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Wikipedia-Kontrolleure von Wiki-Watch in Erklärungsnot

Stefan Kegel / 13.07.2011, 12:07 Uhr - Aktualisiert 23.01.2012, 12:21
Frankfurt (Oder) (In House) Mit großen Hoffnungen war das Internetportal Wiki-Watch im Oktober 2010 gestartet. Nun steht das Projekt auf der Kippe: Einem seiner Begründer wird vorgeworfen, in früheren Jahren den selbst gestellten Anspruch der Transparenz im Internet-Lexikon Wikipedia missachtet zu haben.

Jeden Tag verlassen sich Millionen Menschen in Deutschland auf das Internet-Lexikon Wikipedia, allein am Montag wurden seine Seiten 26,42 Millionen Mal aufgerufen. Sagt zumindest die Wikipedia-Kontroll-Seite Wiki-Watch. Seit neun Monaten ist das Projekt der Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) online. Es legt offen, welche Artikel am häufigsten abgerufen werden oder welche am häufigsten bearbeitet wurden – und bietet die Möglichkeit, einzelne Einträge auf ihre Verlässlichkeit zu prüfen.

Verlässlichkeit – an diesem Anspruch entzündet sich nun Streit. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wirft einem der beiden Wiki-Watch-Gründer, Wolfgang Stock, vor, im April 2009 einen positiv gefärbten Wikipedia-Artikel über den Wirkstoff Insulin glargin angelegt zu haben, der im umstrittenen Diabetes-Medikament Lantus enthalten ist. Wenige Wochen später sei Stock für den Hersteller von Lantus, Sanofi-Aventis, als Medienberater tätig geworden. In der Folge wurde unter dem gleichen Benutzernamen „Investor“ der Artikel über den damaligen Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Peter Sawicki, zu dessen Ungunsten geändert. Sawicki galt als Kritiker der Pharmabranche. Sein Institut hatte wegen möglicher Krebs-Nebenwirkungen vor Lantus gewarnt.

Stock betont gegenüber unserer Zeitung, er selbst sei nicht „Investor“, sondern jemand aus seiner Familie. Im Juni wurden das Wikipedia-Konto von „Investor“ sowie die Stock-Konten „Kan900“ und „Wsto“ gesperrt.

Heute leitet Stock nicht nur eine Berliner Agentur für Medienberatung, sondern auch, zusammen mit dem Berliner Anwalt und Honorarprofessor Johannes Weberling, eben jenes Wiki-Watch, das sich 
die Transparenz im Internet auf die Fahnen geschrieben hat.

Einen Zusammenhang zwischen den Wikipedia-Aktivitäten Stocks und dem Projekt Wiki-Watch herzustellen, findet Weberling „schlicht abwegig“. Immerhin liege dazwischen ein Zeitraum von etwa einem Jahr. „Natürlich wäre es glücklicher gewesen, wenn wir, sofern die Darstellung stimmt, darüber Kenntnis gehabt hätten“, räumt Weberling ein. Seit der Gründung von Wiki-Watch habe Stock aber „überhaupt nichts mehr in Wikipedia verändert“, sagt er. „Das ist für mich und die Seriosität von Wiki-Watch das Entscheidende.“ Auch habe Stock nie seine berufliche Tätigkeit mit seinen Aktivitäten an der Viadrina vermischt. Weberling wittert eine Intrige der „durchweg anonym bleibenden Wikipedia-Aktivisten“. Gegen die Darstellungen in der FAZ will Weberling eine Unterlassungserklärung erwirken.

Auch Stock, der gleichzeitig CDU-Chef von Woltersdorf (Oder-Spree) ist, weist die Vorwürfe zurück. Die Einträge unter seinem Pseudonym „Kan900“ seien bei Wikipedia „erhebliche Zeit vor dem Engagement meines Unternehmens für Sanofi-Aventis verfasst“ worden. Zudem sei Wikipedia kein geschlossenes System, jeder könne mitarbeiten. Dass er als Vertreter einer Interessengruppe Artikel umgeschrieben haben soll, weckt in ihm keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit. Wikipedia fordere, dass Themen „umfassend und insgesamt neutral dargestellt werden“. Dazu gehöre auch Kritik an umstrittenen Personen.

 

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Naomi Vegh 13.07.2011 - 13:55:55

Es gibt zwei Arten von Transparenz in beiden schneidet Stock besser ab.

Wikipedia speichert jede Berarbeitung jedes Nutzers unwiderruflich. Das ist transparent. Aber, dass die Nutzer in der Regel ananym sind, ist intransparent, Stock hingegen hat seine Identität als Kan900 selbst angegeben - er war also transparenter. In vielen Wikipediaartikeln schreiben missgünstige Nutzer intransparent Kritikabschnitte rein, ohne Gegenkritik zu Wort kommen zu lassen oder verlässliche Quellen für ihre Kritik anzugeben, wie es der neutrale Standpunkt erfordern würde. Stock hingegen hat seine Gegenkritik stets transparent mit renommierten Quellen belegt. Schlussendlich, da ein Beratervertrag bei Sanofi nichts zu tun hat mit der automatischen Wki-Watch-Bewertung, gab es auch keinen Anlaß, diesen früher zu offenbaren, hier wird Transparenz von Wikipediautoren gefordert, die sie selbst nicht bereit sind zu gewährleisten, die selbst nicht Mal ihren wahren Namen offenbaren.

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