"Es ist wichtig, auch in Corona-Zeiten zu gedenken", sagte der Bürgermeister. Vor knapp vier Wochen hatte er die offizielle Gedenkveranstaltung, an der in den vergangenen Jahren jeweils mehr als 100 Menschen teilnahmen, aufgrund der Virus Pandemie absagen müssen. So wie Nachfahren von Inhaftierten des KZ-Außenlagers, die am diesjährigen Gedenken in der Stadt teilnehmen wollten, ebenfalls ihre Besuche aufgrund der Pandemie absagen mussten.
"Aber so durfte dieser wichtige Tag nicht vergehen. So baten wir unsere Freundinnen und Freunde in Frankreich, Belgien, Russland, Italien und England, ob sie uns ihre Gedanken zu diesem 75. Jahrestag schicken", ergänzt Inge Richter. Persönliche und berührende Briefe kamen bald darauf in Bad Belzig an. "Kinder und Verwandte der Frauen, die in Belzig im KZ-Außenlager litten, starben oder mit einer unsäglichen Erinnerung überlebten, machten damit das diesjährige Gedenken zu einem besonderen, bedeutenden Gedenken. Dafür gilt ihnen unserer Dank. Wir waren in Gedanken bei ihnen", sagt die Vorsitzende des Förderkreises.
Mehr als 2.500 Frauen, Männer und Kinder waren von 1944 bis 1945 im Lager Roederhof inhaftiert und mussten in der unweit gelegenen Munitionsfabrik arbeiten. Ende April 1945 waren 600 Frauen aus dem Lager auf einen Todesmarsch geschickt worden. 72 Frauen, die krank und nicht mehr gehfähig waren, wurden im Lager zurückgelassen. Als sich die Lagertore öffneten und ihr Martyrium endete, lebten nur noch 63 von ihnen. Die übrigen waren zwischenzeitlich verstorben und erlebten die Befreiung des Lagers nicht mehr.
Die 2017 verstorbene Lucienne Metzeler, damals 17 Jahre alt, gehörte zu den Überlebenden.Nach ihrer Verhaftung, als 16-Jährige war sie dem belgischen Widerstand beigetreten, kam die junge Frau in das Konzentrationslager Ravensbrück und von dort aus in das Außenlager Roederhof. Im Frühjahr 1945 kam es während ihrer Schicht in der Munitionsfabrik zu einem Unfall. Lucienne Metzeler wurden die Zehen zerquetscht. Sie überlebte nur durch eine fürchterliche Amputation. Die Zehen wurden ihr ausgerissen. In dieser Folge konnte sie nicht mit auf den Todesmarsch und wurde im Lager zurückgelassen. Ihre Tochter Josette schreibt in dem Brief, den Inge Richter dieser Tage erhielt, dass sich die Mutter nur sehr schwer von der Zeit in der Gefangenschaft erholte. Und es dauerte lange, bis sie über das Erlebte reden und als Zeitzeugin aktiv werden konnte. Fortan sprach sie jedoch vor Jugendlichen und begleitete Gruppen im Rahmen des Projektes "Pflicht zur Erinnerung" nach Deutschland.
Obgleich das diesjährige Gedenken nicht wie geplant stattfinden konnte und bedingt durch die Corona Pandemie ein stilles Gedenken war, "darf das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten", sagt Inge Richter und spricht damit Josette Metzeler aus dem Herzen. In deren Brief heißt es: ".... Dennoch bleibt die Pflicht der Erinnerung in den Herzen von uns allen, als eine moralische Verpflichtung sich an diese schrecklichen Ereignisse und an seine Opfer zu erinnern, um sicher zu gehen, dass sich solche Ereignisse niemals wiederholen können".
"Ich bin froh, nicht in diese Zeit hineingeboren worden zu sein", so Bürgermeister Roland Leisegang.
Info: Die Briefe sind auf der Internetseite www.aussenlager-roederhof.de lesen.