Was ist der Unterschied zwischen Recycling und Upcycling? Ein Junge aus der 7. Klasse der Beelitzer Solar-Oberschule weiß Bescheid: während beim Recycling nur die Rohstoffe geschreddert und wiederverwendet werden, entstehen beim Upcycling aus nicht mehr benötigten Produkten oder weggeworfenen Materialien in oft sehr kreativer Art und Weise neue Dinge. Das Ergebnis konnten die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse diese Woche gleich selbst in Empfang nehmen: Sie bekamen die Umhängetaschen aus fairem Handel, die drei südafrikanische Näherinnen aus einer Township bei Kapstadt für sie aus Werbebannern und anderen Planen genäht haben. Auch am Gymnasium wurden derartige Umhängetaschen aus fairem Handel an die Schüler überreicht. Das Projekt ist Teil der Kampagne „Fair Trade Town“, in der Beelitz Mitglied ist.

„Re-load – Bags for the world“

Es ist eine sehr spezielle Unterrichtsstunde hier in der Solar-Oberschule. Der gebürtige Potsdamer Peter Kirsten hat das Label „Re-load – Bags for the world“ ins Leben gerufen, in dessen Rahmen die Taschen für die Beelitzer Schüler hergestellt werden. Er ist derzeit Corona-bedingt in Deutschland und erzählt den Schülerinnen und Schülern der 7. und der 8. Klassen über seine zweite Heimat Südafrika, in die er vor zwölf Jahren ausgewandert ist. Laufen dort Löwen oder Geparden durch die Straßen? Natürlich nicht. Man kann sie aber auf Safaris sehen. Und Kirsten zeigt den Schülern ein besonders eindringliches Bild eines Kampfes zwischen einer Löwin und einem Löwen, den die Löwin am Ende leider nicht überlebt hat.

Alltag südafrikanischer Schüler

Viele Teile Kapstadts wirken auf den Fotos wie in einer europäischen Stadt. In einem Einkaufszentrum ist sogar ein Laden der Marke Adidas zu sehen, wie viele Schüler gleich bemerken. In den südafrikanischen Schulen tragen die Kinder Uniform – Nagellack ist verboten, wie Kirsten einem Mädchen auf dessen Frage hin bestätigt. Ein Junge will wissen, ob es Steckdosen gibt, um Handys aufzuladen. „Ja natürlich, die haben alle Handys und Fernseher“, sagt Kirsten. Das sei für Südafrikaner kein Luxus – für viele seien Handys notwendig, um ein Mindestmaß an Kommunikation aufrechtzuerhalten und beispielsweise ihre Familie zu erreichen.

Fotos und Videos aus der Township Seawinds

Gerade in den Townships leben viele Menschen, besonders die Schwarzen, in Armut. Kirsten zeigt auf dem Whiteboard des großen Klassen-Mehrzweckraums Fotos und Videos aus der Township Seawinds, in der seine freiberuflichen Näherinnen wohnen. Unter anderem auch etwas verwaschene aktuelle Aufnahmen, die seine Chef-Näherin Vanessa in ihrer Blechhütte – zugleich auch ihr „Näh-Atelier“ – aufgenommen hat. Seawinds ist eine große Township am Rande Kapstadts. Wie bei Vanessa sind die meisten Hütten in den Townships aus Wellblech, das die Bewohner irgendwo gefunden haben. Wenn es regnet, stellen die Bewohner Wassereimer unter die Löcher in der Decke, durch die es reintröpfelt. Heizungen gibt es in ganz Südafrika kaum und in den Townships erst recht nicht, obwohl im südafrikanischen Winter die Außentemperatur schon mal auf klamme fünf Grad Celsius sinken kann. Im Sommer wird es unter den Blechdächern dagegen extrem heiß.

Einnahmen auch in Südafrika weggefallen

Aktuell sind die Bewohner der Township, wie die Menschen in ganz Südafrika, von Corona und besonders den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie gebeutelt. Schließlich sind viele Einnahmequellen weggefallen. „Wir wissen nicht, wie wir überleben sollen“, schreiben die Näherinnen auf der Homepage des Projekts. Die Südafrikaner machen aber oft viel aus dem Wenigen, das sie haben. Im Bus singen die Leute, statt stumm auf den Boden oder in ihr Handy zu starren. Kirsten zeigt ein Video von einem Stiefeltanz – südafrikanische Kinder und Jugendliche in Gummistiefeln stampfen rhythmisch auf die Erde und klatschen gegen die Stiefel – auch einige Schüler fangen an, mitzuschnalzen.

Tasche aus einer alten LKW-Plane

Gummistiefel als Musikinstrumente. Ähnlich pragmatisch geht es auch oft im wirtschaftlichen Leben zu. Ein Freund von Kirsten bewunderte eines Tages dessen Tasche aus einer alten LKW-Plane. Als er hörte, dass solche Taschen in Europa 100 bis 150 Euro kosten, schlug er vor, diese selbst herzustellen. Schon am nächsten Tag hatte der Freund Planen besorgt, Näherinnen organisiert und los ging es – ohne große Genehmigungen, wie das in Deutschland notwendig gewesen wäre. 140 Taschen haben die Näherinnen jetzt für die Beelitzer Schulen produziert, im nächsten Jahr sollen es 160 sein. Kirsten und seine Frauen stellen Taschen auch für Unternehmen, Anwaltskanzleien, Forschungsinstitute, Kongresse und weitere Kunden her. Die Näherinnen verdienen bei derartigen Aufträgen 20 bis 30 Euro am Tag – Geld, von dem sie Essen kaufen können oder vielleicht ein neues Stück Blech für die Hütte. Mit Erlösen aus dem Projekt wurde auch der Bau eines Kindergartens in der Township unterstützt.

Arbeit muss Spaß machen

An der Beelitzer Oberschule stellen die Schülerinnen und Schüler viele Fragen – ob man Nashörner streicheln kann, ob südafrikanische Frauen auch das Haus verlassen und warum Kirsten als Biologe nicht mehr im Labor arbeitet, sondern nach Afrika gegangen ist. „Ich finde es nicht das Wichtigste, dass man viel Geld verdient, sondern dass man an möglichst vielen Tagen sagen kann, die Arbeit macht mir Spaß“, sagt Kirsten.

Oberschüler mit eigenen Entwürfen

Die Kinder der Solar Oberschule haben sich auch selbst viel mit den Taschen befasst und eigene Entwürfe gemacht. Diese seien sehr kreativ gewesen, sagt Kirsten, der sich besonders an ein Design mit einer Art Lichtorgel erinnert. Am Ende hat es leider nicht geklappt, dass jeder Schüler seinen eigenen Entwurf bekommen konnte. Das sei auch technisch gar nicht möglich gewesen, sagt Kirsten. Nicht zuletzt weil die Näherinnen für die Upcycling-Taschen eben die Materialien nutzen, die gerade vorhanden sind. Die Tasche sei aber „ganz cool“, sagt ein Mädchen aus der 8. Klasse. Ihre Freundin hebt hervor, dass die Näherinnen ein bisschen Geld verdient hätten. „Ich finde die Tasche gut“, sagt auch ein Mitschüler. Er werde sie für den Sport nutzen. Die Stadt übernimmt die Kosten von 30 Euro pro Tasche.

Beelitz und Baruth erhalten Fördergelder

Die Taschen-Aktion sei ein „sehr schönes Projekt“, sagt die Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik in der Stadtverwaltung, Marie Fechner. Sie ist seit August über die „Servicestelle Kommunen in der Einen Welt“ in Beelitz tätig, einem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und von den Bundesländern geförderten Kompetenzzentrum für kommunale Entwicklungspolitik. Beelitz ist neben Baruth die einzige Brandenburger Kommune, die Fördergelder aus diesem Topf erhält. Fechner lobt, dass die Schulen und die Stadtverwaltung hier gleichermaßen ein entwicklungspolitisches Projekt unterstützen – und die Schüler davon profitieren könnten. Derzeit organisiert sie auch eine Wanderausstellung zum Thema „fairer Handel“. Außerdem hat Beelitz seit diesem Jahr eine Partnerschaft mit der südafrikanischen Kommune Witzenberg, mit der die Spargelstadt demnächst gemeinsame Projekte starten möchte. Demnächst finden an den Schulen auch wieder Workshops statt – dieses Jahr zum Thema „Soziale Gerechtigkeit und Digitalisierung“. Neben der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit ist Fechner ständig auf der Suche, wie die Stadt, ihre Wirtschaft und die Bewohner noch nachhaltiger wirtschaften können. Unter anderem hat sie auch schon Gespräche darüber geführt, ob man Spargelfolie recyceln kann – oder vielleicht sogar upcyceln. (www.reloadbags.wordpress.com)