"Ein Happy End. Zumindest wenn man das Geschehen vor fünf Wochen ausblendet", so der Storchenvater. Lachend ergänzt er: "Seit dem 21. Juni sind die beiden dauerhaft liiert." Das hat Werner Paul beobachtet, der von daheim direkt auf den Storchenhorst blicken kann.
Was war geschehen? Anfang Juni hatte sich ein Altstorch einen schweren Flügelbruch zugezogen. Er wurde verletzt auf dem Kietz eingefangen und musste in eine Spezialtierklinik nach Magdeburg gebracht werden. Der Nachwuchs der beiden Altstörche - zwei Jungstörche von 390 und 500 Gramm die erst zwei Wochen zuvor geschlüpft waren - mussten am Tag darauf aus dem Nest genommen werden. "Die beiden hätten sonst nicht überlebt. Sie wären verhungert oder, wenn der verbliebene Altstorch auf Nahrungssuche ist, von Krähen oder Raben gefressen worden", erklärt Rettig. Sie waren zu diesem Zeitpunkt schlichtweg zu klein, um Angriffe aus der Luft abwehren zu können.
Mit Tierärztin Gudrun Schmidt brachte er den verletzten Storch in die Tierklinik und die Ministörche zum Storchenhof Loburg. Dort gibt es eigens für Fälle wie diese einen Storchenkindergarten. Die Vögel überstanden die unfreiwillige Reise gut. Mittlerweile sind die Minis schon tüchtig gewachsen. Der größere der beiden konnte schon am 11. Juni in Rosian, einem Ortsteil von Möckern, in den dortigen Storchenhorst zu zwei Jungstörchen gesetzt werden. Der zweite Jungstorch wurde am 22. Juni in den Storchenhorst in Faulenhorst in der Altmark eingesetzt. "Gut zu wissen, dass beide Jungstörche nun von den jeweiligen Orten ihre Reise nach Afrika antreten werden. Das anfängliche Drama hat nun doch ein glückliches Ende", freut sich Gerhard Rettig.
Sorge bereitet indes noch immer der Gesundheitszustand des verletzten Altstorches. "Er musste am Montag vom Storchenhof Loburg wieder nach Magdeburg in die Tierklinik gebracht werden. Der offene Bruch ist nach wie vor schwerwiegend. Bis zum nächsten Donnerstag wird nun eine Entscheidung getroffen, ob der Heilungsversuch erfolgreich war oder eine Amputation des Flügels vorgenommen werden muss. In diesem Fall wird der Storch dann in einem Tierpark oder einer ähnlichen Einrichtung sein weiteres Leben bestreiten", erklärt der Cammeraner Storchenvater. Ein zurück nach Cammer wird es für ihn damit nicht mehr geben. Umso größer ist die Freude, dass der zurückgebliebene Altstorch so schnell wieder eine neue Liebe fand. Gerhard Rettig geht davon aus, dass die beiden im August die 5.000 Kilometer lange Reise nach Afrika gemeinsam antreten und, so ihnen das Glück hold ist, im kommenden Frühjahr zum Brutgeschäft nach Cammer zurückkehren werden. "Es ist schön, dass sich die beiden gefunden haben", findet auch Andreas Koska. Der 63-Jährige hatte damals mitgeholfen, den verletzten Altstorch einzufangen.
Storchenhistorie
Das Storchenpaar in Cammer hatte in den vergangenen zwei Jahren jeweils vier Junge aufgezogen.
1983 verunglückte bereits einmal ein Altstorch im Dorf. Damals durch einen Stromschlag.
Der Storchenhorst wurde 2002 auf der Wiese am Park neu aufgebaut.
Die Bruterfolge werden seitdem genau dokumentiert und können sich sehen lassen.
51 Jungstörche wurden seit 2002 in Cammer flügge.