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Ausflug zum Sorgerecht

Setzt sich lieber ins Auto: Das Sorgerecht für ihre ungeborene Tochter hätte Stefanie Kehding auch im Barnimer Amt erklären können – für 58 Euro mehr als anderswo.
Setzt sich lieber ins Auto: Das Sorgerecht für ihre ungeborene Tochter hätte Stefanie Kehding auch im Barnimer Amt erklären können – für 58 Euro mehr als anderswo. © Foto: MOZ/Ellen Werner
Ellen Werner / 07.07.2011, 07:26 Uhr
Eberswalde (In House) Hätte Stefanie Kehding ihr zweites Kind bis Mitte Mai zur Welt gebracht, hätte sie im Barnimer Jugendamt weder für Vaterschaftsanerkennung noch die Sorgerechtserklärung etwas zahlen müssen. Mittlerweile kostet jeder dieser Verwaltungsvorgänge 58 Euro.

Ihr erstes Kind bekam Stefanie Kehding vor vier Jahren. Verheiratet ist die Eberswalderin nicht. Mit dem Vater ihrer Tochter lebt sie aber zusammen. Auch das Sorgerecht teilen die beiden Partner miteinander. Schon vor der Geburt lassen sich all diese Dinge regeln – erst erkennt der Vater die Vaterschaft an; dann können die Eltern eine gemeinsame Sorgerechtserklärung abgeben.

Genau so wollten es Stefanie Kehding, schwanger im achten Monat, und Jens Kühl auch diesmal halten. Doch als sie in der vorigen Woche ins Jugendamt gingen, zogen sie unverrichteter Dinge wieder ab. „Einfach so 116 Euro für insgesamt sechs Blätter waren mir einfach zu viel“, sagt die 30-Jährige. Und weil sie soviel Bargeld ohnehin nicht im Portemonnaie hatte, dachte sie noch einmal grundsätzlich über die plötzlich erhobene Gebühr nach. „Vor vier Jahren war das noch kostenfrei“, erinnert sie sich.

In der Tat hat der Kreistag im Mai neue Verwaltungsgebühren beschlossen, darunter die von der jungen Mutter hinterfragten. Zunehmend hätten andere Landkreise, in denen das schon Usus war, „nicht zur Zahlung gewillte“ Bürger an den Barnim verwiesen, erklärt eine Sprecherin des Kreises auf MOZ-Anfrage. „Hierdurch stiegen die Beurkundungen um weit mehr als ein Drittel auf 953 im Jahr 2010.“ Man habe sich veranlasst gesehen, ebenfalls Gebühren zu erheben.

Stefanie Kehding indes fragt sich, woher diese Bürger wohl kamen. In den Nachbarkreisen Oberhavel und Märkisch Oderland ist der Verwaltungsakt derzeit kostenfrei. In der Uckermark werden 22 Euro fällig. „Wie bürgerfreundlich ist das denn“, fragt sie, „für je drei Blätter gleichen Inhalts 58 Euro zu verlangen?“

Die Verwaltungsfachangestellte hat zudem weitere Vergleiche angestellt. „Schlägt nicht der technisch aufpolierte neue Reisepass ebenfalls mit 58 Euro zu Buche?“ Und – ist nicht nach derselben Barnimer Gebührensatzung die „Vaterschaftsanerkennung mit Wangenschleimhautabstrich“ mit 32,50 Euro viel billiger? Am meisten Sorge bereitet Stefanie Kehding aber der Gedanke, dass sie für das alleinige Sorgerecht weiterhin nichts zu zahlen bräuchte. Sie befürchtet, dass manch mittelloses Paar Abstand vom gemeinsamen Sorgerecht nehmen könnte. „Was wird aus dem Wohl des Kindes? Was ist mit den Vätern?“, fragt sie.

„Wir können uns nicht vorstellen, dass Eltern, die sich gemeinsam zu ihrem Kind bekennen, von dieser Gebühr abgeschreckt werden“, heißt es dazu aus der Kreisverwaltung.

Stefanie Kehding weiß nach ihren Recherchen jedenfalls: Standesämter erledigen immerhin die Vaterschaftsanerkennung kostenlos. Und bei sozialer Härte wäre auch für die Sorgerechtserklärung vorm Jugendamt eine Ermäßigung möglich. Sie hofft trotzdem, dass Politiker und Verwaltung die neuen Gebühren noch einmal überdenken. Ihre Idee: Barnimer zahlen nichts, Einwohner aus anderen Kreisen entrichten eine Gebühr. So könnte sich der Kreis „bürger- und väterfreundlich“ zeigen und zugleich „diese Behördenwanderungen unterbinden“.

Für Stefanie Kehdings Tochter, die Ende August zur Welt kommen soll, dauert das zu lange. Die Vaterschaftsanerkennung hat das Elternpaar bereits. Kostenlos, fünf Minuten brauchte die Standesbeamtin. Das gemeinsame Sorgerecht wollen Stefanie Kehding und Jens Kühl kostenlos in Oranienburg (Oberhavel) erklären. Die Eberswalderin macht das Beste aus dem Behördengang. „Wir verbinden dies mit einem Ausflug nach Germendorf“, sagt sie und fügt dennoch an: „Ich finde es einfach traurig...“

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nicht von belang 17.06.2015 - 20:13:45

Info von einem anderem JA

Wird die Annahme der Urkunde verweigert dürfen die 58€ nicht genommen werden, denn in Deutschland ist die Beurkundung kostenlos (das überreichen der Urkunde jedoch nicht im Barnim) . Wenn man 2 Wochen später beim JA eine beglaubigte Kopie der Urkunde beantragt kostet es nur 0,50cent.

Rainer 07.08.2011 - 15:38:47

Es wird abgezockt wo es geht

Da geht es doch gar nicht mehr um die Sache sondern nur ums abkassieren. Für jede Kleinigkeit werden Gebühren verlangt. Für was werden eigentlich Steuern bezahlt?

Thomas 18.07.2011 - 19:15:51

Geld

Ob Sie nun diverse Dinge vergleicht oder in China fällt nen Sack Reis um. ändern kann Sie es eh nicht. Setzt sich lieber ins Auto und fährt dort hin wo es nicht kostet? Ich dachte Sie will Geld sparen. Das Auto kostet auch Geld und verpestet die Umwelt. Würde Sie den ÖPNV nutzen dann würde ich es verstehen. Nur so, leider nicht.

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