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„Dokumente sollen viele Leute sehen“

Nadja Voigt / 14.09.2010, 07:19 Uhr
Jamlitz (In House) „Erhebe den Blick über Pfähle und Draht, über das Lager mit Posten und Schranken hin in das Reich der freien Gedanken“, heißt es in dem Gedicht von Siegfried Johann von Sivers. „Erhebe den Blick“ lautet auch der Titel der Wanderausstellung über die Sowjetischen Haftstätten in Deutschland sowie des dazugehörigen Begleitbandes.

Dieser Begleitband wurde im Gemeindehaus Jamlitz vorgestellt. Der Autor, Historiker Andreas Weigelt, präsentierte das Buch gemeinsam mit der Überlebenden Ursula Fischer. Die 85-Jährige durchlitt drei der insgesamt zehn Speziallager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD und brach erstmals 1990 ihr Schweigen über die Zeit dort. Am 3. November 1945 wurde die damals 20-Jährige an ihrem Arbeitsplatz – einem Kindergarten – verhaftet. Ihr wurde vorgeworfen, Führerin beim Bund Deutscher Mädchen (BDM) gewesen zu sein. 1992 erschien Fischers Buch „Zum Schweigen verurteilt“, das von dem Leben in den Lagern und ihrem Leben danach erzählt.

In Jamlitz berichtete die zerbrechlich wirkende alte Dame, wie glücklich sie sich schätzt, dass Andreas Weigelt den ehemaligen Häftlingen so viel Zeit gewidmet hat. Tapfer und fast kämpferisch trug sie einige Texte ihrer Leidensgenossen vor. Nur bei einem Gedicht ist sie überwältigt von dem, was sie liest: Das Gedicht einer Mutter, die ihre vier Kinder erst nach mehreren Jahren, die sie in verschiedenen Lagern zubrachte, wiedersah. Unter dem Vorwurf „NS-Frauenschaft“ war sie 1945 verhaftet worden.

„Gertrud Lehmann-Waldschütz war so etwas wie eine Ersatzmutter für uns“, erklärt Ursula Fischer ihre tiefe emotionale Verbundenheit mit dieser Frau und ihrem Schicksal. Ihr Archiv war es auch, das den Grundstein für Weigelts Arbeit legte. Bereits vor ihrem Tod 2001 hatte Gertrud Lehmann-Waldschütz ihren Bestand der Evangelischen Kirchengemeinde Lieberose und dem Land übergeben. Folgerichtig ist die Kirchengemeinde auch der Herausgeber des gerade erschienen Begleitbuches zur Ausstellung.

Empfindungen und Selbstreflektionen sind es, die das Buch und die Ausstellung transportieren. „Dieses Projekt ist der Versuch, in thematischen Kapiteln die Wirklichkeit erfahrbar zu machen und diese Zeugnisse als Quelle zu befragen“, erklärte Andreas Weigelt bei der Buchvorstellung im Gemeindehaus. „Denn die künstlerischen Zeugnisse zeigen erstmals, wie es in den Lagern aussah.“ Die Zeichnungen, Holzschnitte, Stickereien zeigen die Lebenswirklichkeit in Jamlitz, Fünfeichen, Buchenwald, Bautzen und den anderen Lagern, in denen von 1945 bis 1955 geschätzte 200 000 Menschen inhaftiert wurden. Und bisher fehlte eine fundierte Darstellung ihrer Lebensbedingungen. Diese Lücke hat der Historiker Weigelt, der seit Jahren zu den Lagern in Jamlitz forscht, versucht zu schließen. Als „ersten Versuch und Anstoß“ bezeichnet er sein Werk, für das er über viele Jahre recherchierte, Zeitzeugen befragte und ihre Zeugnisse sammelte. „Die Ausstellung kann ausgeliehen werden. Auch im Zusammenhang mit Lesungen zum Beispiel“, sagte Weigelt, der es gerne sehen würde, wenn die Dokumente für viele Menschen zugänglich gemacht würden. „Auch für möglichst viele junge Leute, die mit den Lagern bisher nichts zu tun hatten“, wünschte sich Ursula Fischer. Die 19 Künstler-Mappen, in denen die Gedichte und Zeichnungen in der Ausstellung präsentiert werden, sind thematisch untergliedert wie das Buch. Die Familie ist auch der Grund, warum Klaus Kiebuth aus Wildau die Ausstellung so interessierte. Sein Vater Hermann, 1888 geboren, wurde 1945 inhaftiert. „Der angegebene Haftgrund lautete Abwehrbevollmächtigter der deutschen Aufklärung Abwehr-Gestapo. Etwas, dass ich nie glauben konnte“, sagt der 75-Jährige. Sein Vater starb am 28. Februar 1947 in Jamlitz.

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