Manfred Kuhle, damals Englisch-Lehrer an der Thomas-Müntzer-Gesamtschule in Ziesar, hatte es zum Ende der 90er Jahre, im Bemühen seine Englischkenntnisse zu erweitern, nach Wales verschlagen. Die Grundidee war, alle Teile des United Kingdom zu besuchen.
Über „Studiosus (der nicht ganz billige Sprachreiseveranstalter) hatte Kuhle die Gelegenheit, einen der interessantesten und kuriosesten Briten (alte Schule!) als Tutor zu erleben. Das kam so: In einem Ferienhaus sollte er nach Llanelli zu einer Lehrerfamilie. Die fiel jedoch wegen Krankheit aus. Der „Ersatzmann“ war ein Hochkaräter namens Selwyn Williams. Er war für „Studiosus“ eigentlich Fachmann für Ausländer, die in der Stahlindustrie zu tun hatten, doch für Manfred Kuhle war er frei.

EU-Bedenken hautnah

Wiliams arbeitete an der Universität Lampeter (West-Wales) – im Ort lebten nur 5000 Einwohner – und galt als Hüter wichtiger Unikate für Wissenschaftler aus aller Welt, egal ob aus China, Japan, Russland, USA oder Kanada. Er verwaltete auch Kriegsbeute aus norddeutschen Universitäten. Der Wiesenburger sagte scherzhafterweise zu ihm: „Du hast Probleme, wenn ich auch nur ein Exemplar nach Old Germany zurückführe.“ Darüber lächelte Williams nur mild. Es wertete es als „joke“.
Im Laufe der Zeit steigerten sich die Zusammenarbeit der Beiden phantastisch. Er war im Denken des British Empires, lehnte „Brussels“, also die EU kategorisch ab: „Die haben eine Brücke gebaut, über die nie einer gegangen ist.“ Darüber musste sein deutscher Gast schon schmunzeln. Williams hatte die Gabe. Kuhle in Sprachsituationen zu bringen und sich dann zurückzuziehen, etwa in Gesprächen mit „Bobbies“.

Kontakte über Schachclub

Die Uni war ebenfalls einzigartig. Studenten aus circa 40 Ländern, deren Lieblingsprodukte über den Großhandel Manchester nach Bestellung am nächsten Morgen zu kaufen waren, zum Beispiel französische Baguette oder australische Weine. Einen Schachclub gab es auch, so dass der Wiesenburger als Stammgast genügend Kontakte hatte und bestens die Gepflogenheiten in „Cymru“ (Wales) aufnehmen konnte. Bei Pub-Besuchen schärfte Williams ihm ein, sich niemals mit Briten auf „Darts“ einzulassen: „Denn erst lassen sie dich gewinnen, dann ziehen sie dir das Fell über die Ohren.“ Es wurde natürlich um Geld gespielt. Viele Waliser waren arm. Eine größere Banknote wurde sehr kritisch ob ihrer Echtheit überprüft und gegebenenfalls nicht angenommen.

Der Deutsche wusste es

Einem Videoshopbesitzer gab Manfred Kuhle den Englisch-Lehrplan zur Auslieferung von Unterrichtsmaterial zur Lehrzwecken. Er erhielt eine stattliche Kollektion. Der Mann war übrigens stellvertretender Bürgermeister und stellte Manfred Kuhle stets als „Gentleman from East Germany vor“. Als Repräsentant trug er eine große Halskette.
Interessant waren die öffentlichen Quizveranstaltungen – charity, dies hieß, die Gewinne wurden gespendet. Kuhle war dabei und im United Kingdom kam natürliche eine Fußballfrage vor: „Wann war England das letzte Mal Olympia-Sieger?“ Die Briten nahmen an, dass es 1948 in London als Gastgeber war. Weit gefehlt. Der Deutsche wusste es. Stockholm 1912. Williams schrie gleich: „Der Deutsche hat recht.“ Großes Erstaunen in der Runde.

Erst Welsh dann English

Kuhle war viel unterwegs im Land der etwa 5.0000 Schafe bei circa 3.000 Einwohner. Häufig hieß es: Our staff (Mitarbeiter) is speaking welsh.“ Etwa the Milkman of Comarthen. Die „armen“ Schüler in Wales „durften“ zuerst Welsh lernen, eine schwierige keltische Sprache, die aber Unterrichtsprache war. Dann selbstverständlich auch Englisch, das sie bei höherem Schulbesuch nach England oder auf dem Kontinent benötigten, um später attraktive Jobs zu bekommen. Außerdem herrschte ein strenges Regime. Es gab bei schlechtem Benehmen oder Faulheit sehr schnell etwas an die Löffel“ (englische Erziehung); im Extremfall gab es auch noch körperliche Züchtigung für die chic in Schuluniform gekleidete Eleven. Manfred Kuhle spielte auch Fußball mit A-Jugendlichen, wobei er mit seinen Papieren als FIFA-, UEFA und FA-Mitarbeiter punkten konnte, aber auch betonte, dass sein Englisch noch nicht so gut sei. Zu seinem Trost meinten drei Mitspieler, sie stammen aus Irland und könnten gar nichts. Als Iren standen sie in der Schul-Hierarchie ganz unten.

Erster Kontakt mit Waliser

Der Wiesenburger unterhielt sich oft mit seinen Schachfreunden im Club der Uni Lampeter. Anerkennung verhalf die vierfache Turnierteilnahme in Hastings. Die Turnierprotokolle konnte er vorweisen. Insgesamt 16mal besuchte Manfred Kuhle Wales (vielleicht rekordverdächtig für einen vom Kontinent). Sein Jubiläumsbesuch (Nr. 10) blieb ihm in guter Erinnerung. Es gelang ihm seinen Freund Selwyn Williams zu einem Fußball-Besuch zu überreden. Eigentlich wurde der Waliser vor vollendete Tatsachen gestellt, da der Wiesenburger persönlich beim walisischen Fußballverband vorsprach und zwei exzellente Tickets erwarb. Erstaunlich war, dass der Mitarbeiter 1957 in Leipzig Augenzeuge des 2:1-Erfolges der DDR im WM-Qualifikationsspiel über Wales, vor 110.000 Zuschauer, war. Ein Rekord für die Ewigkeit. Als Schüler der 9. Klasse hatte Kuhle 1957 gerade erst ein Jahr Englisch gehabt, dennoch leistete er sich den Luxus – oder besser Mutprobe – ein Interview mit den walisischen Abwehrrecken John und Mel Charles zu führen. So war „Big John“ der erste Waliser dem er die Hand schüttelte.

Gesang trotz Rückstand

Mit Williams besuchte Manfred Kuhle die Partie Wales gegen die Niederlande. Für den Deutschen überraschend sangen die Waliser über die gesamten 90 Minuten die Hymne „Land of my fathers“. Selbst als aus der 1:0-Führung ein 1:3-Rückstand wurde. Unter dem Motto „we only lost three – one“ nahmen die Gastgeber die Niederlage nicht sonderlich ernst. Es ging ja nicht um Rugby. Denn der Stolz der Waliser ist ….. Rugby. Mit Abstand die Nummer 1 aller Sportarten – weit vor Fußball.

Erinnerung an Oertel

Als Kuhle dann ein Spiel in Cardiff besuchte, fiel ihm die Übertragung von Heinz Florian Oertel ein, der 1957 in seiner gekonnten Art faszinierend vom Rückspiel berichtete. Er vermittelte den staunenden Rundfunkhörern der DDR einen gigantischen Kampf aus dem ausverkauften Stadion Ninian-Park. Damals lauschte er mit einer Superachtung und viel Ehrfurcht der Reportage. Doch als der Wiesenburger Ende der 90er Jahre selbst „vor Ort“ war, musste er laut lachen. Der Ninian-Park ist ein kleines, eher fipsiges Sportfeld, mit einem Fassungsvermögen von damals 16.000 Zuschauer, das bis zu seinem Abriss 2009 auf 22.000 Plätze ausgebaut wurde. Die DDR-Auswahl unterlag damals mit 1:4 und musste die WM abschreiben.

Rückennummer „1958“

Wales gelangte als Gruppenzweiter noch Losentscheid durch ein gewonnenes Zusatzspiel (Araber wollten nicht gegen Israel antreten) 1958 doch noch zur WM nach Schweden. So spielten vier britischen Teams um den WM-Sieg, bei nur 16 Teilnehmern: England, Schottland, Wales und Nordirland. Bei der Senioren-Tischtennisweltmeisterschaft im spanischen Alicante trat Kuhle gegen einen Waliser mit der Rückennummer „1958“ an. Er war ein ehemaliger walisischer Fußball-Nationalspieler, der auch noch mit einem schwedischen! Doppelpartner antrat.

Wichtiges Stück Rasen

Manfred Kuhle erlebte in Wales viele lustige Begebenheiten. Es gibt dort zum Beispiel ein Rugbymuseum, wo ein Stück Rasen ausgestellt ist, auf dem 1904 erstmals der „Erzfeind“ England besiegt wurde. Auch der Besuch eines Schlosses in Cardiff brachte ihn zum Schmunzeln. Dort waren Uniformen eines walisischen Wachregiments zu sehen, die im „Kalten Krieg“ an der Berliner Mauer zum Einsatz kamen. Doch auch der Gegner der anderen Seite wurde nicht vergessen, es gab eine Uniform der Nationalen Volksarmee zu bestaunen. Der Museumschef sah Kuhle lachen, fragte nach dem Grund. Er entgegnete: „It’s me.“ Das bin ich.
Zu der Zeit herrschte im United Kingdom große Beunruhigung aufgrund des IRA-Terrors. Reisende mit Gepäckstücken wurden argwöhnisch beäugt. Kuhle wollte eine Sightseeing-Tour in Cardiff unternehmen, musste aber zunächst massive Überredungskünste anwenden, ehe er den Busfahrer überzeugte, dass er nur ein harmloser „Kraut“ (Nickname für Deutsche) war.

Glück mit der „Libelle“

Viele Waliser wussten nicht, dass sie einen Flughafen besitzen. Kein Wunder, es war auch eher eine Improvisation. Der Wiesenburger wollte von Wales über Irland nach Deutschland. Für den Flug auf die grüne Insel wartete eine sehr bescheidene Maschine auf die Passagiere, von Kuhle liebevoll „Libelle“ tituliert. Sie hatte 32 Plätze und jeder Fluggast durfte nur ein Gepäckstück mitnehmen. Kuhle hatte zwei. Zum Glück für ihn war ein Passagier ohne Gepäck und er durfte einsteigen.

Alle 16 Bundesländer besucht

In Deutschland arbeitete Manfred Kuhle wieder in Ziesar als Englisch-Lehrer. Schach nahm noch immer einen großen Raum in seinem Leben ein. Er erwarb die bundesdeutsche Turnierleiter-Lizenz und leitete an seinem Schulstandort eine Jugend-Schachgruppe. Zudem gab es noch seine Dolmetschertätigkeit für den Bundesligisten Hamburger Schachklub (HSK) im HSV. Beim damaligen Aufsteiger St. Ingbert holten die Hanseaten einen haushohen Sieg. Die Saarländer – die sich auch nur eine Spielzeit im Oberhaus halten konnten – hatten nur mehr oder weniger unbekannte Amateure in ihren Reihen und waren chancenlos. Doch durch den Trip hatte Kuhle nun alle 16 Bundesländer besucht.

Europapokal in Luxemburg

Hochinteressant blieb ihm auch der Europapokal-Auftritt 1993 in Luxemburg in Erinnerung. Der HSK durfte dort starten, obwohl es zuvor im Deutschen Pokalfinale eine knappe Niederlage gegen Bayern München gab. Die Bayern lebten von einem Privatsponsor. Als er drei Jahre später verstarb war das Schach-Projekt in München ebenfalls „gestorben“, da der FC Bayern sich weigerte die Kosten (geschätzte 1. Million D-Mark) zu übernehmen. Die Hamburger verkauften sich prima beim Turnier in der wunderschönen Stadt Luxemburg. Sie feierten einen Sieg über Gambit Bonnevoie, doch nach der Niederlage gegen la Dame Blanche Auxerre war Schluss für sie im Wettbewerb. Der Europapokal wurde bestimmt durch die starken Osteuropäer. Der Sieg ging an das kroatische Team Draga Mursa Osijek.