Sie ist die längste Brücke über die Oder, die einzige mit einer Mittelinsel, und sie blieb 60 Jahre ungenutzt: Die Brücke Neurüdnitz-Siekierki vereint viele Superlative auf sich. Das stellte Architekt Jens Plate, der mit dem neuen Besitzer der Brücke, Axel Pötsch, bereits seit zehn Jahren an der Öffnung der Brücke zur touristischen Nutzung arbeitet, heraus. Ein langwieriger und aufwendiger Prozess, wie Plate auf der Gemeindevertretersitzung am Montag in Neureetz schilderte.
Am 1. Juni geht der langgehegte Wunsch der beiden Männer in Erfüllung: Ab 11 Uhr laden der Freundeskreis der Europabrücke sowie der Direktor des Amtes Barnim-Oderbruch, Karsten Birkholz, und der Bürgermeister der Gemeinde Cedynia, Adam Zarzycki, zur Eröffnung der Brücke ein. Bis zum 29. September soll die Brücke jeden Sonnabend, Sonntag und feiertags von 10 bis 18 Uhr sowie nach vorheriger Anmeldung für den Draisinenverkehr geöffnet werden.
Allerdings nur für den Draisinenverkehr, wie Jens Plate und Axel Pötsch betonen. "Die Draisinen sind die einzige Möglichkeit, die Brücke zu überqueren", so Plate. Denn der Zustand der Brücke sei sanierungsbedürftig, die Unterbauten sind angegriffen, Nieten abgesprengt, Rost setzt dem technischen Denkmal zu. Der letzte Korrosionsschutz stammt aus den Jahren 1976 bis 1978. Es gebe für den Investor, der auch mit der Polnischen Bahn über den Kauf der Schienen verhandelt, viel zu tun. Dass dies nicht ohne Fördermittel aus der EU möglich sei, daran ließen beide keinen Zweifel.
Axel Pötschs Vision ist es - entgegen den Überlegungen im Bundesverkehrsministerium, die Brücke zu verschrotten - zwischen Werneuchen und dem Moriner See eine touristische Draisinen-Verbindung zu schaffen. Dabei soll dem technischen Denkmal über die Oder besondere Bedeutung zukommen. Auf der Brücke könnte ein Tagungsort entstehen, auch könnten sich Paare dort das Ja-Wort geben, führte Jens Plate aus. Zudem sei die Draisinenverbindung für Radfahrer eine hochwasserunabhängige Alternative zur Fähre in Güstebieser Loose.
Voraussetzung für die touristische Verbindung des Oderbruchs mit der Neumark ist es, die zur Brücke führende Straße, die derzeit noch keinen Namen hatte, zu benennen. "Sonst können Besucher das nicht in ihr Navigationsgerät eingeben", begründete Jens Plate. Deshalb beschlossen die Gemeindevertreter einstimmig, das Schlussstück der L 281, das auf die Eisenbahnbrücke Bienenwerder zuführt "An der Europabrücke" zu nennen.
Landwirt Kurt Müller aus Neurüdnitz wertete in der Diskussion die Investition als positives Zeichen. Er deutete allerdings auch an, dass die Brücke gesichert werden müsste, da dort ständig Fußgänger unterwegs seien. Und dies nicht nur zu touristischen Zwecken. Axel Pötsch versicherte, dass auf beiden Seiten neue Tore sowie eine Kameraüberwachung installiert werden. "Wie ist denn die Resonanz auf ihr Projekt auf der polnischen Seite?", wollte Götz Bernau aus Neumädewitz wissen. "Die Resonanz der Kommunen ist groß. Auch die Polen versuchen, das Projekt zu forcieren", unterstrich Axel Pötsch. Cedynia, Chojna und Morin seien bereits an den Planungen beteiligt. "Und wie sind die Eigentumsverhältnisse?", wollte Bernau weiter wissen. "Die Brücke ist deutsches Eigentum, die Staatsgrenzen zwischen Deutschland und Polen verläuft auf der Mitte der Oder", hieß es dazu. Genau das würde den Reiz der Mittelinsel auf der Brücke ausmachen.