Das Jahr 1996 brachte die Fußball-Europameisterschaft nach England und begeisterte ein ganzes Volk. Manfred Kuhle spielte im gleichen Jahr erneut auf Empfehlung seines Schach-Großmeisterfreundes Dr. John Nunn vom Hamburger Schachklub von 1830, beim Turnier in Hastings. Es war verblüffend für ihn in der zweithöchsten Turnierkategorie ohne internationales Rating antreten zu können. Respekt verschaffte er sich durch sein Eröffnungsrepertoire – die von ihm betreuten Elite-Schachsoldaten aus Wünsdorf ließen grüßen. In vier Hastingsturnieren erkämpfte sich der Wiesenburger eine FIDE-Halbnorm von 2.200 Elo-Punkten. Märchenhaft.

Englands Bester

In der Endkonsequenz fehlten Kuhle ein halber Punkt, denn sein allerletzter Kontrahent war der Star aller Stars: Alan Phillips. Zuvor hatte der Russisch- und Englischlehrer gegen einen englischen Jugendmeister ein Remis erzielt. Der Oberschiedsrichter informierte ihn nach der Computerauslosung: „Morgen kommt wieder ein Jugend-Meister“, und lachte. Dem Deutschen schwante arges: höchste Gefahr. Kurz vor Turnierbeginn kam ein älterer Herr mit Pepita-Hütchen mit rhythmischen Schritt auf Manfred Kuhle zu und sagte: „Hello, Mr. Kuhle. I’m your opponent.“ Alan Phillips war in der Tat ein oftmaliger englischer Jugendmeister, aber auch mehrfacher England-Champion, Teilnehmer der Schacholympiaden in Mumbai (Indien) und 1956 in Moskau. Aus Begeisterung über die russischen „Schachgötter“ lernte der Brite autodidaktisch russisch und hatte persönliche Kontakte zu Ex-Weltmeister Smyslow und zu David Bronstein. Beide wurden von ihm in seine Heimatstadt Chester eingeladen. Die gesamte englische Großmeistergarde – später in Diensten vom deutschen Mannschaftsmeister Lübecker SV waren in jungen Jahren „Opfer des Altmeisters“ und winkten ab, als der Wiesenburger seinen Namen erwähnte.
Auch Kuhle – dem „ostdeutschen Russen“ gelangte dies zur Ehre. Wohl auch wegen seiner Ehefrau, einer Deutsch-Lehrerin. Mit Phillips unterhielt sich Kuhle auch auf russisch. Er berichtete ihm, dass er Schuldirektor war und seine pädagogischen Kariere jäh endete, als er dem Termin, der dann auch im United Kingdom üblichen Prügelstrafe (englische Erziehung mit dem Rohrstock), zeitlich etwas vorverlagerte. Danach hatte er mehr Zeit zum Schachspielen und Bücherschreiben, unter anderem „Chess: Go years on with caissa and friends“ sowie „The Chessteacher“.

Telefonate über ManU

Es stellte sich heraus, dass Alan Phillips wie so viele englische Großmeister glühender Fußballfan war – in seinem Fall Manchester United und nicht Chelsea, wie bei vielen anderen. Der Brite nahm es dem Deutschen nicht übel, dass er pro Arsenal, Tottenham Hotspurs (mit Mitgliedskarte) und Leeds United war. Phillips wurde zu einem festen Freund von Manfred Kuhle, der ihn nach jedem ManU-Spiel – er besuchte viele Matches in Old Trafford – telefonisch viele Kommentare gab, besonders über den deutschen Auswahlkeeper „Lihmen“ (Jens Lehmann). Er konnte kaum glauben, dass sein deutscher Freund in der Vorbereitung und Ablauf der EURO‘ 96 FA-Mitarbeiter war. Leider verstarb Phillips bereits 2009, mit 85 Jahren.

Schnell amortisiert

In der Vorbereitungsphase auf die Fußball-EM hatte der Wiesenburger vier Headquaters (Hauptquartiere): Hastings (Süd), London-Hotel Nähe Hydepark sowie Maidenhead/Berkshire (Mitte), und Tadcaster Nord Yorkshire (Nord). Der strategische Eisenbahn-Knotenpunkt war Reading. Ein Eisenbahner beriet Kuhle, um eventuell trotz riesiger Fanbewegung (zum Beispiel die italienischen Tifosi), schnell ans Ziel zu kommen. Dies stand alles unter der Devise: „Every day an new discovery.“ - zu deutsch jeder Tag eine neue Entdeckung.
Der Lehrer kaufte sich ein „britrail-ticket“ für einen Monat. Trotz der Kosten von 700 DM war dies praktisch „geschenkt“, da Bahnfahren im Königreich sehr teuer ist. Nach drei längeren Fahrten waren die Kosten schon wieder drin. Der Wiesenburger sah von der Eröffnung bis zum Finale am 30. Juni 1996 zusammen mit „Betty“, Queen Elisabeth II, insgesamt 14 Begegnungen. Das Geheimnis: er kam als FA-Mitarbeiter überall hinein.

Fan-Beobachtung

Die Briten machten ihre Heim-EM zu einem tollen Ereignis. Die Historie von Robin Hood bis in die Gegenwart wurde in den Stadien – reine Fußballarenen ohne Aschenbahn – perfekt nachgestellt. Manfred Kuhle erhielt Freikarten von den Teilnahmeländern, die ihr Kontingent nicht ausschöpften, wie zum Beispiel die Türkei. Die Türken machten am meisten Krach, obwohl sie kein Tor schossen, kein Spiel gewannen. Kuhle musste täglich computerlesbare Fragebögen auszufüllen über Fanbefragungen, Beobachtungen Hooligans betreffend, und so weiter. Dabei gab es die tollsten „Ungereimtheiten“, wie etwa….., wer ist Bure? Großes Rätselraten in der Deutschland-Gruppe, als im Russland-Spiel eine größere Fangruppe mit Bure-Aufdruck auf ihren T-Shirts auftauchten. Kein Brite, kein Mitarbeiter konnte es entschlüsseln. Er wusste, dass es baltische Eishockeyfans waren.
„Bobbies“ (englische Polizisten) waren seine besten Mitarbeiter. Sie waren vernetzt und hatten einen phantastischen Überblick über Parallelpartien. Der Deutsche konnte den Tifosis schonend mitteilen: die Azzuris sind in der Vorrunde ausgeschieden. Wer hätte gedacht, dass die Tschechische Republik Italien in der Gruppenphase „killte“.

Wette verloren

Viel Beachtung wurde natürlich der Begegnung Schottland gegen England geschenkt, auch aufgrund der rivalisierenden Hooligans. Der Begriff geht auf einen Mr. Hooligan zurück, der durch sein aggressives Verhalten auffiel. Beide Mannschaften trugen am 30. November 1872 in Glasgow das erste internationale Fußballländerspiel aus, das mit einem 0:0 endete. Wetten ist im Königreich weit verbreitet, es wird bekanntlich auf fast alles gesetzt. Bei diesem Klassiker setzte Kuhle auf einen 2:1-Erfolg der Engländer. Die Partie endete jedoch 2:0, auch weil der Schotte Mc Allister einen Elfmeter vergab. So wurde es nichts mit der umgerechnet 800 DM-Wettsumme.
Vor dem Halbfinale England gegen Deutschland gab der Mittelfeldstar Paul Gascoigne („Gazza“) antideutsche Töne von sich, wofür er von der britischen Boulevardpresse getadelt und als „Schluckspecht“ und „Schande für unser Land“ tituliert wurde. Die Bestrafung folgte auf dem Fuß, in Form des Elfmeterschießens. In dieser Form der Auseinandersetzung zogen die Engländer wieder einmal den Kürzeren.

Gnade von Robson

Davon konnte 1990 bei der WM der damalige National-Coach Bobby Robson ein Lied singen. Er hatte auch eine spezielle Meinung über „Gazza“, sagte, der wäre dumm wie Bohnenstroh. Manfred Kuhle erspähte Sir Robson, damals Trainer des FC Barcelona, einmal beim Tennisturnier in Wimbledon. Er sprach ihn an, und erhielt in geschützter Lage sein Autogramm, ohne großes Aufregen zu erzeugen. Ansonsten wäre es mit der Ruhe für den Trainer, dem schon zu Lebzeiten ein Denkmal in Ost-England gesetzt wurde, vorbei gewesen. Sir Robson sagte zum Abschied: „Den Deutschen ist verziehen.“
Nach dem Finale, in dem der unglaubliche Trainer Berti Vogts mit seiner Elf durch ein „Golden Goal“ durch Oliver Bierhoff triumphierte, bedankte sich Manfred Kuhle für die Unterstützung durch die FA und versuchte tröstende Worte für die englische Nationalmannschaft zu finden. Allerdings hielt sich die Anteilnahme bei den Schotten und Walisern in Grenzen. Er verstand dies, nachdem er im Rugbymuseum in Cardiff (Wales) ein Stück Rasen aus dem Jahr 1904 bewunderte, auf dem der „Erzfeind“ England zum ersten Mal in Rugby besiegt wurde.

Dank der Gastgeber

Die englischen Gastgeber gratulierten dem Wiesenburger. Er bedankte sich für das „Fair play“ und war auch ein wenig stolz über seinen kleinen Beitrag zum Gelingen des Fußballfestes. Konnte sich aber die Bemerkung nicht verkneifen, als er mit schwerem Gepäck (Literatur, Bücher, Arbeitsmaterialien) als neugebackener Englischlehrer beim Zoll stand: „The cup is coming home.“ Noch Jahre nach diesem „event“ erhielt Kuhle noch Freikarten als FA-Mitarbeiter, brauchte nur seinen Europäischen Reisepass vorweisen. Dies ist nach dem Brexit leider nur noch Geschichte.