Im Jahr 1997 erhielt der Wiesenburger Manfred Kuhle eine verblüffende Einladung. Sein Freund Selwyn Williams aus Wales wollte einen Studienkollegen am Bostoner Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit seiner Familie besuchen. Doch seine beiden Töchter waren als Ärztinnen unabkömmlich und seine Frau wollte aus persönlichen Gründen nicht mitkommen. Manfred Kuhle zeigte sofort Interesse, gab aber zu bedenken, dass Williams Freund mit einem jüdischen Namen, eventuell keinen Deutschen sehen möchte. „Kein Problem, du bist okay“, lautete die Antwort.

Schach im Flugzeug

So flog der Wiesenburger mit British Airways über den großen Teich und vertrieb sich die Zeit mit Computer-Schach. Dieses vorzügliche Serviceangebot der Airline nutzte er auch bei späteren Flügen gern. Da die Reise um die Woche des Columbus-Day (12. Oktober) stattfand, sahen sie beim Erreichen des nordamerikanischen Kontinents das faszinierende Farbenspiel der Ahorn-Bäume an der Ostküste. Es war halt „Indian Summer“.

Besuch beim Nobelpreisträger

Abgeholt wurden die Beiden auf dem Bostoner Flughafen, der spätere Ausgangspunkt für die 9/11-Katastrophe, von der Ehefrau ihres Gastgebers. Die Lehrerin an einer Privatschule musste auf dem Heimweg aber noch einen Stopp bei einer Kollegin einlegen. Der Gatte der Kollegin war niemand anderes als der Nobel-Preisträger für Physik aus dem Jahr 1989, Norman Ramsey. In dem luxuriös eingerichteten Domizil fiel Kuhle gleich ein Schachtisch mit Elfenbeinfiguren auf – die Lust zu einer Partie war riesengroß. Immerhin konnte sich Kuhle gleich nützlich machen bei dem elegant wirkenden Nobelpreisträger, er übersetzte ihm einen Brief aus dem Englischen ins Russische.

Erstaunte Schüler

Im Lauf des Besuchs wurden dem Deutschen bewusst – und später durch Selwyn Williams bestätigt – dass Ramsey als junger Wissenschaftler der Los Alamos-Group angehörte, die an der Atombombe mitforschte, die in Japan (Hiroshima, Nagasaki) unendliches Leid auslöste. Nicht alle Wissenschaftler wussten was sie taten, wurden von der amerikanischen Administration bewusst im Unklaren gelassen. Ein Foto vom 89er-Nobelpreisträger hing auch im Physik-Kabinett des Bad Belziger Fläming-Gymnasiums. In einer Englisch-Vertretungsstunde bemerkte der Wiesenburger zu den Schülern einer Abiturklasse: „Ein guter Bekannter von mir.“ Es gab ungläubiges Staunen. Doch er konnte es beweisen.

Ausgerechnet Fisch

In Oxford, ein Stadtteil Bostons, angekommen, legte sich Williams aufgrund des Jetlags erst einmal hin, während der Deutsche gleich aufbrach, um die Umgebung zu erkunden. Befürchtungen er könnte sich verlaufen, entkräftigte er mit dem Hinweis auf seine passablen Englischkenntnisse. Nach seiner Rückkehr ging es dann mit dem Gastgeber und weiteren MIT-Kollegen in ein exzellentes Fischrestaurant. Für Manfred Kuhle nicht unbedingt die 1. Wahl, da ihm das Fischessen durch die zweifelhafte Qualität in seiner Kindheit verleidet war. Mit Lachs konnte er sich gerade noch retten.

Schnell integriert

Dank seiner Herkunft entwickelte sich ein hochinteressanter Ost-West-Dialog. Die US-Amerikaner nutzten die Gelegenheit einen ehemaligen Ostdeutschen „ausquetschen“ zu können. Kuhle musste mit seinem russischsprachigen Hintergrund „tausende“ von Fragen beantworten. Am folgenden Tag sollte der nächste neue Nobelpreisträger bekannt gegeben werden. Es wurde ein „Gedrittelter“: ein Japaner, ein „fremder“ Amerikaner und erneut ein Vertreter des MIT. Die Zeit bis zum freudigen Verkünden wurde mit Schach verbracht. Der Deutsche bestand den Test dank seiner sowjetischen Schachfreunde aus Wünsdorf, die ihm einiges beigebracht hatten. Nun war Manfred Kuhle integriert.

Erstaunen über Unkenntnis

Am nächsten Tag wartete ein hartes Programm auf ihn. Beim Besuch einer Privatschule prasselten viele Fragen auf ihn ein, die er gern beantwortete. Dabei staunte er über die große Unkenntnis der jungen Amerikaner, die sich scheinbar nur für ihren Kontinent interessierten. Danach ging es zur Harvard-University, wo Kuhle einer Vorlesung über Atom-Physik beiwohnte. Später berichtete er seinem ehemaligen Physiklehrer Gmeiner aus Niemegk davon. Für Kuhle war es ein tolles Erlebnis, obwohl er thematisch nicht viel verstanden hatte. Der Tag klang mit Sightseeing durch die Ostküsten-Metropole aus. Für den Wiesenburger waren unter anderem die Wolkenkratzer beeindruckend, aber auch die geschichtlichen Orte, zum Beispiel im Hafen, wo an die Boston Tea Party erinnert wird.

Aufregung in der Kirche

Aufregung kam auf, als die Besuchergruppe eine Kirche im Stadtteil Hingham aufsuchte, obwohl ein Schild „No entry“ an der angelehnten Pforte hing. Nach einem Alarm dauerte es nicht lang und die Cops brausten mit heulenden Motor an. Doch schnell wurde die Angelegenheit geklärt, die Ordnungskräfte sahen, dass die Gruppe nur Touristen waren. Auch den Scherz des Deutschen: „They hang him in Hingham“, wurde ihm verziehen. Trotz der Schönheit der Stadt blieb Manfred Kuhle aber nicht die krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich verborgen. Vor allem die Diskriminierung von Nicht-Weißen wie Afroamerikaner, Asiaten oder spanisch sprechenden Einwanderern.

Fahrt nach Vermont

Am eigentlichen Columbus Day ging es im Auto des Gastgebers durch Massachusetts, New Hampshire und passierten dabei viele der sogenannten Covered Bridges, also Brücken mit Dächern. Der Ursprung der Dächer lag darin, die Lebensdauer der Holzbrücken zu erhöhen. Und da meist auch Wände an beiden Seiten der Brücken hochgezogen waren, ließen sich Pferde besser darüberführen, die sonst bei dem fließenden Wasser gescheut hätten.
Die Fahrt war wie ein Farbenrausch. Das gleißende Licht färbte die Ahornwälder im „Indian Summer“ in allen Tönen des rot-braun-goldenen Farbenspiels. Das Ziel war eine Kaderschmiede junger Wissenschaftler mit ihrem Doktor-Vater in Vermont. Der Wiesenburger war ein begehrter Gesprächspartner, der sich auch in Darts, Schach und Tischtennis auszeichnen konnte. Er durfte viel über das wiedervereinte Deutschland sowie über seine Studienzeit an der Lomonossow-Universität in Moskau und seinen vielen Reisen in circa 40 Länder der Welt berichten.
Trotz hin und wieder gegensätzlicher Meinungen mit Bürgern der USA, hat Manfred Kuhle dieses Land immer wieder gern besucht. Auf insgesamt acht Nordamerika-Besuche brachte er es bisher.