Einheimische werden mit der Internet-Seite www.berlinnet789.de allerdings nicht viel anfangen können. Sowohl das Menü als auch sämtliche Texte bestehen aus japanischen Schriftzeichen. "Ungefähr 2800 Japaner leben in Berlin, für die schreiben wir", erzählt Atsuko Rossow. 2300 Besucher zählt die Seite jeden Tag. Und die konnten zum Beispiel im September lesen, dass im Wriezener Rathaus der 80. Geburtstag des Künstlers Tatsuhiko Yokoo gefeiert wurde, der vor acht Jahren das Koyenuma-Denkmal in Wriezen errichtet hat. Und dass der japanische Arzt Dr. Nobutsugu Koyenuma von September 1945 bis zu seinem Tod 1946 das Krankenhaus der Stadt geleitet hatte.
"Koyenuma ist zu mir gekommen", sagt Atsuko Rossow lachend. Eigentlich arbeitet die Journalistin seit dem Frühjahr an einem Roman, der im Zweiten Weltkrieg spielt. Es geht um Japaner, die in Berlin leben. "Jetzt aber bitten mich immer mehr Leute, etwas über Koyenuma zu schreiben", so die 45-Jährige.
Seit 20 Jahren lebt sie jetzt in Berlin. Davor war sie schon mal für ein Jahr im bayrischen Murnau, um dort Deutsch zu lernen. Wieder in Japan lernt sie ihren zukünftigen Mann Frank kennen, einen Berliner Orgelbauer. Er nimmt sie mit in seine Heimatstadt, und sie heiraten.
Die erste Zeit sei hart gewesen, sagt die Japanerin, die in Osaka geboren ist. Etwas leichter wird es dadurch, dass man als Japaner in Berlin unter den vielen Nationalitäten nicht so auffällt. "In Murnau bin ich manchmal komisch angeguckt worden", erinnert sich die gelernte Porzellanmalerin. Aber vieles kann sie nur mithilfe ihres Mannes erledigen, weil sie noch nicht so gut Deutsch spricht. Auch von Neonazis wird das Paar angefeindet.
Ihren Job als Aushilfe in einem Altersheim muss sie aufgeben, als 1990 ihr Sohn Simon zur Welt kommt. Und während sie sich vorher nur unter Japanern bewegt hat, freundet sie sich jetzt über den Kindergarten auch mit deutschen Eltern an. Zwischendurch arbeitet sie immer mal wieder als Porzellanmalerin und verkauft ihre mit japanischen Motiven verzierten Stücke auf Kunstmärkten, Ausstellungen oder zu Hause. Mit der Geburt ihrer Töchter Vivian 1995 und Maria 1999 aber geht das nicht mehr.
So verschenkt die Frau, die immer von einem eigenen Geschäft geträumt hat, ihre Malsachen und fängt unter dem Pseudonym Ichika Rokusou (japanisch für "eine Blume" und "sechs Pflanzen") an zu schreiben. "Das habe ich schon immer gern gemacht", sagt die dreifache Mutter. Sie liest viel, besucht Seminare und lernt auch den japanischen Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe kennen.
Durch ihn bekommt sie ihren ersten Auftrag von einem japanischen Magazin. Da soll sie über deutsches Design schreiben. Später kommen immer mehr Anfragen. "Ich schreibe über Kultur, Menschen, auch Filme", so die Journalistin, die an Deutschland das viele Grün an den Straßen mag und ihre Heimat vor allem im Herbst vermisst, wenn es dort Spezialitäten wie Ginkgo und Maronen zu kaufen gibt. Nun sitzt sie jeden Tag in Zehlendorf am Computer und informiert die japanische Community über Neuigkeiten aus Berlin und dem Umland und hat für ihre Landsleute auch den Weg zum Koyenuma-Grab in Wriezen genau beschrieben.
Und sie recherchiert immer weiter für ihr Buch, trifft sich heute in Wriezen mit Klaus Stermann, dem Sprecher des Koyenuma-Komitees, und mit dem Historiker Reinhard Schmook. Und wer weiß, vielleicht findet sich ein bisschen von Wriezens Geschichte ja auch einmal in ihrem Roman wieder.