In dem kleinen Raum herrscht eine angenehme Atmosphäre. Überall stehen bequeme Liegen, mit Wolldecken können sich die Patienten zudecken. Und noch eines darf nicht fehlen: eine Musikanlage. Es ist die erste Sitzung einer Musiktherapiestunde in der Kurklinik. Das Thema lautet "Musikentspannung". "Es geht um ein bewusstes, achtsames Musikhören", erklärt Musiktherapeut Swen Ermel. Die Selbsterfahrung, wie die Musik auf den einzelnen wirke, stehe dabei im Vordergrund, so der Psychologe. "Ein und dasselbe Stück wird von verschiedenen Menschen unterschiedlich erlebt", sagt er.
Swen Ermel schaltet die Musik an. Die Teilnehmer lauschen einem Stück des französischen Komponisten Erik Satie, einige schließen die Augen. "Ich habe an weites Land gedacht, an eine Landschaft", sagt eine Patientin im anschließenden Gespräch. Einer anderen Teilnehmerin seien beim Zuhören Gedanken an Meeresrauschen und an eine Balletttänzerin in den Sinn gekommen.
Mit jeder Sitzung soll die Wirkung der Musik gesteigert werden. "Im zweiten Teil versuchen wir in Entspannungs- und Genussprozesse reinzugehen", erklärt Ermel, der seit 15 Jahren Musiktherapie in der Kurklinik anbietet. Auf den langsamen Übergang kommt es dabei an. "Es bringt nichts, ruhige und entspannte Musik zu hören, wenn die Stimmung noch nicht da ist", erklärt er. Dann sei es sinnvoller erstmal mit einem rasanteren Stück zu beginnen und erst später mit einem langsamen Stück in die Entspannungsphase überzugehen. "Es ist wichtig sich zu fragen: Wo stehe ich gerade?", betont der Psychologe.
Die Arbeit mit Musik wirkt sich positiv auf das Befinden der Patienten aus. "Die neuere Forschung zeigt, dass Musik in der Lage ist, bestimmte Hirnareale zu aktivieren", erklärt Swen Ermel. Musik habe eine angstlösende oder schmerzlindernde Wirkung. Im Rahmen der Musiktherapie lauschen die Patienten aber nicht nur verschiedenen Stücken, sondern werden musikalisch selbst aktiv. Die Patienten werden zum gemeinsamen Singen angeregt und es kommen verschiedene Instrumente zum Einsatz. Der Einfluss ist sichtbar: "Die Körperhaltung sowie die Kopf- und Schultermuskulatur strafft sich beim Singen und die Atmung wird harmonisiert", erklärt der Therapeut. Aber auch die emotionale Wirkung ist nicht zu unterschätzen: "Singen macht in aller Regel froh", sagt er. Das hänge vermutlich mit der Endorphin-Ausschüttung zusammen.
Ein wichtiger Teil seiner Arbeit ist der Umgang mit Schmerz. In der Klinik seien vor allem Patienten mit chronischen Schmerzen, denen damit ein Stück weit geholfen werden kann. In einem ersten Gespräch gehe es ihm darum, die Situation des Menschen mit seinen Schmerzen zu verstehen. "Wo kommen die Schmerzen her, wie reagiert man darauf?", sind Fragen, die Swen Ermel seinen Patienten stellt. Dann kommt der musikalische Teil. "Wir komponieren gemeinsam Klänge auf Instrumenten, die den Schmerz deutlich abbilden", erklärt der Psychologe. Musikalisches Vorwissen sei dafür nicht notwendig. Instrumente wie Klangschalen, Trommeln oder Holz-Xylophone sind auch für Laien einfach zu bedienen. So könne ein dumpfer oder ein schrill klingender Schmerz transportiert werden. Danach werde eine sogenannte Linderungsmusik erarbeitet, erklärt Ermel. "Eine, die den Patienten möglichst weit von seinen Schmerzen wegbringt", sagt er. "Das gelingt nahezu immer", hat er die Erfahrung gemacht. Dabei komme ein Ablenkungsaspekt mit ins Spiel, eine gewisse Harmonie entstehe so. "Was für mich angenehm ist, das überlagert den Schmerz", bringt er es auf den Punkt. "Der Patient kann sich so von seinen Schmerzen distanzieren und sie über die Musik nach außen verlagern", erklärt er. Das Ganze wird aufgenommen und den Patienten mitgegeben. Das kann auch für die Nahestehenden sinnvoll sein. "Eine Frau hat es einmal ihrem Mann vorgespielt", erzählt Ermel. "Er hat ihr danach gesagt, dass er ihren Schmerz jetzt viel besser versteht."