„Ich danke Ihnen für diese schöne Stunde“, sagte Christine Olbrich aus Bremerhaven, als der Gottesdienst in der Niemegker St. Johanniskirche zu Ende gegangen war. Pfarrer Daniel Geißler dankte seinerseits für ihren Besuch in Niemegk und für diverse Fotos aus dem Familienalbum, die die diesjährige Sommerausstellung in der St. Johanniskirche bereichern. Sie ist Gerhard Olbrich - dem Vater von Christine und Dr. Hans-Georg Olbrich gewidmet und wurde im Juni eröffnet.
Für die Geschwister war der Besuch in Niemegk zugleich eine erneute Reise in die Vergangenheit. „Als Kind interessiert man sich noch nicht so sehr für das, was der Vater macht“, so die Tochter, die vom Werk ihres Vaters fasziniert ist.

Baumeister Gerhard Olbrich

In seiner Predigt war Pfarrer Daniel Geißler dann auch auf den „Baumeister“ Gerhard Olbrich eingegangen, dem als 25-Jährigen im Jahr 1951 die künstlerische Gestaltung der Niemegker Kirche anvertraut wurde. Eine große Aufgabe, die zum 100-jährigen Bestehen des Gotteshauses im Jahr 1953 vollendet sein sollte. Es war zugleich der erste Großauftrag für den in Berlin lebenden jungen Mann. Er malte die Johannisfiguren im Eingangsbereich der Kirche, das  große Altarbild, schuf die Kirchenfenster und gestaltete den Kreuzweg mit den Schnitzfiguren an den Leuchtern. Und er fertigte einen Entwurf für die drei großen Altarfenster der Kirche, der jedoch erst 1959 verwirklicht werden konnten.
Die Ausführung der Bleiverglasungen nach Olbrichs Entwürfen erledigte der damals in Belzig ansässige Glasermeister Paul Altenkirch. Die Finanzierung unterstützten Bürger aus Niemegk und anderswo, Frauenkreise verschiedener Gemeinden, Pfarrsprengel der umliegenden Orte und der Gemeindekirchenrat aus Belzig.

Kirchenfenster für viele Kirchen geschaffen

Die Bad Belziger St. Marienkirche, die Stadtkirche in Meiningen, die Pfarrkirche in Berlin Weißensee und die St. Bartholomäuskirche in Berlin Friedrichshain gehören unter anderem zu den Gotteshäusern, für die Gerhard Olbrich ebenfalls Kirchenfenster schuf.
Für die diesjährige Sommerausstellung hatte Pfarrer Daniel Geißler Kontakt mit den Gemeinden aufgenommen und bat um Fotos der Kirchenfenster. Mit diesen und den Fotos aus dem Familienalbum der Olbrichs stellte er eine Ausstellung zusammen, die in den vergangenen Wochen auf großes Interesse stieß.
„Mit der Ausstellung wird meinem Vater eine große Ehre zuteil. Es ist sehr ergreifend sein Werk so kompakt zu sehen“, freute sich Christine Olbrich, die zum dritten Mal in Niemegk weilte.
Ihr erster Besuch liegt bereits mehr als zwei Jahrzehnte zurück. 1998 begleitete sie ihren Vater. Nachdem es ihm 1961, zehn Tage nach dem Mauerbau gelungen war, mit seiner Tochter nach Westberlin zu gehen, kehrte er in jenem Jahr erstmals wieder in die frühere DDR zurück - die nach dem Mauerfall nicht mehr existierte.

Von West-Berlin nach Bremerhaven

Die Tochter erzählt, dass beide später von West-Berlin nach Westdeutschland gingen, wo Ehefrau und Sohn auf sie warteten. Sie waren, zwei Tage vor dem Mauerbau, zu einem Familienbesuch nach Westdeutschland gereist. Durch den Bau der Mauer war die Familie getrennt worden. In Westdeutschland angekommen, wurde Bremerhaven das neue Zuhause.
Der Weg in den Westen, so die Tochter, „war ein Schnitt im Leben meines Vaters“ - er schuf nie wieder Kirchenfenster. Vielmehr wandte er sich dem bildhauerischen Schaffen zu, schuf Bronzeplastiken und war ab Mitte der 1970er Jahre als Lehrer tätig. „Viele ehemalige Schüler sprechen noch heute begeistert von ihm“, ergänzt Peter Bleckwenn der Lebenspartner von Christine Olbrich. 2017 wandelte sie zum zweiten Mal auf den Spuren ihres Vaters, besuchte die Niemegker Kirche und lernte dabei Pfarrer Daniel Geißler kennen. Im Rahmen des dritten Besuchs stattete die Familie am Sonntag Nachmittag dann auch noch der Bad Belziger Marienkirche einen Besuch ab, um die Altarfenster des Vaters zu sehen, der vor zehn Jahren verstarb.
Rückblickend sagt Christine Olbrich: „Mit meinem Vater an die Orte seines Schaffens zurückzukehren, dorthin wo seine künstlerische Laufbahn begann, war großartig. Er war sehr ergriffen, die Kirchenfenster wieder zu sehen und sie uns zeigen zu können.“
Die Gerhard Olbrich in der Niemegker Kirche gewidmete Ausstellung läuft bis November 2020. (krä)