Mit einem Klemmbrett, darauf eine sogenannte Tageskarte, einem Stift und sehr viel Sachverstand macht sich Martin Müller auf den Weg. Sein Ziel: Eine möglichst genaue Kartierung der häufigsten Brutvogelarten. Monitoring heißt das in der wissenschaftlichen Fachsprache. Mehrfach in diesem Frühjahr hat sich Müller, Ornithologe aus Hohenwutzen, dieser Aufgabe schon verschrieben.
Eine aufwendige, wie er demonstriert. "Heute trage ich mit Kürzeln alle Arten auf dieser Tageskarte ein. Später werde ich die Arten dann einzeln auf Karten eintragen", erklärt Müller. Jede für sich. Zwei Tage wird er dafür brauchen. "Doch wenn man das über mehrere Jahre macht, lassen sich Trends ablesen", begründet Müller seine aufwendige Arbeit. "Es gibt Gewinnerarten, die mit der jetzigen Wirtschaftsweise des Menschen zurechtkommen." Viele Vögel jedoch tun das nicht. Als Gründe sieht Müller die Agrarindustrie wie er die intensive Landwirtschaft im Oderbruch nennt. "Durch Spritzen und Düngen gibt es nur eine Kultur auf den Feldern", sagt er. Da sei es quasi egal, ob es sich um eine asphaltierte Straße oder ein Feld mit Monokultur handelt, das Ergebnis für die Natur ist dasselbe.
Von der politischen und umweltrechtlichen Situation abgesehen bietet sich dem Ornithologen ein idyllisches Bild. Das Spektiv gibt, mit 30-facher Vergrößerung, den Blick auf einen Kiebitz im frisch gepflügten Feld frei. "Entweder er scharrt sich eine Nistmulde", überlegt Martin Müller und stellt die 60-fache Vergrößerung ein. "Oder er sucht einfach nur Futter." Hier eine Grauammer auf der Oberleitung, da ein Mäusebussard auf dem trockenen Ast einer Pappel, dort der Storch auf dem Schornstein am Schöpfwerk Neutornow. In immerhin vier Kilometern Entfernung von Martin Müllers Ausgangspunkt des Monitorings am Ortsausgang von Neuranft.
"Die Ornithologie schult Auge und Ohr", sagt Martin Müller, der viele Vögel nicht mal sehen muss, bevor er sie bestimmen kann. Hochkonzentriert geht er einige Meter in den Ort hinein und notiert die Aktivitäten der Tiere: mit Futter, singend, rufend, warnend. "Das Wetter ist ideal", sagt Martin Müller. "Es ist mild, kein Wind, wenig Verkehr." Die Uhrzeit scheint es auch: Zwischen 7.30 Uhr und 8.45 Uhr notiert Martin Müller auf seiner Tageskarte, was er hört und sieht. Grauammer und Mönchsgrasmücke singend, Lachmöwe auf Nahrungssuche, Nachtigall singend, Nebelkrähe und Hausrotschwanz rufend, Graureiher fliegend, Ringeltaube rufend, notiert der Ornithologe in das Buchstabengewimmel auf dem Blatt Papier vor sich. Erlenzeisig, Rauchschwalben, Grünfink, Elster, Kohlmeise kommen hinzu.
Etwa 30 bis 40 Arten kann Müller ausmachen, schätzt er. Das zu filtern, wenn später jede Art eine extra Karte bekommt, ist harte Schreibtischarbeit. "Ich beobachte lieber, als das ich am Schreibtisch sitze", gibt der Hohenwutzener unumwunden zu. Gerne ist er auch mit ornithologischem Nachwuchs unterwegs. "Immer mehr Leute entdecken die Vogelkunde immer mehr für sich", weiß Müller. Was die sie daran reizt? "Die Natur, die Stille, das Schärfen der Sinne." Gerne gibt Martin Müller auch bei Exkursionen sein Fachwissen weiter und begeistert andere für die Ornithologie.