Paul Lips wurde überrumpelt – wie viele andere vom Krieg in der Ukraine, von der Spendenbereitschaft seiner Mitmenschen und nicht zuletzt von unserem Interview. Nur 36 Stunden bevor er seine Fahrt ins polnische Korczowa antrat, haben wir den Bad Belziger getroffen. „Ich war und bin fassungslos, dass das, was aktuell in der Ukraine passiert, heute – im Jahr 2022 – noch so möglich ist“, antwortet er auf die Frage nach dem Motiv seiner Aktion.
Weiterer Stein des Anstoßes seien bestehende Kontakte einiger Freunde in die Ukraine gewesen. Diese persönlichen Schicksale gingen ihm nahe; so nah, dass er mit einem Freund den Plan schmiedete, Hilfsgüter mit einem Transporter direkt an die Grenze zu bringen. Laut den Vereinten Nationen sind wegen des Krieges in der Ukraine bereits mehr als 1,5 Millionen Menschen aus dem Land geflohen. Allein in Polen sind nach Angaben des Grenzschutzes seit dem Kriegsbeginn am 24. Februar rund 922.400 Flüchtlinge aus dem Nachbarland eingetroffen. „Eigentlich wollte er mich auf der Reise begleiten“, berichtet Paul weiter über seinen Kumpel, „aber er hat jetzt erfahren, dass er die Familie einer Freundin aus dem Land holen kann… da wird er dringender gebraucht“.

Die große Spendenbereitschaft der Mitmenschen begeistert

Seine Spendenaktion startete der Heilerziehungspfleger auf Facebook. Dort schrieb er: „Ich kann nicht anders. Es geht um Kinder, die ohne Heimat, irgendwo auf den Straßen sitzen. Sie haben nichts zu Essen und ihnen ist kalt. […] Ich bitte euch von ganzen Herzen, helft uns. Wir benötigen Decken, Lebensmittel, Getränke und vielleicht on top Spielzeug. Wir haben viel Platz in unserem Transporter.“

Frankfurt (Oder)/ Cottbus

Gesammelt wurde am 1. und 3. März auf dem heimischen Hof. Paul erinnert sich: „Als wir anfingen, Kontakte zu knüpfen und zu planen, habe ich gedacht, ich packe einen Transporter voll, fahre da runter und Bad Belzig hat einen kleinen Teil zur Hilfe beigetragen.“ Aus dem einen Transporter sind mittlerweile drei geworden.

Spenden in Säcken, Kartons und Kisten, mit dem Bollerwagen oder einem Auto gebracht

„Am ersten Sammeltag lief es noch geordnet ab“, erklärt Katja Weise, die gemeinsam mit Paul in Bad Belzig lebt, „aber der zweite Sammeltag hat alle Erwartungen übertroffen. Es war der Wahnsinn“. Die Leute kamen: mit Säcken, Kartons und Kisten, mit dem Bollerwagen oder einem Auto, aus Belzig und den umliegenden Ortschaften. Nicht nur den spendenbereiten Menschen um sich herum möchten Paul und Katja danken, auch denen, die ohne zu zögern vor Ort zupackten. Freiwillige haben Spenden sortiert und für den Transport verpackt.
Katja führt aus: „Das waren Menschen, die wir vorher nicht kannten“. Auf die Reise gehen dankt aller Hilfe vor allem konservierte Lebensmittel, Getränke, Babynahrung und Hygieneartikel. Kleidung lagern Paul und seine Freundin vorerst ein, da diese sich schlecht packen lässt und der Bedarf geringer ist: „Wenn die Flüchtlinge in Deutschland ankommen, verteilen wir die Sachen.“

Paul Lips hat sich für den Spendenfahrt Urlaub genommen

Paul Lips hat sich für diese besondere Reise frei genommen. Am Montagmorgen gegen drei Uhr gings los. 902 Kilometer bis Korczowa. In Korczowa, das nur drei Kilometer vor der Grenze zur Ukraine liegt, sitzen aktuell viele Flüchtlinge fest, haben die Helfer um Paul erfahren. Auch die Rücktour soll nicht umsonst sein: „Aufgrund der Umstrukturierung können wir bis zu 15 Personen mitnehmen“. Finanziert wird der Konvoi aus Geldspenden – unter anderem Familie Baaske sowie Familie Wagner/Nothdurft – und eigenen Finanzmitteln gleichermaßen.
Freundin Katja ist mulmig bei dem Gedanken, dass ihr Liebster so nah an die polnisch-ukrainische Grenze reisen wird: „Er fährt zwar nicht ins Land, aber schon nah an die Grenze. Aktuell ist nichts sicher.“ Ob Sie Angst hat? „Ich bin sehr stolz auf ihn und finde wichtig, was er hier macht. Trotzdem bin ich froh, wenn er wieder zuhause ist.“
Aktuelle Entwicklungen im Krieg in der Ukraine haben wir in einem Liveticker zusammengefasst.