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Kunststoff hat in Erkner auch Zukunft

Schaupressen: Claus Schaarschmidt vom Freundeskreis Chemie-Museum prägte am Freitag aus Plaste Medaillen mit dem Antlitz des belgischen Chemikers (siehe Foto unten) – ein Baekeland aus Bakelit. Foto: MOZ/Joachim Eggers
Schaupressen: Claus Schaarschmidt vom Freundeskreis Chemie-Museum prägte am Freitag aus Plaste Medaillen mit dem Antlitz des belgischen Chemikers (siehe Foto unten) – ein Baekeland aus Bakelit. Foto: MOZ/Joachim Eggers © Foto: MOZ
Joachim Eggers / 25.02.2011, 19:44 Uhr
Erkner (In House) Stolz hat Gerhard Koßmehl am Freitagnachmittag beim 6. Baekeland-Tag des Freundeskreises Chemie-Museum die wahre Wiege des Kunststoff-Zeitalters präsentiert – wenn auch nur im Modell. Wie Koßmehl, der Vorsitzende des Freundeskreises, berichtete, hat ein Mitglied das Häuschen nachgebaut, das in Erkner am Ufer des Flakenfließes, gegenüber dem Institut in der Flakenstraße, unterhalb des Pendlerparkplatzes, stand. Dort war die Apparatur zur Herstellung der ersten vollsynthetischen Kunststoffe in Erkner untergebracht.

Rund 50 Gäste waren am Nachmittag in den Ratssaal gekommen, um vier wissenschaftliche Vorträge über Weiterentwicklungen chemischer Nutzanwendungen zu hören. „Das Nützliche und das Schöne stehen diesmal im Vordergrund“, so Koßmehl, selbst ehemaliger Chemie-Professor an der TU Berlin. Die Zuhörer waren teils akademische Kollegen, vor allem aber ehemalige Chemie-Werker und interessierte Bürger aus Erkner und der Umgebung. Der Freundeskreis hat sich mittlerweile von dem ganz großen Ziel, das in seinem Namen formuliert ist, verabschiedet – weil für ein Chemie-Museum jährlich 200 000 Euro gebraucht würden. Der Verein bäckt jetzt kleinere Brötchen und schickt Wanderausstellungen auf Reisen – zur Zeit läuft eine an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Oberschöneweide. Koßmehls Vision ist jetzt, ein Modell der Produktionsstätte dort aufzustellen, wo sie einst stand.

Viele der Besucher nahmen am Mittag an den Führungen durch das Dynea-Werk in der Berliner Straße teil, im Volksmund immer noch gern bei seinem einstigen Namen Plasta genannt. Mehrere Gruppen von je 12 bis 15 Personen wurden durch einige Produktionsbereiche geführt. Zu den Teilnehmerinnen gehörte auch Herta Pachali aus Erkner, die sage und schreibe 50 Jahre, von 1932 bis 1982, im Plasta-Werk gearbeitet hat – in drei Schichten und über die vielen Jahre auch in drei unterschiedlichen Abteilungen, zuletzt im Labor. „Die Gerüche erkennt man sofort wieder“, sagte ihre Begleiterin Silly Meinert, die ebenfalls im Werk tätig war – wenn auch nur 14 Jahre, weil sie auf einen Stoff allergisch reagierte.

Dass es früher in dem Werk nicht besonders umweltfreundlich zuging, ließ auch Jürgen Lang durchblicken, der Leiter der Entwicklungs-Abteilung, der die Gruppe führte. Er strich die weitreichenden Verbesserungen auf dieser Strecke heraus. So seien die Emissionen des Werks durch die Inbetriebnahme eines Blockheizkraftwerks um 95 Prozent gesenkt worden – im Vergleich zu den früheren Bedingungen auch eine finanzielle Ersparnis von etwa 20 000 Euro im Monat. Die ernorme Summe rührt unter anderem daher, dass das Blockheizkraftwerk außer Wärme für chemische Reaktionen auch Kälte – die mitunter auch gebraucht wird – und Strom liefert.

Wie Lang berichtete, hat das Erkneraner Werk, das Bestandteil eines weltweit agierenden Konzerns ist, sogar im Krisenjahr 2007 einen Mengen-Rekord in der Phenolharz-Produktion erreicht. 70 000 Tonnen Harz würden derzeit im Jahr hergestellt, davon 7000 Tonnen Festharz, dessen Produktion zwar aufwendig, aber auch sehr rentabel sei. Die Nachfrage sei so hoch, dass zum 1. April elf neue Mitarbeiter eingestellt werden. Zurzeit hat das Werk 120 Beschäftigte, davon 20 in der Entwicklungsabteilung. Die arbeitet nicht nur für das Werk Erkner, sondern zum Beispiel auch für eines in Brasilien.

Zum 6. Mal hat der Freundeskreis Chemie-Museum Erkner am Freitag den Baekeland-Tag veranstaltet und mit Werksführungen bei Dynea und Vorträgen an die große Vergangenheit Erkners in der chemischen Industrie erinnert. Der belgische Chemiker Hendrik Leo Baekeland hatte einst in Erkner seine Patente zur Herstellung vollsynthetischer Kunststoffs, dem nach ihm benannten Bakelit. Die Chemie hat in Erkner aber nicht nur Vergangenheit, sondern auch Zukunft: Wegen hoher Nachfrage forciert das Dynea-Werk ab April seine Produktion und stellt elf neue Mitarbeiter ein.

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