Gerade in diesen Tagen werden die Erinnerungen an die Ereignisse an der Oder wieder wach, jährt sich doch das Jahrhunderthochwasser zum 20. Mal. Einer der damals im Hochwasserstab saß, ist Hans-Peter Trömel. Am Freitag ließ er die brenzlige Situation, die sich bis zum 30. Juli 1997 in Hohenwutzen zuspitzte, als Einführung in die Diskussion mit den Direktkandidaten für die Bundestagswahl noch einmal Revue passieren.
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Die Oder mit einem Einzugsgebiet von 120 000 Quadratkilometern (89 Prozent liegen im polnischen, sechs im tschechischen und fünf im deutschen Grenzgebiet) sei die Lebensader für die Menschen in Ostbrandenburg. Sie bringe Segen, aber auch Probleme, so Hans-Peter Trömel. Der Segen liege darin, dass man das Wasser der Oder hier brauche - für die industriellen Schwerpunkte, die Binnenschifffahrt, die Beregnung der Äcker und für den Wassertourismus. Der Fluch liege in den Hochwassersituationen der Oder, die, so Trömel ein Sommerfluss sei, der kein Nachwuchs von oben habe. So komme es zu großen Hochwasserspitzen von sechs bis sieben Metern, aber auch zu Niedrigwassersituationen von einem Meter. "Heute vor 20 Jahren hat sich die Hochwassersituation im Oberlauf des Flusses entwickelt. Es war eine 5 B-Wetterlage, die uns jetzt auch den Regen gebracht hat", so der Deichgraf. Es seien immer die gleichen Symptome - aus Südwest-Europa stiegen warme Luftmassen wassergesättigt auf und würden sich in den polnischen und tschechischen Mittelgebirgen abregnen.
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Im Juli 1997 führte das dazu, dass innerhalb von acht Tagen die Niederschlagsmenge von einem Jahr fiel. Kein Flussgebiet dieser Erde könne das gefahrlos abführen. Die ersten Meldungen seien Anfang Juli gekommen und "wir mussten mit einem sehr hohen Wasserstand rechnen". Die hohen Wasserstände erreichten die Region am 18. Juli und setzten sich drei Wochen fest. "Wir mussten zunächst mit dem Überströmen des Deiches rechnen. Wir hatten uns auch vorbereitet im Raum Lebus, Reitwein mit der Aufgabe des Deiches. Dann haben wir festgestellt, so viel Wasser kommt ja gar nicht. Und das war unser Glück", sagte Trömel. Man habe sich dann auf die Schwerpunkte konzentriert, die durch das Abrutschen der Deichböschung eingetreten waren. Das sei die Ziltendorfer Niederung mit den Deichbrüchen am 25. Juli gewesen, Hohenwutzen am gleichen Tag mit dem ersten Böschungsbruch, dann in Reitwein ein Deichriss und in Zollbrücke ein Deichriss. Der schwere Böschungsbruch bei Hohenwutzen am Krummen Ort ereignete sich am 30. Juli. "Fachleute, die international tätig waren, haben uns eine Chance von fünf Prozent gegeben. Uns ist es aber damals gelungen, den Deich zu halten. Wir wissen heute noch nicht, warum es uns gelungen ist", so Trömel. Man könne von einem Wunder sprechen. Die Ursachen des Deichrutsches sieht der Experte im torfigen Baugrund am landseitigen Deichfuß. Die Deiche seien 1769 über alte Flussarme gebaut worden. Dort habe sich durch das Eindringen von Drängewasser Sumpf und Moor gebildet, was zur Folge hatte, dass 1997 der Deich reingerutscht sei. Mehr als sieben Millionen Sandsäcke in 50 Sorten seien verbaut worden, um das Fluten des Oderbruchs zu verhindern. Nach der Katastrophe wurde der Deich bis 2006 neu aufgebaut.
Trömel appellierte an Landrat Gernot Schmidt, das Deichwarnsystem zu verbessern und die Schulung der Deichläufer nicht zu vernachlässigen. Er dankte noch einmal der Bundeswehr für ihren tagelangen Einsatz und den vielen Helfern - vom Schulkind bis zum Greis.
Bruchstelle Hohenwutzen: Mit Sandsäcken versuchten damals Bundeswehrsoldaten den Deich zu halten. Foto: Eckehard Schultz
Hans-Peter Trömel aus Bad Freienwalde lässt Ereignisse am Oder-Deich vor 20 Jahren Revue passieren