Was war ihr erster Gedanke, als Sie vom Coming-Out Thomas Hitzlspergers gehört haben?
Björn Ferch: Ich dachte, ok, jetzt möchte er vor Sotschi noch einmal ein Zeichen setzten. Gleichzeitig wunderte ich mich aber über die Politiker, die ihm applaudierten. Es sind die gleichen, die Schwulen und Lesben ihre Rechte vorenthalten. Dieser Applaus ist mir zu kurz gedacht. Was wäre, wenn er noch ein aktiver Spieler gewesen wäre, dann hätte der DFB Farbe bekennen müssen. Oder was ist mit der WM in Katar, da hat Fifa-Chef Sepp Blatter gesagt, Schwule sollen wegen der landesüblichen Gesetze auf Sex verzichten.
Sie sind Pfarrer in Bad Freienwalde. Haben Sie schon Ressentiments wegen ihrer Homosexualität erlebt?
Es gibt natürlich immer Vorbehalte, Ängste. Aber nie so, dass ich sage, ich muss hier weg.
Wie gehen Sie mit ihrer Homosexualität um?
Für mich ist es nichts Besonderes, ich habe es mir nicht ausgesucht, es gehört zu mir. In der Gemeinde muss meine Arbeit stimmen, da ist es egal, wem ich einen Gute-Nacht-Kuss gebe.
Sie leben im Pfarrhaus mit ihrem Mann zusammen.
Ja. Wir haben eine eingetragene Lebenspartnerschaft. Ich wehre mich gegen den Begriff Ehe, einfach, weil wir zwar die gleichen Pflichten haben, aber nicht die gleichen Rechte wie in einer Ehe. Wenn ich ein Kind adoptiere und mir passiert etwas, erhält mein Partner zum Beispiel nicht automatisch die Fürsorge.
Die Ehe gibt es auch in der Bibel, aber zwischen Mann und Frau.
Ja, aber wir reden hier über die bürgerliche Ehe. Der biblische Ehebegriff ist noch einmal etwas anderes. So wie ich die Bibel auslege, ist die Ehe auf Mann und Frau angelegt. Adam und Eva, das ist für mich ein Bild, aber eines, das die Kirche stark prägt.
Die Bibel ist da doch ziemlich klar. "Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so (...) sollen beide des Todes sterben", heißt es im 3. Buch Mose (20,13).
Damit ist für mich aber etwas anderes gemeint. Der Mann soll nicht freiwillig zur Frau werden, auf seine Rangordnung verzichten. Man muss bedenken, in welcher Zeit der Text entstanden ist, damals gab es Stämme, Sippen. Kinder zu bekommen war wichtig für das Überleben der Gemeinschaft. Dass darüber überhaupt ein Wort verloren wird, zeigt aber auch, dass es Homosexualität schon damals gab.
Sie nehmen das also nicht wörtlich?
Nein, dann müssten wir andere Sachen auch wörtlich nehmen. Eine solche Bibelstelle bringt mich nicht aus dem Konzept. Ich bin lutherisch und Anhänger der historisch-kritischen Methode. Natürlich ist für mich die Bibel Gottes Wort, aber für mich findet es sich auch zwischen und unter den Zeilen.
Ich sehe auch die Frau als gleichberechtigt an. Man muss die Texte in die moderne Gesellschaft übertragen.
Ihre Kirche hatte nie ein Problem mit Ihrer Homosexualität?
Nein, ich bin hier in einer Landeskirche, die kein Problem damit hat. Was nicht gewollt ist, ist eine wilde Ehe im Pfarrhaus, aber das finde ich auch völlig in Ordnung.
Wie viele Pfarrer in Brandenburg sind denn homosexuell?
(lacht) Mehr, als man denkt. Das Problem ist auch, dass durch den CSD (Christopher Street Day) in Berlin ein anderes Bild Homosexueller in der Öffentlichkeit existiert. Aber so gibt sich nur eine Minderheit. Ich denke, es sind etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Pfarrer und Pfarrerinnen.
Hatten Sie nie Probleme mit Ihrer Homosexualität in Ihrer beruflichen Laufbahn?
Nie. Ich wollte immer Pfarrer werden. Als Kind dachte ich, das muss so wichtig sein, was der Pfarrer da sagt. Aber auch: Kann man das nicht so sagen, dass es die Leute anspricht?
Ich habe mich nach meinem Theologiestudium normal beworben, musste durch ein Assessment-Center. In den Gesprächen wurde dann am Ende gesagt, dass ich mit meinem Partner ins Pfarrhaus einziehen werde. Und das war es dann.
Sie kommen aus dem Rheinland?
Ja. Ich bin Lutheraner. DAS ist im Rheinland ein echter Bekenntnis-Akt. Wir haben im Studium sehr kontrovers die Bibel diskutiert. Der Gedanke an Gott als den alten Mann mit Rauschebart ist nett, aber das ist Kindergartenglaube, der sich ersetzen muss durch einen Erwachsenenglauben. Mit Luther gesprochen, müssen wir mündige Christen schaffen, der Glaube muss sich immer wieder in Frage stellen lassen, nur so kann er fest und sicher werden. Ich weiß nicht, wie der liebe Gott ist. Das stört vielleicht einige, die sagen, der Pfarrer muss doch Antworten haben. Die habe ich, für mich. Aber ich sage nicht, dass sie allgemein gültig sind.
Wir stehen in einem Spannungsfeld als Amtsperson, als Leiter der Gemeinde, als Anwalt der Bibel. Früher war ein Pfarrer ja schon fast heilig, ich verstehe mich heute lieber als Teamchef.
Bei der katholischen Kirche gibt es den Zölibat.
Gut, aber wenn man das Gelübde ablegt, weiß man, was das heißt, und hat sich auch dafür entschieden. Warum nicht? Ich fände vielleicht gut, wenn es beides geben würde für die, die wollen, und die es nicht wollen.
Ist es auf dem Land nicht viel schwerer als im freien Berlin?
Unterschätzen Sie das Land nicht. Ich wollte hierher. Es ist anders als in Berlin. Hier bin ich ein öffentliches Gesicht, man kennt mich auf der Straße, und ich kenne die Mitglieder meiner Gemeinde. So wollte ich es. Und wenn meine Boxershorts auf der Leine hängen und die Kita-Erzieher gehen vorbei, sagen sie, ach schau mal, er mag also kariert.
Sie werden in einer Kirche noch den Segen für ihre Partnerschaft bekommen?
Ja. Das ist fest geplant. Und es wird in Bad Freienwalde sein.
Noch zum Schluss, wie sehen Sie insgesamt das Coming-out von Thomas Hitzlsperger, hat es etwas gebracht?
Ein Coming-out ist auch immer eine Provokation. Warum sollte man dies tun? Ich lebe einfach so, wie ich es für richtig halte, ohne das groß zu thematisieren. Ich renne nicht durch die Straßen und rufe 'proud to be gay' (stolz, schwul zu sein, Anm. d. Red.). Ich glaube, er hat sich selbst keinen Gefallen getan. Er wird nur noch dafür bekannt sein und wird es schwer haben, seine Ruhe wiederzufinden.
Ein Fußballer ist auch so weit weg. Ich glaube, dass es mehr bringen würde, wenn "normale" Leute einfach selbstverständlich sagen: Ich fahre mit meinem Freund in den Urlaub. Gerade an den Schulen, schwul ist ein Schimpfwort, wenn dann Jugendliche das an sich entdecken, in der Pubertät, die eh eine große Baustelle im Kopf ist, da braucht es Menschen, die damit ganz normal umgehen. So wie ich, die sagen, ich verliebe mich in den Menschen, nicht in das Geschlecht.