. Sicher ist das natürlich nicht. Aber Hashmat deutet hier einen wichtigen Punkt an: Jeder hat ein Recht auf seine Privatsphäre. Er muss seine Geschichte nicht offenlegen, nicht öffentlich blankziehen.

Dennoch hatte sein geschildertes Schicksal ein älteres Paar aus Frohnau berührt. Sie sammelten Geld für einen Brunnen, den Hashmat seinen Eltern in Afghanistan bauen wollte, nachdem der alte versiegt war. 700 Euro kamen zusammen. „Ein Brunnen ist es am Ende nicht geworden, das wäre zu teuer gewesen“, erzählt Hashmat. „Wir konnten aber unter anderem von dem Geld einen Wasseranschluss legen, sodass es bei meinen Eltern jetzt fließend Wasser gibt.“ 2 000 Euro habe das gekostet. Hashmat hat viel von seinem Lohn investiert.

Doch nicht alles, was auf den ersten Blick glänzt wie die von Hashmat bemalte Bollhagen-Keramik im Verkaufsraum, ist von Dauer. Seine Mutter ist krank. Sie ist in den Iran gegangen, muss in ein Krankenhaus. „Ich bin in großer Sorge“, sagt Hashmat und blickt etwas erwartungsvoll zu seinem Handy. Er habe Probleme mit seinem Pass. Erst in einigen Wochen bekomme er einen neuen ausgestellt. Solange muss er warten, bis er zu ihr kann.

Hashmat hat einen geduldeten Aufenthaltsstatus mit dreijährigem Abschiebestopp. Ein Jahr ist davon noch übrig. Er hatte gegen die Ablehnung seines Asylantrags geklagt. Vorigen Freitag kam die Nachricht von seinem Anwalt: Er ist asylberechtigt. So richtig freuen kann sich Hashmat darüber nicht. „Ich habe es noch nicht schriftlich.“ Er denkt an seine Frau. Er will sie unbedingt nach Deutschland holen. Und seiner Mutter helfen. Viele Sorgen, trotz Arbeitsplatz und Wohnung. „Es ist alles kompliziert“, sagt er.

Hashmat wirkt niedergeschlagen. Die anfängliche Hoffnung, dass mit einem Schlag alles besser wird, hat sich in den Grautönen des Lebens zerstreut. Er ist viel alleine in Hennigsdorf. Zeit zum Nachdenken und Grübeln. „Aber ich habe Kontakt zu afghanischen Nachbarn.“ Ein paar Freunde hat er auch. Integration in kleinen Dosen.

Und dann ist da Björn Schremmer. „Wir müssen zu ihm gehen“, sagt Hashmat. Raus aus seinem Arbeitszimmer. Seine Stimmung hellt sich auf. Björn Schremmer, der die Rohlinge herstellt, die Hashmat bemalt, begrüßt ihn mit einem Kumpel-Handschlag. Zu ihm kann der zerstreut-traurig wirkende Afghane gehen, wenn er Probleme hat. „Er war erst sehr zurückhaltend“, erinnert sich Björn Schremmer, während er an seiner Drehscheibe steht, auf der Bollhagens Unikate in Serie gehen.Mittlerweile sind sie nicht nur Arbeitskollegen. „Uns verbindet eine besondere Freundschaft“, sagt der Keramiker. Hashmats Stimmungen kennt er. „Ich sage immer: ‚Kopf hoch, es wird alles gut.’“ Hashmat wirkt nicht überzeugt. Er hat seine Mutter ihm Hinterkopf, seine Frau, seine Einsamkeit, seine traumatische Vergangenheit, eine ungewisse Zukunft. Am Ende des Gesprächs geht er wieder in sein Arbeitszimmer. Zurück zu den Apfelsinenschalen, die er Strich für Strich bemalt.

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