So zirka sieben Meter neben unserem Hühnerstall im Garten entdeckte ich kürzlich einen Fuchsbau. Zwar hinter einer hohen Mauer in einem sehr großen Brombeerbusch, aber für unsere Hühner doch bedrohlich nahe. Schon vor einigen Jahren hatte ich aus Sorge einen „fuchssicheren Zaun“ um den Hühnerhof gebaut. Bisher ging es gut. Doch die List des Fuchses ist uns wohl bekannt. Sollte der Listige am Ende auch der Glücklichere sein?

Der Rabe und der Fuchs

Damit bin ich bei unserer Fabel. In den meisten Versionen dieser Fabel wird erzählt: Ein Rabe hatte einen Käse gestohlen. Er flog damit auf einen Baum und wollte seine Beute dort oben in Ruhe verzehren. Der Fuchs schmeichelt seinem „Gesang“. Der Rabe sperrt den Schnabel auf und lässt den Käse fallen. Der Fuchs frisst genüsslich auf und lacht über den törichten Raben. Der Fuchs, als klug und gewitzt dargestellt, kommt durch eine List an sein Ziel. Der Rabe hingegen ist der klassische Verlierer. Er ist dumm genug, auf die Schmeicheleien des Fuchses herein zu fallen. Er verliert die Beute und erntet noch Spott. Eitelkeit gepaart mit Dummheit wird bestraft.

Lessings Rabe und Fuchs

Lessing ändert die Fabel gegen unsere Erwartungen. Es wird zur Denksportaufgabe... Lieber Leser, liebe Leserin, bitte denken Sie mit!
„Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner für die Katzen seines Nachbarn hingeworfen hatte, in seinen Klauen fort. Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein Fuchs herbei schlich und ihm zurief: „Sei mir gesegnet, Vogel des Jupiter!“ „Für wen siehst du mich an?“, fragte der Rabe. „Für wen ich dich ansehe?“, erwiderte der Fuchs. „Bist du nicht der rüstige Adler, der täglich von der Rechten des Zeus auf diese Eiche herab kommt, mich Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich zu schicken noch fortfährt?“

Das Ende des Fuchses

Der Rabe erstaunte und freute sich innig, für einen Adler gehalten zu werden. Ich muss, dachte er, den Fuchs aus diesem Irrtume nicht bringen. Großmütig dumm ließ er ihm also seinen Raub herabfallen und flog stolz davon. Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf und fraß es mit boshafter Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes Gefühl; das Gift fing an zu wirken, und er verreckte. Lessing schließt: „Möchtet ihr euch nie etwas anders als Gift erloben, verdammte Schmeichler!“

Den eigenen Zusammenhang finden

Welches Beziehungsgeflecht hat der Jude und Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing vor Augen? Nun, wie ist Ihre Interpretation? In welchem Zusammenhang stehen hier List, Eitelkeit, Dummheit, Manipulation und Katastrophe?  Die Bibel: „Gott fängt die Listigen in ihrer eignen List, und der Verschlagenen Anschlag läuft ins Leere.“ (Hiob 5,13) Bitte lesen Sie auch die spannende Geschichte von Jakob und Esau, ein Paradebeispiel von List und Manipulation, und wie diese endet. (1. Mose Kapitel 27)
Uns bleibt nun die Hoffnung, dass wir unser Hühnervolk im Garten vor der List unseres „roten Nachbarn“ schützen können. Mal sehen, wie es ausgeht…