Mit blonder Perücke und Sakko in die Rolle einer Fernsehmoderatorin geschlüpft, kündigt Nathalie Percillier von der Bürgerinitiative "Uns stinkt's schon lange" einen seltenen Gast an. Kurz darauf rollt ein alter Mercedes vor das Amphitheater auf dem Gutshof Reichenow. Ein Mann mit Schweinenase steigt aus. Es ist Nummer 75-91, ein Schwein, das eine Mastanlage überlebt hat. In Nathalie Percilliers vor Sarkasmus triefender Schweine-Performance erzählt 75-91, gespielt von BI-Mitglied Peter Beck, von seinen Erfahrungen. "Ich konnte nicht bis zehn zählen, da war ich kastriert - ohne Betäubung." Auch sein Ringelschwanz sei abgefackelt worden. "Was ist ein Schwein ohne Schwanz?", fragt das traumatisierte Schwein rhetorisch.
Die Bürgerinitiative, die gegen eine geplante Schweinemastanlage in Reichenow kämpft, hatte für Sonntag zur Podiumsdiskussion eingeladen. Debattiert wurde über Landvergabe, Bedingungen für Tierhaltung sowie die Folgen für Verbraucher und Umwelt. Zu Beginn zeigten sich die Gäste noch einig. Auf die Frage, wie sie sich die Landwirtschaft der Zukunft vorstellen, antwortete Axel Vogel, Fraktionssprecher der Grünen im Landtag: "Ich wünsche mir, dass die Konzentrationsprozesse gestoppt werden." In Brandenburg sollten wieder bäuerliche und ökologische Landwirtschaft einziehen. "Ich wünsche mir, dass Deutschland nicht mehr Billigfleisch-Exportweltmeister ist." Auch Martin Hollants, Reichenower, Gemeinderats- und BI-Mitglied, wünschte sich kleine und mittelständische Unternehmen im Ort, die an den regionalen Kreislauf angebunden sind. Michael Luthardt, argrarpolitischer Sprecher der Linken-Fraktion im Landtag sprach sich für mehr Brandenburger Produkte auf Berliner Bio-Märkten aus und weniger "Heuschrecken", die sich Land unter den Nagel reißen. Reinhild Benning, Leiterin des Bereiches Agrarpolitik beim BUND erläuterte, dass die Gesellschaft für Billigfleisch nicht nur an der Theke zahle. Hinzu kämen die ökologischen Folgekosten - etwa durch die Wasseraufbereitung, drittens Agrar-Subventionen und viertens der Verlust wirksamer Antibiotika. Bernd Benser, Direktkandidat der CDU für den Wahlkreis 33, plädierte für kürzere Wertschöpfungsketten und unterstrich, dass das Bewusstsein der Verbraucher geschärft werden müsse.
An diesem Punkt schieden sich Geister. Man könne beispielsweise Hartz IV-Empfängern nicht vorwerfen, billiges Fleisch zu kaufen, argumentierte Axel Vogel. Auch Reinhild Benning kritisierte Schuldzuweisungen an Verbraucher. Trotz eines Rückgangs des Schweine-Konsums in Deutschland werde nach wie vor viel zu viel produziert. Das drücke die Preise so, dass nur große Betriebe überleben könnten. Im ökologischen Segment hingegen sei die Nachfrage viel größer als Angebot, zitierte sie eine Studie der Universität Göttingen.
Die Expertin des BUND hakte immer wieder nach und forderte von den Politikern, die dem Vernehmen nach die Ziele der BI unterstützen, konkrete Zielvorgaben. Besonders Michael Luthardt wurde als Vertreter einer Regierungspartei in die Zange genommen. Brandenburg fördere die Ansiedlung riesiger Betriebe, kritisierte unter anderem Axel Vogel. Luthardt brachte die Idee einer landeseigenen Vergabegesellschaft des Landes ins Spiel und forderte, es müssten Obergrenzen für Tierhaltung geschaffen werden. Dass diese sich nicht alleine nach Tieren pro Quadratmetern bemessen werden könne, wurde mehrfach betont. Es müsse berücksichtigt werden, wie viele Flächen zum Anbau von Futtermitteln und zum Ausbringen der Gülle es gebe, forderte Reinhild Benning.
Bernd Benser, als Konservativer Außenseiter in der Grün-Roten Runde, betonte wiederholt, seine Partei habe Hausaufgaben zu erledigen und müsse sich bei der Aufklärung von Bürgern engagieren.