Der erste und bisher einzige Besuch der südlichen Erdhalbkugel war für den Wiesenburger Manfred Kuhle im Mai 2014 ein Erlebnis der besonderen Art und zugleich eine große sportliche Herausforderung. Denn erst stellte er sich bei der Senioren-Tischtennisweltmeisterschaft der Konkurrenz. Schach spielte er selbstverständlich auch, speziell im Flugzeug, da British Airways bekanntlich über ein hervorragendes Schachprogramm verfügt. Bei insgesamt circa 45 Stunden Flugzeit – Hin- und Rückflug nach Neuseeland – eine willkommene Abwechslung.

Abstecher nach Hongkong

Bei der Reiseplanung kalkulierte Kuhle einen dreitägigen Aufenthalt in der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong ein. Allein der Anflug erwies sich als atemberaubend, wie auch die Stadt selbst mit ihren Menschenmassen, Hochhäusern, den Hafen mit seinen Dschunken. Der nette Fremdenführer gab einen interessanten Einblick über die Entwicklung der Stadt: von einem Piratennest zur Wirtschaft-, Banken- und Handelsmetropole.
Die Skyline von Auckland hatte es Manfred Kuhle angetan.
Die Skyline von Auckland hatte es Manfred Kuhle angetan.
© Foto: Manfred Kuhle

Rugby ist die Nummer 1

Bei der Ankunft in Auckland offenbarte sich Neuseeland als Sportnation, wenngleich mit englischem Einschlag. Dank des Briten James Cook gehört Neuseeland zum British Commonwealth, daher sind die Sportarten auch typisch britisch, wie zum Beispiel Cricket. Die unumstrittene Nummer 1 ist aber Ruby. Die Rugby-Heros waren überall in großen Schaukästen präsent, die Nationalmannschaft – die „All Blacks“ – ist eine Institution. Bei der Rundreise über die nördliche Insel trug der Deutsche einen UEFA-Anstecknadel am Revers, worauf er immer wieder angesprochen wurde. Die einheimische Bevölkerung war sehr aufgeschlossen und interessiert, so dass Manfred Kuhle viele Gespräche führen musste. Sehr zu seinem Vergnügen.
Bei der WM-Eröffnungsfeier sorgte diese Folklore-Truppe für viel Unterhaltung bei den nicht-neuseeländischen Gästen.
Bei der WM-Eröffnungsfeier sorgte diese Folklore-Truppe für viel Unterhaltung bei den nicht-neuseeländischen Gästen.
© Foto: Manfred Kuhle

Nicht ohne Sieg

Über seine guten Eindrücke des Landes konnte der Wiesenburger dann einer Schulklasse erzählen, die beim Training vorbeischaute. Als er dann noch erzählte, er sei früher selbst Lehrer gewesen, wurde es eine muntere Frage- Antwort-Runde. In der Einzelvorrunde bekam er es mit einem „alten Bekannten“ zu tun: Fuji Yokohama. Den Japaner hatte er vor zwei Jahren bei der WM in Stockholm als Gegner im Doppel. Yokohama stellte noch seine Frau vor - mit Abstand und tiefer Vorbeugung -, dann war Schluss mit der Artigkeit, er ließ dem Deutschen keine Chance. Anschließend besiegte Kuhle einen Neuseeländer, der vor Jahren aus Yorkshire ausgewandert war. Gegen seinen dritten Gegner, ein früherer Berliner Meister, der nun in Sydney wohnte, ließ sich erneut wenig ausrichten, so blieb nur der dritte Gruppenplatz.
Futuristisch präsentierte sich die Veranstaltungshalle der Tischtennissenioren-WM in Auckland.
Futuristisch präsentierte sich die Veranstaltungshalle der Tischtennissenioren-WM in Auckland.
© Foto: Manfred Kuhle

Beidhändiger Gegner

Dies bedeutete nicht das Veranstaltungs-Aus, es ging weiter im B-Turnier. Wartezeiten füllte der Wiesenburger mit Schach-Analysen, da er stets sein Steckschach parat hatte. Dies gab ihm immer wieder Entspannung und Konzentration für seine Tischtenniswettkämpfe. So auch beim Sieg über einen Chinesen. Er spielte nur den sogenannten Block und hatte das Glück, dass der Vertreter aus Guam mit Gewalt die Entscheidung suchte und sich selbst durch seine Ungeduld besiegte. Die Freude währte nur eine Stunde. Dann kam ein Japaner aus Tokio, der im ersten Satz als Rechtshänder, im zweiten Satz als Linkshänder agierte. Der asiatische Sportlehrer beherrschte mehrere Sportarten exzellent, darunter auch halt Tischtennis.
Bei diesem Bild muss man augenblicklich ans "Auenland" denken, dank der Peter Jackson-Verfilmung von "Herr der Ringe" in Neuseeland.
Bei diesem Bild muss man augenblicklich ans „Auenland“ denken, dank der Peter Jackson-Verfilmung von „Herr der Ringe“ in Neuseeland.
© Foto: Manfred Kuhle

Brasilianische Chinesen

Kuhles WM-Bilanz wurde dann durch seinen starken, zugelosten Doppelpartner aus Taiwan, Tsung Ping Hsu, verbessert. Das Duo bekam es mit starken asiatischen Kontrahenten zu tun. Es besiegte Indien, verlor gegen den Titelverteidiger aus Japan und dann ganz knapp gegen Australien. In der Trostrunde freuten sich die Beiden zunächst auf das Doppel aus Brasilien. Doch es waren Chinesen aus Sao Paulo, die sich knapp mit 3:2 durchsetzten.
Mit der Trikotnummer 602 bestritt Manfred Kuhle die WM 2014 in Neuseeland.
Mit der Trikotnummer 602 bestritt Manfred Kuhle die WM 2014 in Neuseeland.
© Foto: Manfred Kuhle

Coach dank Englischkenntnisse

Doch damit war Kuhles WM-Einsatz noch nicht beendet. Im Laufe des Turniers freundete er sich mit den beiden einzigen polnischen WM-Teilnehmern, Andrzej Truszcynski und Krzysztof Piotrowski. an. Der Deutsche übersetzte für Beide, die des Englischen nicht mächtig waren. Truszcynski, lebte in der Schweiz, hatte aber einen deutschen Pass und trat auch für Deutschland an. Der WM-Modus sah vor, dass im Ü40-Hauptturnier die Doppel englischsprachige Coaches haben müssten. So fiel die Wahl auf Manfred Kuhle, der sich darüber sehr geehrt fühlte. Er musste sich zunächst in die Traineraufgabe hinein fuchsen, was ihm aber immer besser gelang. Da das Duo ihre ersten drei Gegner aus Indien, Australien und Japan klar beherrschte, jeweils 3:0-Erfolge, fand der Wiesenburger die Zeit frühzeitig kommende Gegner zu beobachten. Er erkannte den schwächeren Part des Doppels, ob Links- oder Rechtshänder, ob sie ruhig oder hektisch agierten oder ob sie mehr Wert auf Angriff oder Abwehr legten.

Wertvolle Tipps

Die Tipps waren wertvoll, die Kontrahenten aber auch immer anspruchsvoller. Es folgten richtige Olympiateilnehmer von London 2012 aus Chile und Argentinien. Während die Chilenen sich als faire Spieler erwiesen, mit denen man trotz ihrer klaren 0:3-Niederlage noch angenehm plaudern konnte, erwiesen sich die „Gauchos“ als ruppiger. Doch auch sie hatten mit 1:3 das Nachsehen. Jetzt erwartete Kuhle als nächstes eigentlich das chinesische Team. Er schaute sich die Viertelfinalpartie gegen Tschechien an. Er staunte, denn die baumlangen Tschechen leisteten großen Widerstand, gingen an ihre Leistungsgrenze und siegten mit 3:2. Doch der Erfolg kostete Kraft, was den Kuhle-Schützlingen entgegenkam.

Trotz böser Vorahnungen weiter

Der Wiesenburger kam sich schon vor wie das „tapfere Schneiderlein – sieben auf einen Streich“. Der siebente Gegner kam aus St. Peterburg. Über ihre Qualitäten wusste das Duo von Coach Kuhle, man hatte gemeinsam trainiert. Mit bösen Vorahnungen ging es an den Tisch. Doch trotz Rückstand und Matchball gegen sich, setzte sich das polnisch-deutsche „Trio“ im Halbfinale durch. In seiner ersten Trainertätigkeit stand Manfred Kuhle in einem WM-Finale. Vor 10.000 Zuschauern kamen die Finalgegner aus Shanghai, die beide auch das Einzelfinale bestritten. Da beide auch noch aus dem gleichen Klub kamen, sprachen sie sich ab, um Kräfte zu sparen. Das missfiel dem Publikum und gab seine Gunst den europäischen Außenseitern.

Fünf Sätze erzwungen

Kuhles Trainer-Taktik ging zunächst auf. Truszcynski schlug gegen den „Schwächeren“ (der Spieler war natürlich alles andere als schwach in seinem Metier) auf: 1:0 für die Europäer. Es folgte eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Ausgleich, dann wieder Führung. Der Coach bekam feuchte Hände, staunte ungläubig über den Einsatzwillen seiner Schützlinge, die den fünften Entscheidungssatz erzwangen. Sie führten dann sogar mit 4:2. „Bitte ein Kantenball“, dachte Manfred Kuhle, doch der folgte nicht. Somit ging die Führung bei schlechterer Aufstellung verloren und die Europäer unterlagen – und dass auch verdient – mit 2:3. Beim 6:11 fehlten letztendlich fünf kleinen Bälle zum Titel.

Freude über Erfolg ungetrübt

Nach kurzer Trauer überwog aber der Stolz über die Vize-Weltmeisterschaft, der anschließend mit sechs Nationen tüchtig gefeiert wurde. Die Rücktour am anderen Tag verlief nicht ganz so reibungslos, mit Verspätungen beim Flug und der Bahn, doch das konnte die Freude bei Manfred Kuhle über seinen größten sportlichen Erfolg nicht trüben.