Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts ist die höchste Ehrung der Stadt Werder (Havel) für Personen, die sich um sie besonders verdient gemacht haben. Schon am 10. Dezember haben die Stadtverordneten in nichtöffentlicher Sitzung beschlossen, Dr. Baldur Martin diese Ehre zuteilwerden zu lassen.
Bürgermeisterin Manuela Saß hatte den Vorschlag zu der Ehrung, der auf den Heimatverein Werder (Havel) e.V. und den Verein 700 Jahre Heimatgeschichte Werder (Havel) e.V. zurückgeht, in die Stadtverordnetenversammlung eingebracht. Dort wurde dem Antrag einstimmig gefolgt.

Bürgermeisterin Manuela Saß überbrachte die Nachricht persönlich

Die Überreichung der Ehrenmedaille in Gold und der Ehrenbürgerurkunde soll nachgeholt werden, sobald es die pandemiebedingten Einschränkungen wieder erlauben. Mit der Veröffentlichung des Faktes wollte die Bürgermeisterin nicht mehr länger warten. Die Nachricht überbrachte sie Baldur Martin – mit Mundschutz und Sicherheitsabstand natürlich - unlängst persönlich.
Der war zunächst sprachlos und freute sich dann sehr über die Ehrung. Als kleine Aufmerksamkeit bekam Baldur Martin mit seiner Frau Hella Martin schon mal eine exklusive Führung durch die Havel Therme – und konnte sich damit über ein ganz neues Kapitel informieren, dass gerade im Werderaner Geschichtsbuch geschrieben wird.
„Viele der früheren Kapitel hat der bekannte Werderaner Ortschronist selbst aufgeschrieben oder herausgegeben, an vielen neueren hat er aktiv mitgewirkt“, sagt Bürgermeisterin Manuela Saß. „Kaum ein Werderaner hat nicht zumindest eines seiner 15 Bücher im Bücherschrank zu stehen. Als Initiator und Mitherausgeber der siebenbändigen Werder-Chronik setze er dieser Sammlung zum 700. Stadtjubiläum die Krone auf.“

Für eine Lehrerlaufbahn zur Gartenbauschule nach Werder gekommen

Sein Lebenslauf ist nicht untypisch für die Nachkriegsgeneration: Dr. Baldur Martin stammt aus dem erzgebirgischen Heidersdorf, sein Vater war dort Werkmeister in einer Lötlampenfabrik. Der Vater verstarb, als der Sohn erst sieben Jahre alt war. Seine Mutter musste arbeiten, so dass er einen Gutteil seiner Kindheit in der Landwirtschaft seiner Großmutter verbrachte.
Der Aufenthalt in einem Luftschutzbunker und die Bombardierung des Dorfes, ein gelb bekleideter Gefangenentreck, der von der SS durch Heidersdorf getrieben wurde und schließlich der Einzug der Roten Armee gehören zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen, die Spaltung Deutschlands war eine Zäsur. „Für meine Großmutter war Ulbricht genauso ein Lump wie Hitler“, erinnert er sich.

„Nie wieder Krieg“

Er teilte zwar die in der jungen DDR verbreitete Losung „Nie wieder Krieg“, spürte aber auch die Ungerechtigkeit im vermeintlichen Arbeiter- und Bauernstaat. Im Juni 1953 sammelte er Zeitungsausschnitte vom Volksaufstand, bei dem es, verbunden u.a. mit der Forderung nach freien Wahlen und deutscher Einheit, zu einer Welle von Streiks, Demonstrationen und Protesten kam. Dessen brutale Niederschlagung ließ in ihm den Entschluss reifen, Jura zu studieren.
Als er stattdessen in eine Offizierskarriere bei der Nationalen Volksarmee gedrängt werden sollte, sah er sich nach einer Alternative abseits der Heimat um. Er verkündete, in den Westen Berlins zu gehen. „1958 hat bei diesem Satz jeder gedacht, dass ich türme.“ Für ein Jura-Studium kam er damit nicht mehr infrage.

In den 1980er-Jahren eine Koryphäe der Gärtnerausbildung in der DDR

Der Westen Berlins war allerdings nicht Westberlin: Martin begann eine Lehre als Baumschulgärtner in Ketzin, studierte danach Russisch und Geografie im Lehramt für eine Lehrerlaufbahn in der neuen Berufsausbildung mit Abitur. „Kombinationen ohne Russisch gab es damals nicht.“ Er sattelte noch ein Gartenbaustudium obendrauf, promovierte, erwarb die Facultas Docendi und wurde „nebenbei“ Chef der Lehrplanentwicklung.
Baldur Martin galt in den 1980er-Jahren als eine der Koryphäen der Gärtnerausbildung in der DDR. Unter anderem verfasste er Unterrichtshilfen, arbeitete an einer Unterrichtsmethodik der Humboldt-Universität mit und organisierte die Zentralen Leistungsvergleiche der Gärtner-, Blumenbinder- und Winzerlehrlinge. Als federführender Autor schrieb er mit zwei Kollegen das Lehrbuch „Gärtnerische Grundlagen“, das auch in der Bundesrepublik erschien.

Seit 1062 lebt er in der Blütenstadt Werder

1962 hatte seine mehr als vierzigjährige Lehrertätigkeit und unterrichtsorganisatorische Arbeit in der Betriebsberufsschule für Gartenbau in Werder begonnen, die seine berufliche Heimat wurde. Seitdem lebt er in der Blütenstadt, ist bis heute mit den Obstbauern – ein Gutteil frühere Lehrlinge von ihm – bestens vernetzt.
In den Werderschen, sagt Baldur Martin, hat er viel von der Mentalität der Menschen in seiner erzgebirgischen Heimat wiedergefunden: „Sie sind bodenständig und arbeiten hart, halten zusammen und lassen nichts auf die Familie kommen.“ Auch der Boden sei in beiden Regionen anspruchsvoll in der Bearbeitung: steinig im Erzgebirge, sandig in der Mark.

Heimatgeschichtliches und politisches Wirken in der Blütenstadt

So fühlte er sich in der Region schnell zu Hause. Und nicht nur das: Er identifizierte sich mit ihr. Martin schrieb sein Geografie-Staatsexamen zur Siedlungsflächenentwicklung von Werder. Die Inhalte bereitete er später für eine Artikelserie in den Brandenburgischen Neuesten Nachrichten auf, so begann und wuchs seine Liebe zur Heimatgeschichte.
1981 gründete er mit Mitstreitern die „Interessengemeinschaft Heimatgeschichte und Denkmalpflege“, den späteren Heimatverein, stellte eine Ausstellung auf die Beine und begann mit der Veröffentlichung der „Heimatgeschichtlichen Beiträge“, die bis heute jährlich erscheinen und das wichtigste Standbein der Werderaner Heimatforschung sind. Menschen, Orte und Ereignisse der Stadtgeschichte, aber auch der Gegenwart von Werder (Havel) wurden und werden darin dokumentiert.

Geschichte und Gegenwart werden miteinander verknüpft

Die Geschichte mit der Gegenwart in Beziehung zu bringen, war und ist auch heute das Anliegen von Veröffentlichungen Baldur Martins, die jüngst erschienene Chronik der Baumblütenfeste ist dafür ein Beispiel. Er traf die Unterscheidung zwischen Werderanern und Werderschen, fand Beispiele für ihren Fleiß und ihre Zähigkeit und recherchierte Sagen der Insulaner. Er hielt mehr als 500 Sprüche der Werderschen fest wie diesen: „Der Gärtner, der die Sonne meidet, wird weder reich noch braun.“
Er sprang durch die Zeiten und stellte 100 Jahre alte Fotos von prägnanten Orten den heutigen Ansichten gegenüber. Mit seiner Arbeit prägte und förderte er das Geschichtsverständnis vieler Einwohner und wurde ihr wichtigster Ansprechpartner, wenn historisches Wissen zur Stadt gefragt war. Er animierte zahlreiche Werderaner zu eigenen Recherchen und Veröffentlichungen von Themen, die ihnen am Herzen lagen.

Politisches Engagement zu jeder Zeit

Auch für die politische Gegenwart seiner Stadt hat sich Baldur Martin immer interessiert. In der DDR trat er in die Bauernpartei ein, um dem Drängen nach einem Eintritt in die SED zu entrinnen, und engagierte sich zeitweise als Stadtverordneter. Dieses Engagement setzte er nach der Wende fort – freilich mit deutlich größeren Gestaltungsspielräumen.
Seit 1994 war zunächst für die CDU im Stadtparlament, wirkte am Regionalbahnanschluss, der Inselsanierung, der Telefonerschließung, der Wiederbelebung des Baumblütenfestes, dem Gymnasiumsbau oder der Ausweisung neuer Baugebiete mit – und brachte mit historischen Fakten oft Farbe in die Debatten. Ende der Neunzigerjahre gründete er die Freien Bürger, die schnell zu einer wichtigen politischen Kraft in der Region aufwuchsen. 2014 beendete Dr. Martin sein kommunalpolitisches Wirken, um sich der Vorbereitung des Stadtjubiläums zuzuwenden.
Sein Interesse für Werder war immer breit gestreut. So setze er Akzente im Werderaner Karnevalsverein, war Gründungsmitglied des Obst- und Gartenbauvereins und beförderte die Wiederbegründung der Schützengilde. Dank seiner Initiative beteiligten sich die Werderaner am Bundeswettbewerb „Unsere Stadt blüht auf“, vor wenigen Jahren stieß er den Wettbewerb „Blühende Gartenstadt“ an.

Engagement für die Werder-Chronik

Baldur Martin ist Gründungsmitglied des Heimatvereins und war viele Jahre dessen Vorsitzender. „Immer war es seine Verbindlichkeit, seine Zuverlässigkeit, seine Fähigkeit, andere Menschen zu begeistern und einzubinden und sein unglaubliches Organisationstalent, die ihn, egal wo er auftauchte, schnell in verantwortliche Positionen rücken ließ“, sagt Bürgermeisterin Manuela Saß.
So war es auch 2013, als auf Initiative Baldur Martins der Verein „700 Jahre Ortsgeschichte von Werder (Havel) e.V.“ gegründet wurde. Er wurde dessen Vorsitzender und machte sich, unterstützt von ehrenamtlichen Mitstreitern und der Stadtverwaltung, an die Vorbereitung des Jubiläumsjahrs 2017. Seiner Feder entsprangen die Konzeption des beeindruckenden Festumzuges, der von hunderten mitwirkenden Werderanern gestaltet wurde, sowie die Festschrift zum Jubiläum.

24 Autoren gewonnen und zahlreiche Bürger erreicht

Der Verein setzte sich außerdem das Ziel, die Stadtgeschichte in bislang nicht gekannter Vollständigkeit zu publizieren. Dr. Martin war einer der drei Herausgeber der Edition. „Vor allem ihm war es zu verdanken, dass 24 Autoren für die anspruchsvolle Arbeit gewonnen sowie darüber hinaus eine breite Mitwirkung vieler Bürger erreicht wurde“, schreiben der Vorsitzende des Heimatvereins, Erhard Schulz, und der Stellvertretende Vorsitzende des Stadtgeschichtsvereins, Dr. Klaus-Peter Meißner, in ihrem Vorschlag zur Ehrenbürgerschaft.
Und weiter: „Das Gesamtwerk, das mit Erscheinen des Bandes sieben im Jahr 2020 abgeschossen wurde, ist in gewisser Weise einmalig in der Regionalgeschichtsschreibung und darf durchaus als beispielhaft gewürdigt werden. Die vollendete Edition ist in diesem Sinne Höhepunkt des vielschichtigen Lebenswerkes von Dr. Baldur Martin.“
„Traditionen zu wahren bedeutet zuallererst, Traditionen zu kennen“, wird Baldur Martin in der Begründung des Ehrenbürgerantrags zitiert. „Dieser Leitspruch hat das Wirken des 80-Jährigen in sechs Jahrzehnten seines Wirkens in der Blütenstadt geprägt und tut es auch heute“, sagt Manuela Saß. „Seine intensiven Recherchen zur Heimatgeschichte waren und sind mit einem hochengagierten Wirken für die Gegenwart seiner geliebten Stadt Werder verknüpft.“